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Ein Stück von der geliebten Heimat gibt es auch in der Ferne

Christa Elle weiht die Gruppe in die Geheimnisse des Wendischen ein. Foto: Elsner
Christa Elle weiht die Gruppe in die Geheimnisse des Wendischen ein. Foto: Elsner FOTO: Elsner
Cottbus. Die Gruppe, die sich jeden Mittwochabend in der Schule für Niedersorbische Sprache in Cottbus trifft, könnte kaum bunter sein. Was sie eint, sind die Freude am Erlernen der wendischen Sprache und das Wissen darum, welchen Schatz Sprache und Kultur des kleinen slawischen Volkes für die Region bedeuten. Ulrike Elsner Foto: Elsner Foto: Elsner

Sachbearbeiterin und Studentin, Meister für Kläranlagen und Automobilkauffrau büffeln gemeinsam Vokabeln, üben Aussprache und Schreibweise wendischer Worte und Redewendungen und stellen im Dialog alltägliche Situationen nach. Zur Seite steht ihnen dabei die erfahrene Sorbischlehrerin Christa Elle, die von sich sagt: "Ich habe zwei Muttersprachen."

Doch dieser Reichtum wurde in vielen Familien in den 50er-Jahren und der Kriegszeit nicht mehr so selbstverständlich wie davor weitergegeben. Christa Elle (66) erzählt, dass sie erst in der 9. Klasse angefangen hat, Sorbisch zu lernen. Auch bei Doris Barthel, ihrer 62-jährigen Schülerin, wurde zu Hause deutsch gesprochen, obwohl der Vater Wende war. "Mein Vater hat immer gesagt, meine Tochter soll Deutsch lernen. Das war seine Erfahrung aus dem Krieg." Das Sorbische/Wendische war lange Zeit als minderwertig behandelt worden. Die Auswirkungen sind bis heute zu spüren und gefährden den Fortbestand der Sprache. Inzwischen wird immer mehr Lausitzern bewusst, welchen Schatz sie mit der wendischen Sprache und Kultur besitzen.

Doris Barthel erzählt: "Ich will demnächst nach Bonn auswandern." Doch zuvor will die frühere Betriebsleiterin der Deutschen Post noch einmal intensiv Wendisch lernen, um ein Stück Heimat mit in die Ferne zu nehmen. Dass die Leute rund um die alte Hauptstadt aufgeschlossen sind für die wendische Kultur, hat sich beim 40. Geburtstag ihrer Tochter gezeigt. "Sie haben mit Begeisterung die Annemarie-Polka getanzt und wollten alles ganz genau wissen", sagt Doris Barthel.

Nicht nur für sich, auch für ihren Großonkel Willi Lehmann drückt die Automobilkauffrau Nancy Majaura die Schulbank. Schon jetzt kann sie mit dem 89-jährigen Muttersprachler ein paar Sätze auf Wendisch wechseln. Es sollen mehr werden. Für die 33-Jährige steht fest: "Ich will zurück in meinen Heimatort Drachhausen und dort mit anderen eine Spinnstube einrichten."

Mit seinem Musikverein, der Spremberger Trachtenkapelle, ist der Meister für Kläranlagen Martin Wonneberger als Trompeter häufig Gast auf wendischen Festen. "Ich würde bei der Pflege der Bräuche gern mitmachen", gesteht der heimatverbundene 30-Jährige. Deshalb und weil er die Kultur der Region für unbedingt bewahrenswert hält, geht der Spremberger gern noch zur (Sprach)-Schule.

Susann Hiersick (33) testet mit dem Wendischkurs eines der zahlreichen Bildungsangebote, die sie selbst als Sachbearbeiterin an der Niedersorbischen Sprachschule anderen Interessenten unterbreitet. "Ich möchte unsere Besucher einfach verstehen", bekennt die 33-Jährige. In ihrer Familie in Cottbus-Dissenchen spricht aber mittlerweile keiner mehr Wendisch.

Ihr Schul-Sorbisch auffrischen möchte die Jüngste in der Runde. Marie-Luise Nagel (20) studiert Betriebswirtschaftslehre an der BTU und ist bei Bräuchen wie Hahnschlagen, Fastnacht, Kirmes und Maibaumstellen immer mit großer Freude dabei. Besonders gern trägt sie dabei ihre wendische Festtagstracht. "Die hat mir meine Oma genäht", sagt die 20-Jährige.