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Ein letzter Besuch in der Heimat

Stadtarchivar Udo Bauer (l.) zeigt Jürgen Hartwich die restaurierten Häuser am Schlosskirchplatz.
Stadtarchivar Udo Bauer (l.) zeigt Jürgen Hartwich die restaurierten Häuser am Schlosskirchplatz. FOTO: Theiler
Cottbus. Jürgen Hartwich, Auswanderer und ehemaliger Bewohner des alten Sachsendorfer Zollhauses, wandelt auf den Spuren seiner Familie. Jenny Theiler

Die Beziehung zur Heimat besteht ewig. Wie oft man auch im Laufe seines Lebens weiterzieht, die eigenen Wurzeln lassen sich nicht verdrängen. Selbst ein 6700 Kilometer breiter Ozean hält heimatverbundene Auswanderer nicht davon ab, zu ihren Ursprüngen zurückzufinden. Jürgen Hartwich hat Mitte Mai zehn volle Flugstunden auf sich genommen, um seine Geburtsstadt Cottbus zu besuchen. Der 73-Jährige war 1998 in die USA immigriert. Mittlerweile sei er als erfolgreicher Unternehmensberater für Auswanderer in Cape Coral (Florida) tätig, berichtet er. Jetzt machte der Wahlamerikaner der Lausitz seine Aufwartung - ein bedeutsamer Besuch für ihn, denn es wird für Jürgen Hartwich der letzte Deutschland-Aufenthalt gewesen sein, wie er sagt.

Mit Unterstützung des Stadtarchivars Udo Bauer nutzte Jürgen Hartwich seinen Cottbus-Besuch außerdem, um seine Familienchronik zu erweitern. Die frühe Kindheit des gebürtigen Sachsendorfers dokumentiert ein interessantes Stück Stadtgeschichte - Jürgen Hartwich kam im ehemaligen Zollhaus, dem Elternhaus seiner Mutter Ursula Hartwich, geborene Schenker, zur Welt. "Es war das erste Haus am Ortsanfang, und mein Opa kassierte dort noch den Zoll, wenn Händler auf den Markt wollten", erinnert sich der 73-Jährige. Die damalige Adresse der Großeltern Schenker war die Chaussee-straße 27 (heute Saarbrücker Straße). Das Chaussee-Haus, wie es auch genannt wurde, befand sich an der Kreuzung zur Grenzstraße (heute Lerchenstraße) und somit in unmittelbarer Nähe des Wasserturms. "Chausseen waren immer ortsausführende Straßen, deswegen ist das Haus in den meisten Karten auch unter dem Namen Chaussee-Haus eingezeichnet", erklärt Udo Bauer.

Das rote Backsteinhaus wurde noch bis in die 80er-Jahre bewohnt. Nach dem Tod des Großvaters 1979 zog die verwitwete Marie Schenker in den Werner-Seelenbinder-Ring. Das Potenzial, als Denkmal geschützt zu werden, besaß das historische Gebäude allemal. Dennoch wurde im Dezember 1994 der Abriss des Hauses genehmigt. Zu den Gründen für diese drastische Maßnahme gibt es verschiedene Spekulationen: Einerseits war das Haus in einem stark sanierungsbedürftigen Zustand und verfügte nicht einmal über ausreichende sanitäre Anlagen. Außerdem sei es zu DDR-Zeiten als konspirative Wohnung durch die Staatssicherheit genutzt worden - Jürgen Hartwich hält diesen Umstand für eine mögliche Abrisserklärung. Naheliegender scheint jedoch die Unfallgefahr, die von der Lage des Gebäudes ausging. "Das Haus war bündig mit der Straßenkante, was verkehrstechnisch wirklich grenzwertig ist", erklärt Udo Bauer. Die Baupläne, die der Stadtarchivar beim Bauamt Cottbus einsehen durfte, würden deutlich zeigen, wie dicht das Zollhaus an der stark befahrenen Straße stand.

Wenngleich Jürgen Hartwich den größten Teil seiner Jugend in Berlin verbrachte, so blieb durch die Großeltern der Bezug zu Cottbus immer bestehen. Der Familienvater hält es für sehr wichtig, das Erlebte an die folgenden Generationen weiterzugeben. "Ich hätte noch so viele Fragen an meinen Großvater", gibt er zu und erinnert sich gleichzeitig an die entbehrungsreiche Nachkriegsphase, aber auch an die schönen Tage in dieser Zeit. Denn trotz bescheidener häuslicher Ausstattung ließen die Ferien, die der heranwachsende Junge auf dem Grundstück des Chaussee-Hauses regelmäßig verbracht hat, keine Wünsche offen.

Damit seine Enkel nicht auch eines Tages vor unbeantworteten Fragen stehen, hat Jürgen Hartwich eine Familienchronik mit Fotos, Dokumenten und Erinnerungen angelegt. So wird das Lausitzer Heimatgefühl in die fernen USA getragen und für die folgenden Generationen konserviert.

Um die Wende stand das Chaussee-Haus noch.
Um die Wende stand das Chaussee-Haus noch. FOTO: Hartwich