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| 08:54 Uhr

Brandkatastrophe vor 50 Jahren in Cottbus
„Der Kesselwagen glühte“

Vor 50 Jahren: Brand im RAW Cottbus FOTO: Feuerwehr Cottbus
Cottbus. Nur mit einem Großaufgebot von Feuerwehr, Polizei und Armee ist vor 50 Jahren beim Brand im RAW Cottbus Schlimmeres verhindert worden. Am 19. Dezember 1968 steht eine Lokhalle lichterloh in Flammen. Die Ursache ist Leichtsinn. Der kostet eine Frau das Leben und verursacht einen Schaden von mehr als fünf Millionen DDR-Mark. Von Peggy Kompalla

Als Peter Klar die Sirenen hört, wird er sofort unruhig. Der Feuerwehrmann arbeitet bei der Energieversorgung. Von der Berliner Straße aus sieht er sogar einen Feuerschein am dunklen Himmel. Da überlegt der 26-Jährige nicht lange, schnappt seine Jacke, meldet sich vom Dienst ab und läuft zu seiner Wache in der Ewald-Haase-Straße. Es ist der 19. Dezember 1968 gegen 18.30 Uhr. Die Temperatur liegt deutlich unter null Grad Celsius, die Straßen sind eisglatt.

„Als ich in der Wache ankam, hieß es nur: raus, raus, raus“, erzählt Peter Klar. 50 Jahre später ist sein Haar weiß. Ein paar Kilos haben sich angesammelt. Aber die Erinnerung ist hellwach.

Als der junge Peter Klar in seine Einsatzbekleidung springt, treffen weitere Männer in der Wache ein – darunter auch aus Schmellwitz. „Wir waren eine zusammengewürfelte Truppe“, sagt Peter Klar. Das ist egal. Acht Mann und ein Gruppenführer kommen auf diese Weise flott zusammen, und schon fahren sie zum RAW. 19.02 Uhr trifft die Freiwillige Feuerwehr Cottbus Innenstadt mit Peter Klar ein und wird zum Einsatz an der Schiebebühne nördlich der Lokhalle geschickt. Das verrät der Lagefilm – das Protokoll über den Einsatz.

 Peter Klar ist heute noch in der Alters- und Ehrenabteilung der Freiwilligen Feuewehr Sandow. Als Feuerwehrmann setzt er die Familientradtion fort, schon sein Großvater und Vater waren freiwillige Retter. Seitdem er 14 Jahre alt ist, war er bei der Feuerwehr immer dabei. Er erlebte am 19. Dezember 1968 den Großbrand in der Lokhalle im RAW. Damals war er 26 Jahre alt.  Foto: Peggy Kompalla
Peter Klar ist heute noch in der Alters- und Ehrenabteilung der Freiwilligen Feuewehr Sandow. Als Feuerwehrmann setzt er die Familientradtion fort, schon sein Großvater und Vater waren freiwillige Retter. Seitdem er 14 Jahre alt ist, war er bei der Feuerwehr immer dabei. Er erlebte am 19. Dezember 1968 den Großbrand in der Lokhalle im RAW. Damals war er 26 Jahre alt. Foto: Peggy Kompalla FOTO: Peggy Kompalla

Die Halle steht in Flammen

„Als wir ankamen, stand die Halle schon lichterloh in Flammen“, erzählt der Feuerwehrmann. „Und wir haben unseren Augen nicht getraut: Oben auf dem Dach sind Männer rumgesaust und schlugen das Dach ein.“ Wie sich rausstellt, sind das Sowjetsoldaten. Die Kaserne liegt nur einen Sprint von der brennenden Werkstatt entfernt.

Wie dramatisch die Lage tatsächlich ist, lässt sich im Brandbericht nachlesen. Zuerst trifft die Berufsfeuerwehr am Einsatzort ein. Da ist es 18.30 Uhr. „Die gesamte Dachkonstruktion der Lokhalle war bereits vom Feuer erfasst. Begünstigt durch die Verbrennung des Benzolgemisches entstand eine hohe Brandintensität. Es brannte eine Fläche von circa 3700 Quadratmetern. Nach der ersten Erkundung der Lage drohte der Brand sich auf die angrenzenden Objekte auszudehnen. Besonders gefährdet waren die Lokhalle II, die Kupferschmiede und die Acetylenanlage. Durch einen Stromausfall und herabfallende Dachkonstruktionsteile wurde die Schiebebühne blockiert. Eine Bergung der Loks war nicht möglich. Im Brandobjekt waren Temperaturen von über 1084 Grad Celsius (Schmelzpunkt Kupfer) zu verzeichnen“, heißt es im Brandbericht.

Fahrlässigkeit bei Reparaturen

Der klärt auch minutiös darüber auf, wie es überhaupt zu der Katastrophe kommen konnte. Auslöser sind demnach fahrlässige Reparaturarbeiten an einem havarierten Großraumkesselwagen, der mit 48 Tonnen Benzolgemisch beladen ist. Der Wagen war kurz zuvor auf der Transitstrecke Frankfurt (Oder) – Cottbus unterwegs. Er weist einen Fahrgestellschaden und einen Kesselriss von 30 Zentimeter Länge und zwei bis drei Zentimeter Breite auf. Wegen der niedrigen Außentemperaturen ist das geladene Benzolgemisch kristallisiert.

Gegen 17.50 Uhr wird der defekte Kesselwagen in die Lokhalle geschoben. Der RAW-Produktionsleiter gibt laut Brandbericht die klare Anweisung, beim Umbau des Wagens keine Brenn- und Schweißarbeiten vorzunehmen. Doch die verantwortlichen Ingenieure der Abteilung Wagenwirtschaft setzen sich darüber hinweg. Sie entscheiden, dass die Schraubköpfe am Fahrgestell abgebrannt werden sollen. Sie erteilen den Schlossern den Auftrag, die das allerdings ablehnen. Zunächst.

Leichtsinn eines Ingenieurs

Im Brandbericht heißt es weiter: „Daraufhin begann der Ingenieur für Maschinenbau und Schweißtechnik von der Abteilung Wagenwirtschaft, selbst die Brennarbeiten durchzuführen. Dabei kam es in der unmittelbaren Nähe des Kesselrisses zu Aufflammungen, die jedoch nach Wegnahme des Schneidbrenners erloschen.“ Nach dieser Vorführung drückt der Ingenieur einem Schlosser den Schneidbrenner in die Hand, der die Arbeit nun doch fortsetzt. Kurz darauf kommt es erneut zu Aufflammungen, die allerdings nicht mehr erlöschen. Mit sechs Handfeuerlöschern bemühen sich die Männer, den Brand einzudämmen. Umsonst. Durch den Kesselriss tritt das inzwischen verflüssigte Benzolgemisch aus. Das Feuer wächst und breitet sich mit großer Geschwindigkeit auf die gesamte Lokhalle aus. Erst jetzt alarmieren die Männer die Betriebsfeuerwehr und die Berufsfeuerwehr Cottbus und die weiteren im Einsatzplan für das RAW festgelegten Kräfte. Wertvolle Zeit ist verstrichen. In der Halle stehen zu dem Zeitpunkt acht Dampfloks, fünf Dieselloks und der Großraumkesselwagen mit seiner brandgefährlichen Ladung.

Als die ersten Retter eintreffen und die Lage erkunden, teilt ihnen das Betriebspersonal zunächst mit, dass sich niemand in der brennenden Halle befindet. Ein Fehler, wie sich erst Stunden später herausstellt. Zu dem Zeitpunkt ist der größte Teil des Daches bereits eingestürzt. Nachdem die Feuerwehrkräfte ihre Arbeit zunächst darauf konzentrieren, dass sich der Brand nicht weiter ausbreitet und Maschinen sowie Geräte in angrenzenden Bereichen gesichert werden, beginnen die Männer gegen 20 Uhr mit den Löscharbeiten in der Halle selbst. Zu dem Zeitpunkt sind die Freiwilligen Feuerwehren aus Ströbitz, Schmellwitz, Madlow, Kolkwitz, Cottbus Innenstadt (heute Sandow), Sachsendorf, Peitz, Drebkau, Sielow, Kahren, Gallinchen und Groß Gaglow vor Ort. Auch die Betriebsfeuerwehr des Kombinats Schwarze Pumpe ist eingetroffen. Eine halbe Stunde später rücken das Kommando Feuerwehr Senftenberg und die Freiwilligen Feuerwehren Burg und Werben an. Um 20.39 Uhr ist auch das Kommando Feuerwehr Guben am Einsatzort.

Gefahr durch Sauerstoffflaschen

Peter Klar ist beim Löschangriff in der Halle beteiligt. „Unsere Aufgabe bestand darin, die Sauerstoffflaschen zu bergen und zu kühlen“, erklärt er. Dem Feuer wird so mögliche Nahrung genommen. Die Männer haben ordentlich zu tun. Dann kommt ein Befehl von seinem Gruppenführer, den er nicht befolgt. Das sagt er mit Bestimmtheit in der Stimme. „Wir sollten die Träger der Laufgasse und die glühenden Mauern kühlen“, sagt er. „Wenn wir das gemacht hätten, wären die sofort wegen des Kälteschocks eingestürzt.“ Tatsächlich bestanden die massiven Wände der Lokhalle zur Hälfte aus Glassteinen. Peter Klar erzählt aus seiner Erinnerung weiter: „Ich hatte das Nein gerade erst ausgesprochen, da kam ein Dachträger runter und ich konnte den Gruppenführer noch mit einem Schlag meiner Hand wegschubsen. Er fiel in die Laufgasse und brach sich beim Sturz den Arm.“ Peter Klar schiebt nach: „An der Stelle, an der er vorher stand, lag der Träger.“ Er übernimmt das Kommando für seine Gruppe. Ein eindrückliches Bild bleibt zurück: „Der Kesselwagen hat geglüht.“

Gegen 21 Uhr sind die Löscharbeiten in vollem Gange. Erst jetzt wird der Befehlsstelle gemeldet, dass die Kranführerin und ein an den Brennarbeiten beteiligter Schlosser im Betrieb nicht aufzufinden sind. Die Informationen sind widersprüchlich. So will ein Mitarbeiter selbst gesehen haben, wie die Kranführerin ihren Stand verlassen hat. Aber niemand weiß, wo sich Anna Manske befindet. Es wird eine erste Suchaktion gestartet. Die Halle ist zu dem Zeitpunkt noch nicht überall betretbar. Um 21.30 Uhr ist die Kranführerin immer noch nicht gefunden, im Gegensatz zum vermissten Schlosser. Daraufhin bilden vier Offiziere des Volkspolizeikreisamtes eine Sucheinheit. Erst kurz nach Mitternacht entdecken sie einen verkohlten Leichnam. Er liegt zwischen Dieselloks und ist mit Brandschutt bedeckt. Später wird ein medizinisches Gutachten bestätigen, was die Männer ahnen. Die 53-jährige Kranführerin ist tot. „Sie ist jämmerlich zugrunde gegangen, da oben in ihrem Kran“, sagt Peter Klar bitter.

Um 21.45 Uhr ist das Feuer weitgehend gelöscht, auch der Kesselwagen. Er ist eingeschäumt. Die Halle bleibt gefährlich. Eine herabstürzende Dachrinne verletzt einen Gubener Berufsfeuerwehrmann. Glutnester wabern weiter. Nach und nach werden die Freiwilligen Feuerwehrkräfte zurück in ihre Wachen geschickt. Auch Peter Klar. Kurz nach 22 Uhr rückt er mit seiner Gruppe ab. Die verbliebenen Kräfte der Betriebsfeuerwehr und der Cottbuser Berufsfeuerwehr werden zur Restablöschung und Brandwache eingeteilt. Um 1.30 Uhr wird die Befehlsstelle aufgelöst.

Soldaten helfen der Feuerwehr

Bei dem Feuer sind insgesamt 193 Feuerwehrleute im Einsatz, drei von ihnen werden leicht verletzt. Laut Brandbericht sind auch 40 Soldaten der Sowjetarmee und 20 der Nationalen Volksarmee beteiligt. Hinzu kommen 15 Mann des Volkspolizei-Kreisamtes, 70 Mann der Volkspolizei-Bereitschaft und 34 Mann der Transportpolizei. Sie sind zur Hilfeleistung, Bergung und Sicherung vor Ort.

Die Halle ist komplett ausgebrannt und mit ihr acht Dampfloks, fünf Dieselloks, der Kesselwagen, drei Kräne und ein Lokhebewerk. Das Feuer kann dank des massiven Einsatzes auf den ursprünglichen Brandherd beschränkt werden. Der Schaden ist dennoch immens. Er beläuft sich laut Brandbericht auf 5 078 000 DDR-Mark. Gegen die verantwortlichen Ingenieure der Abteilung Wagenwirtschaft wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Wie das Urteil ausfällt, ist in dem Brandbericht leider nicht zu lesen.

Vor 50 Jahren: Brand im RAW Cottbus FOTO: Feuerwehr Cottbus