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| 07:18 Uhr

Seelische Folgen von Kriminalität
Überfall löst Trauma aus

Cottbus/Kolkwitz. Eine Ärztin berichtet in Cottbus vom Leid der Betroffenen nach einem Raub in Kolkwitz. Von Rene Wappler

Bankangestellte leiden oft noch jahrelang unter den Folgen eines Überfalls. Das hat am Mittwoch die Aussage einer Fachärztin am Cottbuser Landgericht offenbart. Sie äußerte sich als Zeugin im Prozess um einen Angeklagten aus der Tschechischen Republik. Lubos E. soll sich am 17. Juni 2015 an einem Bankraub in Kolkwitz beteiligt haben, bei dem die drei Täter mehr als 20 000 Euro und 700 Australische Dollar erbeuteten.

Die Fachärztin untersuchte drei Mitarbeiter der Sparkasse, die bis heute mit der Erinnerung an den Überfall ringen. „Ein Mann wurde mit einer Pistole bedroht, die ihm ein Täter an den Kopf hielt“, sagte sie bei ihrer Aussage im Gerichtssaal. „Personen mit bestimmten Kleidungsstücken lösen bei ihm bis heute Angst aus, ebenso Alpträume und Schlafstörungen.“ Aufgrund des Traumas habe er sich für lange Zeit sozial zurückgezogen.

Eine weitere Frau, beim Bankraub mit einer Waffe bedroht, habe versucht, ihre Symptome zu überspielen und zu verdrängen, berichtete die Ärztin. Doch das sei ihr nicht auf Dauer gelungen. Inzwischen sei die Frau krankgeschrieben. Sie leide unter innerer Unruhe, unter Herzrasen und damit verbundener Angst. „Wenn ihr zum Beispiel jemand mit schnellem Schritt entgegenkommt, treten die Symptome auf“, sagte die Ärztin.

Angeklagter schweigt

Der Angeklagte ließ sich die Aussage von der Dolmetscherin übersetzen, die neben ihm saß. Zum Prozessauftakt im Mai hatte er eine andere Zeugin um Entschuldigung gebeten: „Ich kann mir vorstellen, wie Sie sich gefühlt habe.“ Er sei an jenem Tag nicht nach Kolkwitz gefahren, „um jemandem wehzutun“. Unter dem Einfluss von Alkohol und unter psychischem Druck habe er gestanden.

Zur Aussage der Fachärztin am Mittwoch schwieg er wiederum. Gutachter Dr. Jürgen Rimpel hatte zuvor mit dem Angeklagten gesprochen. Demnach war Lubos E. bis zum Jahr 2015 ein Alkoholiker, der sehr viel und regelmäßig trank. Er erlebte den Konkurs einer eigenen Installationsfirma. Als er eine neue private Beziehung begann, beendete er das exzessive Trinken. So berichtete es Lubos E. dem Gutachter. „Das klingt ganz plausibel, auch von den Mengen her“, sagte Jürgen Rimpel beim Prozess im Landgericht. „Für die Beurteilung des Tatgeschehens hat es aber eigentlich keine Bewandtnis.“

Der Bankraub in Kolkwitz führte dazu, dass sich eine weitere Mitarbeiterin der Filiale ganz aus dem Geschäft verabschiedete und in eine andere Branche wechselte. Das ging ebenfalls aus der Aussage der Ärztin hervor. „Die Frau schilderte, sie sei von einem bewaffneten Mann bedroht worden“, sagte sie. „Sie war danach ebenfalls lange krankgeschrieben, und sie berichtete, dass Leute mit Kapuzenshirts bei ihr Angst auslösen.“ Die Folgen reichten jedoch noch weiter. Bis heute könne die frühere Mitarbeiterin keine Filiale der Bank mehr betreten, ohne sich sofort an dieses einschneidende Erlebnis zu erinnern. Der Wechsel an einen anderen Arbeitsplatz habe jedoch dazu geführt, dass sie „sich gut stabilisieren“ konnte, wie die Ärztin erläuterte. Sie sprach sich dagegen aus, diese drei Zeugen im Gerichtsprozess direkt mit dem Angeklagten zu konfrontieren. Falls er nicht anwesend sei, halte sie eine Aussage jedoch für möglich. Auch die Ladung des Landgerichts zum Verfahren führte nach Aussage der Ärztin erneut zu Schlafstörungen bei allen drei Personen. „Da kamen sofort die Ängste wieder hoch.“

Charakteristische Reaktion

Dabei handelt es sich um charakteristische Reaktionen. Das geht aus einer Broschüre des Bayerischen Gemeindeunfallversicherungsverbands hervor, die den Titel trägt: „Erstbetreuung und Nachsorge nach Überfällen in Sparkassen“. Wie die Autoren erläutern, reagieren alle Menschen auf ein extremes Ereignis mit Angst. „Während eines Banküberfalls ist Flucht oder Angriff aber so gut wie nie möglich“, heißt es in der Broschüre. „Zur Angst kommen Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit hinzu.“ Der Impuls zu fliehen oder anzugreifen, werde blockiert. So könne es zur Erstarrung oder zum seelischen Zusammenbruch kommen.

Der Prozess um den Bankraub in Kolkwitz wird noch im Juni mit weiteren Terminen am Landgericht fortgesetzt. Die Verfahren zu weiteren Beteiligten sind davon abgetrennt.