Die Staatsanwaltschaft will kein Risiko eingehen. Die drei Angeklagten in diesem Prozess sehen sich erst im Gerichtssaal nach mehreren Monaten wieder. Damit sie keine Gelegenheit für Absprachen und gegenseitige Beeinflussung haben, sitzen sie in unterschiedlichen Untersuchungsgefängnissen ein. Auch in den Schwurgerichtssaal des Cottbuser Landgerichtes werden sie getrennt in Handschellen gebracht.

Markus W., Andre S. und Denny M., alle 30 Jahre alt, müssen sich dort wegen versuchten Totschlages und schwerer Körperverletzung verantworten. Das Gerichtsgebäude wird durch ein massives Polizeiaufgebot gesichert. Denn das Opfer der Gewaltorgie, über die hier verhandelt wird, ist ein Mitglied des inzwischen aufgelösten Cottbuser Charters des Rocker-Clubs "Hells Angels". Etwa 20 muskelbepackte Männer sitzen im Zuschauerraum.

Laut Anklage soll es schon lange Streit und tiefe gegenseitige Abneigung zwischen dem angeklagten Markus W. und dem später niedergestochenen Rocker gegeben haben. W., ein Neonazi und bis Anfang 2012 Spitzenkämpfer des Kickbox-Teams Cottbus (KBTC) mit einem Titel als Deutscher Meister. Der Rocker, Betreiber eines Sicherheitsdienstes, dessen Leute an Türen in der Region stehen. Am ersten Februar soll der Streit der beiden dann blutig eskaliert sein, was sich laut Anklage folgendermaßen abgespielt haben soll.

Mit Messer und Pistole

Mit Messer und Pistole bewaffnet kam der Rocker in einen Laden für Szenekleidung in der Cottbuser Innenstadt, um den Kickboxer zu bedrohen. Der sollte sich wegen der Beleidigung einer Bekannten des Rockers entschuldigen. Doch Markus W., so die Staatsanwaltschaft, wehrte sich in Kickbox-Manier und floh.

Um sich zu rächen, soll W. dann etwa ein Dutzend seiner Freunde zusammengetrommelt und den Rocker mit einem Anruf auf die Straße gelockt haben. Als der angesichts der mit Messern und Schlagstöcken bewaffneten Übermacht fliehen wollte, setzten ihm die drei Angeklagten nach, schlugen und traten auf ihn ein. Dann sollen die Angreifer den "Hells Angel", der eine Pistole zog, mit einem Dutzend Messerstichen lebensgefährlich verletzt haben. Ein Stich allein zertrennte den halben Muskel und die Schlagader im Oberschenkel des Mannes.

Danach kam es in Cottbus zu Racheaktionen zwischen Rockern und der Clique aus Kickboxern, Hooligans und Neonazis, aus der die mutmaßlichen Messerstecher stammen. Autos wurden gegenseitig angezündet oder demoliert. Die Wut der "Hells Angels" war vermutlich besonders groß, weil Andre S., einer der drei Angeklagten, vor fünf Jahren in Cottbus am hellerlichten Tag in der Innenstadt schon mal einen "Höllenengel" niedergeschossen hatte, der nur knapp überlebte. Das Landgericht Cottbus wertete das als Notwehr.

Flucht nach Österreich

Die drei Angeklagten, gegen die nun wegen der lebensgefährlichen Messerstiche im Februar verhandelt wird, waren nach der Tat zunächst untergetaucht. Andre S. und Denny M. wurden im April festgenommen. Spezialkräfte der österreichischen Polizei überwältigten Ende Mai dann auch Markus W. in der Nähe von Salzburg. Zusammen mit zwei Kämpfern des Cottbuser Kickbox-Teams war er auf dem Weg zur Hochzeit eines Lausitzers aus dem Rechtsradikalen- und Hooligan-Milieu.

Der Prozess am Landgericht Cottbus kam am Mittwoch nicht über die Verlesung der Anklage hinaus. Denn alle drei Angeklagten machten von ihrem Recht, zu schweigen, Gebrauch. Ein Rechtsgespräch zwischen Verteidigern und Anklagevertretern über einen möglichen Strafnachlass bei umfangreichem Geständnis blieb ohne Einigung.

Denn für die Staatsanwaltschaft sind Haftstrafen von fünf bis sechs Jahren auch bei Geständnissen das Minimum. Die Verteidiger wollten über so einen Deal nur verhandeln, wenn Bewährungsstrafen in Aussicht gestellt würden.

Opfer schweigt

Die Staatsanwaltschaft scheint sich recht sicher zu sein, den Angeklagten die vorgeworfene Tat auch nachweisen zu können. In den folgenden Verhandlungstagen werden zahlreiche Zeugen vernommen werden, welche die blutige Auseinandersetzung beobachtet haben. Denn die Attacke auf den "Hells Angel" fand in der Cottbuser Innenstadt mitten zwischen Wohnhäusern statt.

Weil Anwohner sofort die Polizei alarmierten und sein Bein abbanden, überlebte der Rocker trotz durchtrennter Beinschlagader. Er selbst wird in dem Prozess jedoch vermutlich nicht aussagen. Für den illegalen Besitz seiner Pistole wurde der Mann inzwischen verurteilt. Dagegen hat er jedoch Berufung eingelegt.

Dadurch hat er im Prozess gegen seine mutmaßlichen Angreifer das Recht, nicht auszusagen. Nach RUNDSCHAU-Recherchen soll er auch im Ermittlungsverfahren geschwiegen und damit eine Grundregel der Szene beachtet haben: Rocker reden nicht mit der Polizei, auch nicht, wenn es gegen ihre Feinde geht.

Zum Thema:
Anfang März 2013 löste sich das Cottbuser Charter des Rocker-Clubs "Hells Angels" selbst auf. Damit kam die Gruppe einem möglichen Verbot und einer damit verbundenen Beschlagnahmung des Vereinsvermögens zuvor.Cottbuser "Hells Angels" und konkurrierende "Bandidos"-Rocker lieferten sich vor einigen Jahren in der Region mehrfach gewalttätige Auseinandersetzungen.Anfang Juli verbot das Brandenburger Innenministerium das "Hells Angels"-Charter "Oder City" in Frankfurt (Oder). Zeitgleich verbot das Bundesinnenministerium den Regionalverband Sachsen des "Gremium"-MC. Verbotsgründe waren die "gewalttätige Machtentfaltung zur Begehung von Straftaten" und eine schwerwiegende Gefährdung der Allgemeinheit.