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Ein Schnitz

FOTO: privat
Zu DDR-Zeiten gab es im damaligen Fernsehen einen politischen Kommentar, der nannte sich SCHWARZER KANAL - ich würde heute eher sagen das war SCHWARZER HUMOR. Die 1960 gestartete Sendung lief mehr als 1500-mal und wurde am 30. Oktober 1989 abgesetzt.

Für die meisten DDR-Fernseh-Konsumenten war diese Sendung eine derartige Zumutung, dass sie in kürzester Frist diesen Kanal abschalteten. Findige Zuschauer fanden für diese sehr kurze Abschaltfrist auch eine Maßeinheit: 1 Schnitz, benannt nach dem Autor der Sendung.

Glauben Sie mir: 1 Schnitz, das war wirklich eine sehr kurze Zeitspanne. Warum erzähle ich Ihnen diese Geschichte?

Das Kalenderblatt dieser Woche, der 9. November - das Datum des Mauerfalls, ist in den letzten Wochen und Monaten so oft besprochen worden, dass auch hier manch einer genervt reagiert und weiter blättert, den Sender wechselt oder einfach abschaltet.

Schade eigentlich, weil gerade der Fall der Mauer für alles das, was uns heute selbstverständlich scheint, Voraussetzung und Grundlage gewesen ist.

Viele sagen: Das liegt an der fehlenden kritischen Auseinandersetzung mit dem, was gewesen ist. Oder sie wenden ein: Vieles, was Stasi und SED 40 Jahre lang veranstaltet haben, kommt mir doch irgendwie bekannt vor, das erlebe ich doch heute nicht anders.

Über solche und ähnliche Beispiele würde ich gern mit Ihnen streiten. Besonders, wenn der eine behauptet: Die heutige NSA-mäßige Ausspionieren, das ist ja dasselbe wie das, was die Stasi gemacht hat. Oder, wenn ein anderer darauf hinweist, dass es schon ein Unterschied ist, ob ein Staat seine Bürger unter Generalverdacht einer staatsfeindlichen Grundhaltung stellt und mit den Mitteln der 60-iger Jahre überwachen lässt.

Das Schöne ist: Sie dürfen sich nicht nur, Sie sollen sich Ihr eigenes Urteil bilden, streiten oder wenn es sein muss sogar auch abschalten dürfen. Im Unterschied nämlich zur realsozialistischen Wirklichkeit droht Ihnen wegen Ihrer kritischen Meinung keine Gefängnisstrafe, so wie Sie sie vor 1990 für staatsfeindliche Hetze hätten befürchten müssen. Im ehemaligen politischen Gefängnis Cottbus, dem heutigen Menschenrechtszentrum in der Bautzener Straße, können Sie erfahren, welchen Preis Menschen bezahlen mussten, die sich gewagt hatten zu widersprechen.

Darum finde ich zum Beispiel das Recht auf freie Meinungsbildung als alles andere als selbstverständlich - und als ein großes Glück. Ganz sicher nehmen sich mit mir viele andere auch die Gelegenheit, um darum fröhlich zu feiern, wenn das Kalenderblatt des 9. November uns daran erinnern will, mit wie viel Kerzen, Mut und Glauben Menschen für dieses Freiheitsrecht gestritten haben.

*Christoph Polster ist Pfarrer

der Evangelischen Kirchengemeinde

St. Nikolai Cottbus