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Ein Nomade der Wissenschaft wird sesshaft

Seine Forschung bringt Spinnenforscher und Ökologe Klaus Birkhofer auch an unwirtliche Orte. Zudem sind bei der Arbeit mit den Achtbeinern Ruhe und Geduld gefragt.
Seine Forschung bringt Spinnenforscher und Ökologe Klaus Birkhofer auch an unwirtliche Orte. Zudem sind bei der Arbeit mit den Achtbeinern Ruhe und Geduld gefragt. FOTO: privat
Interview der Woche. Prof. Klaus Birkhofer ist ein weltweit beachteter Spinnenforscher und Ökologe. An der BTU will er neue Schwerpunkte setzen. Kurz vor seinem Amtsantritt als Leiter des Fachgebietes Allgemeine Ökologie an der BTU Cottbus-Senftenberg erregte ein Artikel von Klaus Birkhofer (42) und seinem Kollegen Martin Nyffeler von der Universität Basel weltweites Aufsehen. Im Wissenschaftsmagazin „The Science of Nature“ haben beide belegt, dass Spinnen weltweit jährlich bis zu 800 Millionen Tonnen Beute vertilgen – Menschen dagegen essen pro Jahr rund 400 Millionen Tonnen Fisch oder Fleisch. Andrea Hikscher

Prof. Birkhofer, Ihr Artikel über Spinnen löste international großes Erstaunen aus, seit Jahren gelten Sie als ausgewiesener Experte der faszinierenden Gliederfüßler. Können Sie Menschen verstehen, die vor den Achtbeinern Angst haben?

Ja. Ich selbst hatte als Kind großen Respekt vor Spinnen. Ich bin in Braunschweig aufgewachsen, und wenn sich die Viecher in meine Nähe verirrt haben, musste mein Vater sie entfernen. Ich mochte sie einfach nicht.

Wie kam es dann trotzdem dazu, dass Sie Ihr Forscherleben den Spinnen gewidmet haben?

Das war ein langer Weg. In der Schule war ich gleichermaßen von Politikwissenschaften wie von Biologie fasziniert. Natürlich war ich frei in meiner Entscheidung, welcher Neigung ich folge. Aber mein Vater, ein Ingenieur, war schon sehr froh, als ich mich nach dem Zivildienst für ein Bio-Studium entschied. An der TU Darmstadt gab es eine sehr gute Tierökologie, die mich ausgesprochen gereizt hat. Dann funkte der Zufall in mein Leben: Ich kam zur Vorbereitung einer Gardasee-Exkursion zu spät. Alle zu erforschenden Tiergruppen waren schon vergeben, es blieben nur die Zikaden und die Spinnen übrig. Die Spinnen sind es dann geworden - und sie haben mich bis heute nicht losgelassen.

Warum?

Es ist wie mit allem: Sobald man sich etwas genau anschaut, eröffnet es einem ganz überraschende, faszinierende Einblicke. Ich war gezwungen, mich intensiv mit den Spinnen zu beschäftigen und habe dabei gemerkt, wie schön sie sind. Die Vielfalt ihrer Farben und Formen, die Komplexität ihres Verhaltens - ganz erstaunlich. Zusammen mit der Leidenschaft für Spinnen wuchs auch die Begeisterung für Sandwüsten: Ich war inzwischen viermal in der Nordsahara, um dort zu forschen, habe meine Diplomarbeit über wüstenlebende Spinnen in der Namib geschrieben - über das Navigationsverhalten einer Art, die den poetischen Namen "Dancing white Lady" (tanzende weiße Dame) trägt - leider zu Unrecht, denn es ,tanzen' bei dieser Art nur die Männer. Aber manchmal siegt die Poesie über die Wissenschaft.

Für Sie begannen mit der Erforschung der Spinnen spannende Jahre - nur ein festes Zuhause hatten Sie als Wissenschaftsnomade offenbar nicht.

Zumindest gab es nicht den einen festen Lebensmittelpunkt, ich musste in den letzten Jahren sehr viel pendeln - was für mich als Ökologen oft zeitraubend ist, da ich so wenig wie möglich das Flugzeug nutze und lieber mit dem Zug reise. Und reisen musste ich oft. Nach meinem Diplom habe ich zunächst zwei Jahre in einem internationalen Forschungsprojekt in Namibia gearbeitet, das Sozialverhalten von Spinnen untersucht. Unter oft schwierigen Bedingungen zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen, zu improvisieren - diese Erfahrungen möchte ich nicht missen. Von Namibia ging es nach Kentucky.

Ein Kulturschock?

Birkhofer Zumindest war auch das eine besondere Erfahrung. Ich hatte kein Auto, keinen Fernseher und kein Gewehr - und war damit ein absoluter Exot. Fahrräder waren auf dem Campus nicht gern gesehen. Aber es gab eine ausgezeichnete Spinnenökologie. In Kentucky und später in Israel konnte ich nonstop Daten sammeln, habe zwischen 2004 und 2007 meinen Doktor gemacht und im agrarökologischen Kontext zur Schädlingsbekämpfung geforscht, ein Forschungsfeld, das sicher auch hier an der BTU wieder wichtig sein wird. Überhaupt zieht vieles in meinem Leben Kreise, die sich hier in Cottbus scheinbar schließen.

Was zum Beispiel?

Da gibt es so viel. Etwa die Wölfe, die mich schon als Junge fasziniert haben und die hier plötzlich ganz nahe sind. Die mir aber auch bei meinen Spinnen oft in den Sinn gekommen sind - denn auch da gibt es Arten, die in sozialen Verbänden leben und gemeinsam jagen. Was mich immer wieder begleitet, ist natürlich auch die Wüste. Seit 2007 habe ich für die Uni Gießen jährlich Exkursionen mit Studenten nach Namibia gemacht, weil ich hoffe, dass ihnen dort ähnliche Aha-Momente beschert werden wie mir. Ich hoffe, dass ich diese Exkursionen auch hier weiterführen kann.

Die letzten Jahre haben Sie im schwedischen Lund gelebt, eine ungewöhnliche Station für einen Wissenschaftler.

Eine tolle Station. Lund ist etwas kleiner als Cottbus, hat mir aber die Arbeit in einem Team ermöglicht, das absolut grandios war. Die Atmosphäre war wunderbar, sehr produktiv, mit flachen Hierarchien und auf gegenseitigen Respekt gegründet. Auch das ist etwas, das ich nach Cottbus mitnehmen möchte.

Warum überhaupt dieser Wechsel?

Die ersten zwei Jahre haben wir in Schweden als Familie gelebt, mein Sohn ist vier Wochen vor dem Umzug zur Welt gekommen. Meine Frau, auch eine Ökologin, ist dann zurück nach Darmstadt, der Arbeit wegen. Das Pendeln ist über die Jahre hinweg etwas mühsam geworden. Als ich die Ausschreibung der BTU gesehen habe, habe ich mich sofort beworben - und freue mich jetzt sehr, dass es geklappt hat.

Was erwarten Sie von Cottbus - und was kann Cottbus von Ihnen erwarten?

Zunächst mal freue ich mich riesig, dass wir ab Juni wieder einen gemeinsamen Familienmittelpunkt haben. Mein Sohn wird hier eingeschult, meine Frau kann von Cottbus aus für ihre Firma weiterarbeiten - perfekt. Und da wir begeisterte Radfahrer, Paddler und Camper sind, ist die Lausitz für uns ein wunderbarer Standort. Meine Arbeit an der Uni wird ebenfalls geprägt sein von diesem besonderen Standort. Die Tagebaufolgelandschaften, die hydrologischen Fragen, das Thema Landwirtschaft und Naturschutz - alles hochgradig komplex und brisant.

Als Ökologe gehen Sie konfliktreichen Zeiten entgegen. Weder die Landwirtschaft noch der Bergbau gelten per se als umweltfreundlich.

Natürlich kann ich als Ökologe sofort bei Greenpeace einsteigen. Aber in der universitären Forschung muss ich mir einen neutralen, wissenschaftlichen Blick bewahren. Ich würde nie einen Forschungsauftrag unterschreiben, der mich in irgendeiner Richtung bindet oder zur Verschwiegenheit verpflichtet. Was wir an Ergebnissen finden, muss unabhängig von wirtschaftlichen Gründen öffentlich gemacht werden.

Mit Klaus Birkhofer sprach Andrea Hilscher

ZUR SACHE Im Fachgebiet Ökologie der BTU standen bis 2010 insbesondere Forschungsarbeiten zur Renaturierung gestörter Landschaften im Mittelpunkt. Von 2007 bis 2011 lief ein Projekt zur Rolle des Umweltschadensgesetzes im Biodiversitätsschutz. Die aktuellen Forschungsschwerpunkte haben sich teilweise daraus entwickelt. Dies ist zum einen der Bereich Biologie und Ökologie der Thekamöben, insbesondere deren Rolle im Silizium-Kreislauf. Der Bereich Aasökologie beschäftigt sich mit Prozessen auf der Landschaftsebene und der Restoration von Nahrungsnetzen.

Des Weiteren bringt Prof. Birkhofer Projekte zu Klimawandel und Bodenökologie im Agrarland (EU gefördert, Biodiversa ERA-Net) und zur Unkrautbekämpfung in ökologischen Obstanlagen in Südafrika (gefördert durch die Ekhaga Foundation) mit nach Cottbus.

ZUR PERSON Prof. Klaus Birkhofer übernimmt zum 1. April die Leitung des Fachgebietes Ökologie. In seinem Forscherleben hat er in Gießen und Darmstadt, Namibia, Tibet, der Negevwüste, Kentucky und im schwedischen Lund gearbeitet. An der BTU hatte der gebürtige Braunschweiger bereits eine Vertretungsprofessur inne.

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