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Ein Flugpionier lebt im kleinen Klinge weiter

Klinge. Bis zum 5. Juni 1927 war Klinge für die meisten Zeitgenossen außerhalb der Lausitz ein schwarzer Fleck auf der Landkarte. Doch dann rückte der Husarenstreich eines amerikanischen Flugpioniers das kleine Dorf zwischen Cottbus und Forst in den Blick der Weltöffentlichkeit. Bis heute erinnern die Klinger an das besondere Ereignis, das sich am heutigen Mittwoch zum 85. Mal jährt. Nicole Nocon

Günther Dielau aus Gosda macht das Laufen Mühe und auch die Augen wollen nicht mehr so. Aber seine Erinnerungen an den 6. Juni 1927 sind hellwach. Die Bilder von damals hat der 92-Jährige noch genau vor Augen. Günther Dielau ist der einzige lebende Zeitzeuge, der das Ereignis vom Sommer 1927 selbst miterlebt hat.

"Die Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet", erzählt er. Auf einer Wiese bei Klinge sollte ein Flugzeug notgelandet sein. "Ein Flugzeug, das war damals noch eine wirkliche Sensation", sagt er.

Gleich von der Schule aus ist der damals siebenjährige Günther mit seinen Freunden losgerannt. Querfeldein, von Gosda den weiten Weg bis zu den Lugwiesen bei Klinge. Der Landeplatz des Flugzeugs ist genau wie der größte Teil des Dorfes Ende der 70er-Jahre abgebaggert worden. Doch daran dachte im Sommer 1927 noch niemand.

Es war das Jahr des ersten Ozeanfluges. Am 20. Mai 1927 hatte Charles Lindbergh im Flug von New York nach Paris als erster Mensch im Flugzeug den Atlantik überquert. Nur wenige Tage danach, am 4. Juni, startete in New York Clarence Chamberlin mit seiner Maschine "Columbia" zu einer weiteren Ozeanüberquerung. An Bord des Flugzeugs war auch Charles Levine, der Generaldirektor eines Flugzeugwerks. Es sollte nicht nur der erste Ozeanflug mit einem Passagier werden. Chamberlin und Levine wollten Lindberghs Flug übertreffen und es von New York bis nach Berlin schaffen. Doch der Flug verlief nicht wie geplant.

Über dem Meer fiel der Kompass der Maschine aus. Chamberlin und Levine mussten sich mit einem Taschenkompass und anhand von Flüssen und Landmarken orientieren. Sie kamen vom Kurs ab. Wegen Benzinmangels mussten sie am 6. Juni im thüringischen Eisleben landen. Von dort ging es weiter Richtung Berlin. Als Orientierung diente ihnen eine Bahnlinie. Statt der Strecke Halle Berlin folgten die Flieger allerdings der Linie Halle-Cottbus. Erst über Cottbus bemerkte Chamberlin den Irrtum. Er flog eine Schleife, um auf dem Cottbuser Flugplatz zu landen. Doch über Klinge streikte der Motor. Die Maschine musste notlanden.

"Das Flugzeug war im sumpfigen Boden nach vorne gekippt. Dabei war ein Flügel des Propellers abgebrochen. Zum Glück blieben die beiden Insassen unverletzt", erinnert sich Günther Dielau. Dicht gedrängt haben die herbeigelaufenen Einwohner von Klinge die beiden Amerikaner umringt, die außer dem Wort "Hunger" kein Wort Deutsch sprachen. Ein Klinger Ingenieur, der des Englischen mächtig war, übernahm das Übersetzen und rief in Cottbus an, um das unerwartete Eintreffen der "Columbia" zu melden. Bald berichtete auch der Rundfunk. Von Cottbus und Forst machte sich daraufhin ein Strom von Neugierigen auf den Weg. Und aus Berlin reiste ein Filmteam der Wochenschau an. Chamberlin und Levine wurden unterdessen von den Klingern in den Gasthof Scheppan geleitet und bewirtet, bis der Leiter des Cottbuser Flugplatzes die Amerikaner abholte. In Cottbus trugen sich die beiden ins Goldene Buch der Stadt ein und wurden Ehrenbürger. Während aus Cottbus herbeigerufene Mechaniker das Flugzeug soweit reparierten, dass Chamberlin und Levine damit am 7. Juni mit einer Zwischenlandung in Cottbus nach Berlin weiterfliegen konnte.

Doch Chamberlin vergaß den herzlichen Empfang in Klinge nicht. Ein Jahr später kehrte er mit seiner Frau zurück.

Nicht nur für Günther Dielau aus Gosda sind die Ereignisse von damals unvergessen. Die Klinger pflegen die Erinnerung an den Flugpionier. Der ehemalige Gasthof Scheppan heißt heute "Haus Chamberlin". Davor hat der Heimatverein einen Schaukasten mit historischen Fotos und Artikeln über Chamberlins und Levines Landung bestückt. Und im Klinger Museum "Zeitsprung" ist nicht nur das Modell des in Klinge entdeckten Mammuts zu sehen, sondern auch eine kleine Ausstellung über Chamberlins Notlandung.