Der Berliner Journalist Hans-Dieter Schütt hatte 2014 Interviews mit beiden geführt und nun in dem Buch "Was bleiben wird" veröffentlicht. Es ist keine Biografie zu zweit sagt Schütt, Moderator des Abends, am Anfang. Wie sollte das auch gehen? Auch wenn beide inzwischen auf einen Nenner gekommen scheinen, zu unterschiedlich, ja geradezu konträr sind die Lebensläufe der Männer. Gregor Gysi, Sohn des einstigen DDR-Kulturministers Klaus Gysi, privilegiert, angesehener Anwalt. Friedrich Schorlemmer, in einer Pfarrersfamilie aufgewachsen, musste das Abitur auf der Volkshochschule machen, weil ihm die EOS verwehrt wurde.Nach dem Theologiestudium wurde er Studentenpfarrer in Merseburg, wo es, wie er erzählt, einen Professor für Gesellschaftswissenschaften namens Heiland und einen katholischen Pfarrer Engels gegeben hat. Bekannt wurde er als Prediger an der Lutherkirche Wittenberg, Oppositioneller und Autor. Schorlemmer erzählt, wie schwierig es als Kind für ihn war, sich in diese Außenseiterrolle gedrängt zu sehen, sagt aber auch: "Man muss sich von der schwierigen Vergangenheit selbst trennen." Weil er Schwerter zu Pflugscharen schmieden wollte und Meinungsfreiheit als Menschenrecht einforderte, stand er in der DDR immer mit einem Fuß im Gefängnis, weiß Gysi. "Aber ich hatte die Adresse von Gysi in der Tasche, falls ich einen Verteidiger brauche", kontert Schorlemmer. "Vielleicht hätte er mir nicht helfen können, aber er hätte es ihnen mal richtig gezeigt", triumphiert Schorlemmer noch nachträglich. Gysi hatte in solchen Dingen Erfahrung, war der Verteidiger unter anderen von Robert Havemann, Rudolf Bahro und Bärbel Bohley.

Er sei ein Zweckoptimist, behauptet Gysi. Schorlemmer, er sei ein Trotzoptimist - "Optimist, obwohl es ist, wie es ist." Da haben beide ihre Erfahrungen. Gregor Gysi schimpft auf die Kleinkariertheit in der eigenen Partei und den anderen, die oft dem gesunden Menschenverstand die Sicht verstellt. Sie hätte auch bei der Wiedervereinigung verhindert, gute Erfahrungen aus der DDR zu nutzen: Etwa Müttern die Berufstätigkeit zu ermöglichen, indem Kindergärten, Schulhorte, Ferienbetreuung zur Verfügung standen. Die Polikliniken seien ein weiteres Beispiel. "Wir sind zur reichen Tante in ein Zimmer und nicht in eine gemeinsame Wohnung gezogen", sagt er. Eine gemeinsame Verfassung hätte das ändern können. Das hätte Partnerschaft bedeutet. Aber: "Wenn man eine Beziehung pflegen will, muss man aufhören zu siegen, das gilt in der Ehe wie in der Politik."

Sehr ernst spricht Friedrich Schorlemmer über die Kraft seines Glauben und wie der seine Überzeugungen geprägt hat. Jesus habe nicht andere zum Opfer gemacht, sondern als es drauf ankam, sich selbst. Wie würde es Jesus heute ergehen, fragt er. "Ein Donald Trump, redet der Folter Wort. Ich würde ihn gern jeden Sonntag in die Kirche mitnehmen, damit er Mitgefühl lernt", so Schorlemmer. Ob das mit der Läuterung so einfach ist?

Die Gesprächspartner werfen sich gegenseitig die Stichwörter zu - Hans-Dieter Schütt kommt kaum zu Wort. Um Schuld geht es und dass man Menschen zugestehen muss, dass sie sich ändern.

"Versöhnung geht nur über Wahrheit", ist Schorlemmer überzeugt. Und Gysi: "Eine gerechte Beurteilung der DDR wird es erst in der übernächsten Generation geben, leider werden die Menschen, die in der DDR lebten, nicht mehr viel davon haben."

Gysi hat die Lacher auf seiner Seite, als er erzählt, wie beim Besuch von Benedikt XVI., Josef Ratzinger, im Bundestag einige Kardinäle auf Plätzen der PDS-Fraktion saßen. "Da kann ich nicht still vorbei gehen, ich musste sie in den Reihen der Linken begrüßen." Oder wenn er sich daran erinnert, Altkanzler Helmut Schmidt nur einmal zum Lachen gebracht zu haben: Als es bei einem Essen zum Nachtisch rote Grütze gab, habe er sie mit den Worten abgelehnt. "Habe ich den ganzen Tag."

Der Abend im ausverkauften Saal des Stadthauses endet mit viel Applaus. Hier sitzen vor allem Menschen jener Generation, die 1989 Träume verloren und Träume gewonnen haben. Die wissen, wie es wirklich war und von denen jeder seinen eigenen Blick darauf hat, was bleiben wird.