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| 02:35 Uhr

"Ein Herz kann man doch reparieren"

Prof. Dr. Dirk Fritzsche (Mitte) im Operationssaal.
Prof. Dr. Dirk Fritzsche (Mitte) im Operationssaal. FOTO: Sana
Zu Beginn des Jahres ist Prof. Dr. Dirk Fritzsche zum neuen Ärztlichen Direktor am Sana-Herzzentrum Cottbus ernannt worden. Wenn Udo Lindenberg singt: "Ein Herz kann man nicht reparieren" – da ist der Herzspezialist ganz anderer Meinung.

Prof. Fritzsche, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt. Seit sieben Jahren sind Sie am Herzzentrum Cottbus. Also nichts mit verflixtem siebten Jahr?
Es wird immer besser.

Was hat Ihre Entscheidung beeinflusst?
Es ist ein großes Erbe, was ich da antrete. Prof. Dr. Dr. Roland Hetzer ist ein international sehr renommierter Herzchirurg, der vor allem das Deutsche Herzzentrum Berlin nach vorn gebracht hat, aber auch Gründungsvater dieses Herzzentrums ist. Und in seinem Geiste war es auch von Anfang an sehr gut aufgestellt, mit fachlich guten Ärztinnen und Ärzten. Nun für neue Impulse zu sorgen, ist eine große Herausforderung. Ich kann da auf ein tolles Team zählen.

Was ist Ihnen dabei Herzensangelegenheit?
Die Klinik auf dem sehr hohen medizinischen Niveau weiterzuführen. Das bedeutet, sehr innovationsfreudig zu bleiben, die Übernahme sinnvoller neuer Behandlungsmethoden. Ich bin sehr stolz auf unsere 280 pflegerischen und ärztlichen Mitarbeiter. In ihnen liegt eine unserer Stärken. Wir sind nicht nur innovativ, sondern kümmern uns ganz besonders herzlich um die Patienten. Natürlich muss man gut operieren können, sein Handwerk verstehen. Aber man muss auch auf die Patienten eingehen, sie genau aufklären, sie während des Aufenthalts begleiten, ein Abschlussgespräch führen. Kurzum, herzlich mit ihnen umgehen. Dafür nehmen wir uns Zeit.

Wie findet man denn warmherzige Mitarbeiter?
Das ist unser Geheimnis (lacht). Wir zahlen weder besser noch schlechter als kommunale Gesundheitseinrichtungen. Wir Führungskräfte aber haben auch Verantwortung für das Klima im Haus, das alle Mitarbeiter so angenehm wie möglich gestalten.

Ihre Spezialisten kommen aus den verschiedensten Ländern. Wie sorgen Sie gemeinsam dafür, dass sie ein Vertrauensverhältnis zu den Patienten herstellen können?
Wir haben 34 Ärzte aus 16 Nationen. Sie kommen aus Deutschland, Japan, dem Iran, aus Polen, Tschechien, Lettland und anderen Ländern. Wir haben im Haus selbst eine engagierte Lehrerin, die die Ärzte aus dem Ausland zu notwendigen Sprachkenntnissen führt. So baut sich Vertrauen auf, das sie vor allem auch durch ihre fachliche Kompetenz rechtfertigen.

Sie treten in die Fußstapfen von Prof. Dr. Dr. Roland Hetzer, der seit 1998 den guten Ruf des Cottbuser Herzzentrums mitbegründet hat und mit dafür gesorgt hat, dass aus einem OP-Container eines der erfolgreichsten Herzzentren Deutschlands wurde. Was steht auf Ihrer Agenda?
Prof. Hetzer war ja weltbekannt für die Entwicklung der Kunstherztherapie. Ich habe vor allem auf die frühe Einführung der minimal-invasiven Herzchirurgie gesetzt. Bei der Klappenimplantation gehören wir dabei zu den führenden Kliniken in der Welt. Insgesamt ist das Aufkommen an Schlüsselloch-Herzchirurgie in Cottbus so hoch wie nur an sehr wenigen Kliniken Deutschlands.

Diese schonenden "Schlüsselloch-Operationen" sind ja wohl Ihre Spezialstrecke.
Ich begann damit unter Prof. Mohr am Herzzentrum Leipzig und habe es dann vertieft an meiner zweiten Wirkungsstätte, am Herzzentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen. Als ich 2010 nach Cottbus kam, konnte ich meine Domäne beherzt weiterführen mit Kollegen, die da auch schon begannen, sich dieses Themas anzunehmen.

Also kann man ein Herz doch reparieren? Udo Lindenberg behauptet ja in einem Song das Gegenteil.
Nun, wenn man weiß, wie's geht. Das ist ja unsere Passion. Dafür sind wir da, und das machen wir auch sehr gut. In der Liebe mag das schwieriger sein.

Wie oft können Sie noch selbst am Operationstisch stehen?
Jeden Tag stehe ich bis zu zweimal am OP-Tisch. Ich bin der Meinung: Ein Chefarzt in der Chirurgie hat überhaupt nichts mehr zu sagen, wenn er meint, nur noch administrieren zu wollen. Im Gegenteil: Er muss fachlich fit bleiben.

Wie viele Herzen hatten Sie schon in der Hand?
Seit 26 Jahren operiere ich. Das sind knapp 10 000 eigene Operationen, aber begleitet habe ich an die 80 000.

Und wie viele Operationen gibt es im Jahr insgesamt im Herzzentrum?
Wir haben jährlich 4500 Patienten und 1300 Operationen am offenen Herzen. Bis zu 70 Prozent können bei einigen Krankheitsbildern minimal-invasiv erfolgen.

Ihr Amtsantritt fällt fast zeitgleich mit einer Operation zusammen, die erstmals in Europa ausgerechnet in Cottbus ausgeführt wird. Worum geht es?
Es geht um die Implantation der weltweit größten Herzklappe. Für ein Dutzend unserer Patienten ist das die einzige Überlebenschance. Die Besonderheit dieser Aortenklappe ist, dass man jetzt Patienten versorgen kann, die aus anatomischen Gründen bisher nicht zu versorgen waren, zum Beispiel wegen einer besonders großen Hauptschlagader. Dass uns diese neue Generation von Herzklappen von einem amerikanischen Hersteller angeboten wurde, zeigt auch unsere geachtete Stellung in der Welt.

Was bringt die Kooperation mit dem Berliner Herzzentrum der Lausitz?
Die Kooperation war nötig, damit das Herzzentrum in Cottbus wachsen und auf stabilen Füßen stehen konnte. Inzwischen haben wir uns mit unseren Ideen auch einen eigenen Namen gemacht.

Wird es eines Tages auch hier Herztransplantationen geben?
Herztransplantationen schließe ich definitiv aus. Es macht keinen Sinn, wenn es 100 Kilometer entfernt eine Klinik mit einem guten Transplantationsprogramm gibt, zumal die Spenderbereitschaft zurückgegangen ist. In Bad Oeynhausen habe ich selbst an die 100 Herztransplantationen ausgeführt. Das sollte sich auf Zentren konzentrieren, um die Qualität hochzuhalten. Wir sind auf anderen Gebieten innovativ tätig. Zum Beispiel haben wir ein Programm Rhythmuschirurgie am schlagenden Herzen bei geschlossenem Thorax (videoassistiert). Wir gehören zu drei Kliniken in Deutschland, die darin die meisten Erfahrungen haben. Am 16. Januar haben wir erstmals ein innovatives Rechtsherzunterstützungssystem eingeführt, das verhindert, dass Patienten am Bett gefesselt sind.

Vor sieben Jahren sagten Sie mir in einem Interview: "Ich bin hier, um zu bleiben". Sind Sie als Leipziger nun endgültig in der Lausitz heimisch geworden?
Damals habe ich in der Nähe von Drebkau ein Haus gemietet, das ich jetzt gekauft habe. Meine Familie ist total glücklich darüber. Mein neunjähriger Sohn Fabian sagte: "Da kann ich jetzt endlich Remmidemmi machen." Ganz kann ich mich von Leipzig aber nicht lösen, weil meine Frau dort ihre Firma mit 22 Mitarbeitern führt, die ihr sehr ans Herz gewachsen ist. Ich fühle mich pudelwohl in Cottbus. Die Stadt wächst, hat ein junges Straßenbild, hat Raum. Das weiß jemand, der 13 Jahre in Nordrhein-Westfalen gelebt hat, ganz besonders zu schätzen.

Ihr Herzenswunsch?
Gesund bleiben, die Klinik weiter voranbringen. Gegen den Trend von Herzkliniken in Deutschland setzen wir auf Vergrößern. Es spricht sich eben herum, dass man in Cottbus mit einem Lachen und Pfeifen auf den Lippen aus der Klinik geht. Wir werden 100-prozentig weiterempfohlen.

Mit Prof. Dirk Fritzsche sprach Ida Kretzschmar

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
Wie halten Sie selbst Ihr Herz auf Trab?Abseits von Neujahrsvorsätzen habe ich es geschafft, regelmäßig schwimmen zu gehen. Ich fahre gern auch mal die 40 Kilometer zu meinem Haus mit dem Rad, oder ich bin beim Inline-Skaten.Wofür erwärmt sich noch Ihr Herz?Ich liebe Wasser, Schilf und Kiefernwälder, angele gern. Und ich mag es, gemeinsam mit meinem Sohn Fabian Klavier zu spielen.Was bereitet Ihnen Herzklopfen?Die Entwicklung in der Welt. Und teilweise auch die Lage im Gesundheitswesen. Ein Weiter so! geht auch im Gesundheitswesen nicht.Worüber haben Sie das letzte Mal herzlich gelacht?Ich glaube über Faxen meines Sohnes. Für mich gibt es jeden Tag etwas zu lachen. Herz-Schmerz in Filmen oder Büchern?. . . ist überhaupt nichts für mich. Politische News, Fachlektüre, gelegentlich mal ein Fitzek-Krimi.