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Ein Leben wie eine U-Bahnfahrt

Gelungene Premiere: Die Uraufführung der Neubearbeitung von "Linie 1" übertraf am Dienstag im Glad-House alle Erwartungen.
Gelungene Premiere: Die Uraufführung der Neubearbeitung von "Linie 1" übertraf am Dienstag im Glad-House alle Erwartungen. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. "Kaputt gehen ist keine Kunst, das Gegenteil ist eine." Über diese und andere Weisheiten durften die Zuschauer der Premiere von "Linie 1" am Dienstagabend im Glad-House sinnieren. Jenny Theiler

Das Kultmusical aus den 80er Jahren wurde von der 12. Klasse der freien Waldorfschule Cottbus in Kooperation mit Studenten der Musikpädagogik neu interpretiert, ohne dabei an Aktualität einzubüßen.

Die einfach aufgebaute Handlung funktionierte zweieinhalb Stunden lang, ohne zu ermüden. Ein Mädchen aus der Provinz reißt aus und findet sich im Berliner Großstadtdschungel wieder. Auf der Suche nach dem einen Jungen, der ihr bei einem Konzert in der Heimat den Kopf verdreht hat, irrt sie durch Berlin und begegnet den merkwürdigsten Gestalten, die so unterschiedlich scheinen, aber dennoch alle etwas gemeinsam haben. Der Kontrast aus dem schillernden Phänomen der Großstadt und den zermürbenden Problemen, die sie mit sich bringt, wurde von insgesamt 23 Jugendlichen in einer interessanten Mischung aus Schauspiel, Tanz und Gesang dargestellt. Auffällig ist hierbei, dass vor allem die verschiedenen Nebencharaktere die Hauptdarstellerin erst richtig in Szene setzten. Denn durch die ständig wechselnden Figuren, die von den jungen Darstellern verkörpert werden, scheint es, als würde das Ensemble aus 50 Personen bestehen, die den Großstadttrubel auf die Glad-House-Bühne zauberten. Die städtische Hektik wird hierbei immer wieder dem Motiv des Wartens entgegengestellt - Warten auf die U-Bahn, auf ein besseres Leben oder auf gar nichts mehr.

Spartanisch wirkt die Kulisse, aber nicht weniger wirksam. Mit aufwendigen Kostümen, abwechslungsreichem Spiel und äußerst professioneller Musik von Musikstudenten der BTU wurde das bescheidene Bühnenbild belebt. Der angedeutete Querschnitt einer U-Bahn reichte aus, um die gesellschaftlichen Probleme der unterschiedlichsten sozialen Schichten zu erläutern.

Vor allem der Song "Du sitzt mir gegenüber" ist ein Beispiel für die symbiotische Interaktion der großen Gruppe. Der Song spielt mit der Anonymität und dem typischen Desinteresse des Großstädters gegenüber seinen Mitmenschen. Gleichzeitig wird die Unsicherheit und der Wunsch nach Nähe in einem starken Liedtext deutlich. Das Publikum zeigte sich bereits in der Pause überwältigt. Referenzen wie "fantastisch", "herausragend" und "außergewöhnlich" kamen nicht nur von stolzen Eltern. Katja Stahlberg war begeistert, von dem was die Musiklehrer mit den Schülern auf die Beine gestellt haben. "Das ist wirklich was Besonderes. Ganz großes Kino!", so die Cottbuserin.

Das persönliche Glück zu finden, ohne sich selbst dabei zu verlieren, ist die zentrale Botschaft des Stoffes aus dem Jahr 1986. Wobei auch immer wieder die Hassliebe gegenüber der betäubenden und gleichzeitig aufwühlenden Metropole deutlich gemacht wird. Die Schüler haben den Geist des Originals im Sinne von Autor Volker Ludwig aufleben lassen. Dieser hat wie selbst zur damaligen Premiere bemerkte, "ein typisches Großstadtpanoptikum entworfen, das man in allen Metropolen der Welt wiedererkennt". Wie sich am Dienstag gezeigt hat, sogar in der heutigen Zeit.

Zum Thema:
Weitere Vorstellungen des Musicals finden am 6. und 7. Juli jeweils um 19 Uhr im Glad-House statt. Die Karten sind als Kombiticket im Kundenzentrum von Cottbusverkehr für 8 Euro erhältlich. An der Abendkasse kostet eine Karte 10 Euro.