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Ein Karren voller Stasi-Akten

Rüdiger Sielaff, Leiter der Frankfurter Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde, Christoph Polster, Reinhard Drogla und Frank Lehmann (v.l.) sprachen über Einsichten aus dem Akten-Studium. Foto: rur1
Rüdiger Sielaff, Leiter der Frankfurter Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde, Christoph Polster, Reinhard Drogla und Frank Lehmann (v.l.) sprachen über Einsichten aus dem Akten-Studium. Foto: rur1 FOTO: rur1
Cottbus. Für die weitere Auseinandersetzung mit der Hinterlassenschaft der DDR-Staatssicherheit haben sich am Samstag Stasi-Opfer in der Oberkirche ausgesprochen. Dies trage dazu bei, Lebenswege und Geschichte zu verstehen, Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Ronald Ufer

"Warum es nicht zur wissenschaftlichen Karriere kam und ich deshalb einen anderen Lebensweg einschlug, haben mir meine Stasi-Akten nicht erklärt", sagt der Pädagoge Frank Lehmann am Samstag während der Podiumsdiskussion in der Oberkirche. Dass die Stasi dabei ihre Hände im Spiel hatte, ist er sich dennoch sicher. "Nach einem abgelehnten Anwerbeversuch hatten mir die Offiziere Konsequenzen angedroht."

Schon 1990 hatte der Lehrer die Akteneinsicht beantragt, wollte beweisen, dass er nicht systemnah gewesen sei und deshalb Lehrer sein könne. All das berichtet er offen bei der Festveranstaltung zu "20 Jahre Akteneinsicht". Als begeisterter Briefmarkensammler war Frank Lehmann ins Visier der DDR-Geheimpolizei geraten. Auf der Suche nach Stücken zu den beiden Erdpolen nahm er Kontakt zu Philatelisten in vielen Ländern und selbst Organisationen bis hin zur Uno auf. Als oft belanglos, seltsam lückenhaft, aber mit viel Eifer betrieben, charakterisiert der Lehrer die Spitzelergebnisse. "Beim Lesen habe ich mehrfach lachen müssen. Insgesamt hat sich aber gezeigt, dass das Aktenstudium richtig und nötig war."

Freche Lieder und systemkritische Äußerungen brachten den freiberuflichen Liedermacher und Theatermann Reinhard Drogla ins Visier der Stasi. "Als die Akten auf einem Karren gebracht wurden, dachte ich, sie seien für alle im Raum bestimmt", erinnert er sich. An den Unterlagen über Auftritte, Beobachtungen und Gespräche, waren demnach rund 80 IM beteiligt. Mit einem suchte Drogla vergeblich das Gespräch, die aus den Unterlagen ersichtlichen Führungsoffiziere zeigte er an. Doch zu Ermittlungen kam es nicht. "Dank der Vorsicht meiner Frau habe ich bei der Akteneinsicht keine persönlichen Enttäuschungen erlebt", erzählt Drogla und resümiert: "Der Schritt war wichtig, um diese Zeit für mich aufzuarbeiten und die Erlebnisse mehrerer Stasi-Befragungen zu verarbeiten."

Die Erschütterung über Spitzel im Umfeld blieb auch Pfarrer Christoph Polster nicht erspart. "Ich habe das Gespräch mit den IM gesucht. Nur wenige waren dazu bereit. Gebracht hat es nichts. Alle sprachen von Missverständnissen", erzählt der Pfarrer. Er will sich mit der Oberkirchgemeinde weiter für die Aufarbeitung der Stasi-Akten und der SED-Diktatur einsetzen. "Zeitgeschichte ist ein wichtiges Thema, dass die Bürger bewegt. Es erscheint aber schwierig, Jugendliche dafür zu interessieren."