Vor genau 40 Jahren, am 1. März 1963, übernahm sie die „Bahnhofsdrogerie“ von ihrem Chef Anton Bradel. Seitdem hat sich hier nichts verändert. Nur die Zeit hat die Regale dunkelbraun gefärbt. Die vielen Berührungen haben das Holz glatt geschliffen. Selbst die Produkte erinnern an fast vergessene Zeiten: Odorex, Casino, Zymat, C-Kassin, Elsterglanz stehen fein säuberlich aufgereiht nebeneinander.
Annemarie Jatzlauk hat ihre Marktlücke entdeckt: „Ich bin auf Ostprodukte spezialisiert.“ Ihre Kunden wissen das zu schätzen, halten die Treue. „Schönen guten Tag Frau Grimm“ , sagt Annemarie Jatzlauk. Sieglinde Schlottke betritt den Laden. Sie hat früher ganz in der Nähe gewohnt. „Damals hieß ich noch Grimm“ , erzählt sie lachend. Heute wohnt die Cottbuserin in Ströbitz, kommt aber trotzdem regelmäßig in die „Bahnhofsdrogerie“ . „Bestimmte Sachen bekomme ich eben nur hier.“ Außerdem lässt sich die Kundin gern am Ladentisch beraten. Diesmal soll es Gesichtscreme sein. Beim Bezahlen schweift ihr Blick noch einmal die Regale entlang: „Ach, ich nehme noch den Kamillentee“ , sagt sie.

Alles ohne Rechenmaschine
Annemarie Jatzlauk rechnet im Kopf zusammen, den Betrag gibt sie in die alte Registrierkasse ein. Mit einer Kurbelbewegung öffnet sich die Geldlade. „Ich habe keine Rechenmaschine“ , sagt die 65-Jährige, winkt dabei ab. „Wenn es mir zu viel wird, dann schreibe ich es auf einen Zettel und rechne es so zusammen.“ Verschmitzt meint sie: „Wir hatten eben einen guten Lehrer.“
Die rüstige Rentnerin wohnt in Kolkwitz. So nimmt sie jeden Morgen ihr Fahrrad. In 20 Minuten ist sie im Laden. „Wenn es kalt ist, mache ich als allererstes Feuer.“ Die Kohle holt sie mit einem Eimer aus dem Keller. „Danach schaue ich, wie die Straße aussieht. Meistens fege ich sie noch.“ Dann kommen auch schon die ersten Kunden.
So viele wie früher sind es allerdings nicht mehr, erzählt sie dann. „Es ist ruhiger geworden.“ Große Gewinne macht der Laden nicht mehr. Die leeren Regale im Hinterzimmer bestätigen das. „Meine Güte“ , sagt Annemarie Jatzlauk, „früher war ein Karton mit 20 Flaschen manchmal schon an einem Tag alle, heute verkauft man fast ein ganzes Jahr dran.“ Deshalb aufhören? Diese Idee ist ihr noch nie in den Sinn gekommen. „Ich will so lange weitermachen, wie ich noch gesund bin.“
Ganz allein meistert sie den Laden. Früher hatte sie einmal eine Halbtagskraft. Das war aber auch nur in den ersten zehn Jahren, erinnert sich die Rentnerin. „Ich war noch nie im Urlaub weg gewesen. Ich bleibe immer zu Hause.“ Das sagt sie mit so einer Selbstverständlichkeit, dass man es ihr glaubt.
Sie hat ihre Tiere und die kleine Landwirtschaft zu Hause in Kolkwitz. Das ist ihre Ablenkung, ihre Erholung vom Geschäft. Die Hände erzählen von der Arbeit. Sie baut Getreide, Kartoffeln und Rüben an. „Eben alles, was man so braucht“ , meint Annemarie Jatzlauk. Nur im September ist der Laden geschlossen. „Das ist mein Urlaubsmonat, dann ist nämlich Kartoffelhackzeit“ , erklärt sie.

Lehre begann vor 50 Jahren
Nur einmal kann sich Annemarie Jatzlauk erinnern, musste die „Bahnhofsdrogerie“ ein halbes Jahr geschlossen bleiben. Das war 1989. Doch blickt sie heute zurück, sind es tatsächlich schon fast 50 Jahre, die sie hinter dem Ladentisch des Geschäfts steht. Denn schon 1953 hat sie bei Anton Bradel mit der Lehre begonnen. Nach kurzem Überlegen meint sie mit einem herzlichen Lachen: „So viele Jahre können das nicht sein. So alt bin ich doch gar nicht!“