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"Ein Star wollte ich nie sein"

Jürgen Walter.
Jürgen Walter. FOTO: Agentur
Auf mehr als 400 Lieder blickt der Schlagersänger und Chansonier Jürgen Walter zurück. Er ist Schauspieler, Komponist und Conférencier. Vor allem aber ist er ein Sänger, der seinen Liedern die Treue hält. Es sind für ihn "Die Lieder meines Lebens", mit denen er am Freitag, 17. April, 19.30 Uhr, in der Theaterscheune Ströbitz gastiert. Die RUNDSCHAU sprach vorab mit dem Künstler.

Mehr als 400 Lieder - das ist sehr beeindruckend. Welche sind Ihnen die liebsten?
Ich habe noch nie ein Lied gesungen, das ich nicht mochte. "Schallali" war natürlich ein Oberknüller, auch "Clown sein" oder "Das Leben hat was". Aber die nicht so erfolgreichen, die von genauso guter Qualität sind, liegen mir besonders am Herzen.

Für "Clown sein" haben Sie sogar eine Artistenschule besucht.
Ich hatte damals eine Einladung vom Palast der Republik zu einer Show, die hieß "Spaß muss sein - Stars, Gags und kleine Extras". Ich wurde gefragt: Was machst Du extra? Ein neues Lied singen. Das ist kein Extra, sagte man mir und schlug statt dessen einen Sketch mit Eberhard Esche vor. Der große Mime und ich - das konnte nicht gut gehen. Also bin ich mit meinem Lied zur Artistenschule gegangen und habe gesagt: Ich möchte aufs Trapez.

Wie hat man Sie aufgenommen?
Der künstlerische Direktor hat gefragt: Wie alt bist du? 40. Die anderen waren 15, 16, 18. Und wieviel Klimmzüge kannst Du? Vielleicht einen. Ich habe dann zweieinhalb Jahre lang jeden Tag morgens vor Schulbeginn anderthalb Stunden trainiert, habe das Seillaufen gelernt und bin schließlich im Palast in 14 Metern Höhe am Trapez geschwebt.

Wer das durchhält, muss eine besondere Beziehung zum Zirkus haben.
Ich liebe den Zirkus. Schon als Kind fand ich aufregend, was da alles passiert. Das Lied "Clown sein" hat die Brücke vom Sänger zur Artistik geschlagen. Ich weiß, was es heißt, Artist zu sein, und ich habe so viele tolle Leute vom Zirkus kennengelernt. Wenn sie einen dreifachen Salto im Programm haben, dann müssen sie ihn machen, egal in welcher Verfassung sie sind.

Offenbar mögen Sie auch Vögel. Oder was ist da im Hintergrund zu hören?
Das sind zwei Graupapageien, Coco und Betty. Die reden deutsch, übrigens auch untereinander.

Sie engagieren sich auch für den Loro-Park auf Teneriffa.
Wenn man solche Vögel hat, dann hat man auch einen Draht zum größten Papageienpark der Welt. Ich war beteiligt an einem Projekt der Foundation zum Erhalt des Regenwaldes und bin immer mal wieder dabei, weil dort wirklich sehr viel für bedrohte Arten getan wird.

1971 wurde aus Jürgen Pippig Jürgen Walter. Warum haben Sie Ihren Namen geändert?
Ich war damals mit dem Günther-Fischer-Quintett in Algerien. Als mein Auftritt auf Französisch angekündigt wurde, klang das für die Leute wie Herr Pinkelig und sie dachten, ich mache 'ne Ulk-Nummer. Eine Literaturprofessorin vom Brecht-Archiv riet mir damals zur Namensänderung. Aber als Autor und Mensch bin ich Jürgen Pippig.

So hießen Sie auch als Mitglied des Berliner Oktoberklubs.
Der Oktoberklub war eine ganz wichtige Schule. Dort habe ich viele Leute kennengelernt. Man traf dort Peter Hacks, Paul Wiens, Gisela Steineckert und Heinz Kahlau. Die ganze Lyriker-Prominenz der DDR war im Oktoberklub vereint. Ich habe dort mehr gelernt als im Germanistikstudium. Das war gelebte Literatur und eine Zeit, die ich nicht missen möchte. Außerdem konnte man mit den zehn Mark, die es pro Auftritt gab, das Stipendium aufbessern.

1967 erschien dann Ihre erste Single. Mehrere Langspielplatten folgten.
Es waren vier Schallplatten zur DDR-Zeit und sieben nach 1990.

Und die DDR-Platten sind nicht totzukriegen. Wie kommt das?
Vinyl war in der DDR-Mangelware. Eine Schallplatte zu kriegen, kam einem Treffer im Lotto gleich. Im Westen hieß es: Wir haben zwei Titel, die toll sind, also machen wir ein Album. Der Rest waren Füllsel. Wir DDR-Künstler haben gedacht, jedes Lied muss ein besonderer Knüller sein, und haben in die Qualität viel Arbeit gesteckt. Wir wussten ja nicht, wann wir wieder mal eine Platte machen durften. Bei mir ist der Qualitätsanspruch bis zum heutigen Tag geblieben.

Man liest relativ wenig über Sie.
Ich bin Künstler. Ein Star wollte ich nie sein. Wer mich kennenlernen möchte, kann das durch meine Lieder. Ich habe mein eigenes Label und produziere gerade ein neues Album.

Vom dem das Cottbuser Publikum einen Vorgeschmack erhält.
Singen werde ich auf jeden Fall "Mein seltsames Leben" mit der Musik von Andreas Bicking. Und "Vor dem Vorhang", ein Entree von Wilfried Peetz. Es gibt eine Mischung aus alten und neuen Liedern. Die alten sind fürs Wohlbefinden des Publikums und die neuen für die Gesundheit des Sängers.

Der ja schon eingewisses Alter erreicht hat.
Ich werde in diesem Jahr 72.

Was ist das Gute daran?
Als ich jung war, musste ich ständig jemandem etwas beweisen. Jetzt kann ich genießen, dass das Publikum mir treu geblieben ist. Manche sagen, dass meine Lieder Lebenshilfe sind. Andere fragen: Donnerwetter, woher weiß der das? Das liegt natürlich auch an den Texten von Gisela Steineckert, die für mich das Leben schreibt.

Mit Jürgen Walter sprach

Ulrike Elsner