Der Diktator Porcius liegt im Sterben. So oft war er wütig-rot, jetzt verblasst er. Fortis, sein Sohn, will nicht regieren. Der Kanzler wittert die Chance auf Macht. Soll er sie haben! Fortis ist kugelrund, ihm passt kein Frack, er kitzelt Venusta, bis er sie auf einen Misthaufen werfen muss. Frank Bruder hat das Libretto nach Hans Christian Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider" geschrieben. Es liest sich wunderbar - es schwingt und reimt sich wie in alten Zeiten, wickelt ein in die Kleider der Nackten. Bis Schambach beim Komponieren stolpert - immer wieder ein Hoppla im Dreiakter.

Ob Kostüme zu sehen sind im Dieselkraftwerk? Wie die zwei Sänger des Kitzel-Duetts kugelrund gemacht werden? Carin Marquardt, die die Moderation übernehmen wird, schüttelt den Kopf. Dass schon alles so plastisch wirkt, muss am Libretto liegen. Seit dem Jahr 2002 gibt es die Rheinsberger Opernwerkstatt. Komponisten und Librettisten haben hier die Möglichkeit, musiktheatralische Werke in der Praxis auszuprobieren. "Szenisches Komponieren wird nirgendwo gelehrt, hier erfahren sie, wie es geht", sagt die Regisseurin. Zehn Teams werden zurzeit individuell in der Werkstatt betreut. Nach und nach stellen sie sich in Komponisten- und Librettisten-Porträts im Land Brandenburg vor und werben für ihre Opern. Wie dick Fortis in der Aufführung wird, das bestimmen die Opern- und Theaterhäuser, wenn sie sich für die Inszenierung von Schambachs und Bruders "Die Nackten - Besser Nichts als gar Nichts an" entscheiden, erklärt Carin Marquardt.

Bei ihrem Auftritt im Dieselkraftwerk dürfen sich die Cottbuser aber aufs Kitzel-Duett freuen. An musikalischen Beispielen und Textausschnitten, die gelesen werden, wollen sie unterhaltsam zeigen, wie das Andersen-Märchen das heutige Lebensgefühl beschreibt: Dummheit, Macht und Eitelkeiten bestimmen die Gesellschaft. In der Politik, der Kunst, den Medien, der alltäglichen Kommunikation - bis dann hoffentlich ein Kind sagt, dass das Humbug ist und der Kaiser ja gar nichts anhat. Das Kind kommt auch in der Oper vor, aber die Nacktheit darf größer und großartig werden.

Keine Frage, das Gesprächskonzert am 12. November ist familientauglich - wenn auch die beiden Macher sie Kindern erst ab dem elften Lebensjahr empfehlen. Frank Bruder (49) stammt aus dem Badischen, hat in Heidelberg seinen Zivildienst geleistet, in Berlin Publizistik und Germanistik studiert, sich ins Sprachspiel verliebt und zuerst Comedy fürs Radio geschrieben. Dann ließ er sich zum Dramaturgen und Drehbuchautoren ausbilden. Schambach (50) stammt aus der Prignitz. Er geigte früh ausgezeichnet und komponierte bereits als Kind. In seinem dritten Jahr an der Hochschule für Musik "Franz Liszt" in Weimar wurde er aus politischen Gründen exmatrikuliert. Nach ersten Schauspielmusiken und dem Wehrersatzdienst als Bausoldat durfte er zurück an die Hochschule. Er arbeitet seit 1990 als freier Komponist in Berlin.

Geschafft haben sie gemeinsam schon einiges, zum Beispiel den Einakter "Die Entdeckung des Vaters bei gemäßigt leichter Gartenarbeit", der in der Berliner Staatsoper uraufgeführt wurde. "Früher hat er mich mehr getriezt", sagt Frank Bruder. Freundschaftlich gestritten wird weiter, sagt Christoph Schambach "Wir wollen ja beide das Beste fürs Stück."

Das Komponisten- und Librettistenporträt "Die Nackten" ist am Dienstag, 12. November, um 19.30 Uhr im Kunstmuseum Dieselkraftwerk in Cottbus, Uferstraße 5, zu erleben. Hereingelassen wird für 5 Euro.