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Ein Ausbrecher kehrt zurück

Edgar Eisenkrätzer führt durch das ehemalige Cottbuser Zuchthaus, aus dem der frühere Häftling 1982 ausbrach. Sechs Tage später wurde er geschnappt. Es folgten Folter und Qual. Die Besucher zeigen sich sichtlich mitgenommen von den Erzählungen.
Edgar Eisenkrätzer führt durch das ehemalige Cottbuser Zuchthaus, aus dem der frühere Häftling 1982 ausbrach. Sechs Tage später wurde er geschnappt. Es folgten Folter und Qual. Die Besucher zeigen sich sichtlich mitgenommen von den Erzählungen. FOTO: Stephan Meyer
Cottbus. Edgar Eisenkrätzer war 21, als er wegen illegalen Grenzübertritts zu drei Jahren Haft im Cottbuser Zuchthaus in der Bautzener Straße verurteilt wurde. Das war 1982. Stephan Meyer

Rückblickend sagt Eisenkrätzer: "Die Insassen haben sich hier eigentlich nie geändert." Im ehemalige Gefängnis, dass heute eine Gedenkstätte ist, waren nicht nur in der DDR, sondern auch während des Nationalsozialismus politische Häftlinge gefangen.

Am Samstag, 17. Juni, ist Edgar Eisenkrätzer in sein Gefängnis zurückgekehrt - als Zeitzeuge anlässlich des zehnten Geburtstags des Menschenrechtszentrums Cottbus. Er führt wie andere Ehemalige die Besucher durch die Gedenkstätte. "Man ist hier früher zigmal vorbei und hat von all dem nichts mitbekommen. Ich finde das furchtbar, was damals passiert ist", sagt eine Besucherin.

Wegen der Feier sind die Tore des ehemaligen Gefängnisses für die Öffentlichkeit am Samstag weit geöffnet. Jene Gefängnistore, die Eisenkrätzer 1982 auf seiner Flucht hinter sich lässt. Die Besucher hängen an seinen Lippen, als er die Geschichte seines zunächst erfolgreichen Gefängnisausbruchs erzählt. Nach sechs Tagen Flucht sei er jedoch leichtsinnig geworden, wie er sagt. Statt auf die Nacht zu warten, setzte er sein Flucht bereits am Nachmittag fort und wird geschnappt, Zurück im Cottbuser Zuchthaus folgte Qual. "Dann wurde ich fast zwei Monate gefoltert", sagt der heute 56-Jährige.

Neben den Führungen mit Zeitzeugen wie Edgar Eisenkrätzer können sich die Besucher anhand von Ausstellungen, Filmen und Aktionen für Menschenrechte ein Bild über die Arbeit des Vereins machen, der das ehemalige Gefängnis zu einer Gedenkstätte macht.

Der Liedermacher und ehemalige politische Häftling Detlef Jablonski sorgt für die musikalische Begleitung an diesem "Feiertag". Der Verein aus ehemaligen Insassen kaufte das Zuchthaus im Jahr 2011. Das ist einmalig in der ehemaligen DDR. Mit dem Erwerb wurden die Sanierung angeschoben, Ausstellungen, Projekte und Veranstaltungen verwirklicht, die sich mit der Geschichte des eigenen Hauses und Unrechtssystemen beschäftigen. Diesbezüglich leistet das Menschenrechtszentrum Forschungsarbeit. Honoriert wird das Engagement mit steigenden Mitglieder- und Besucherzahlen. Der Trägerverein erhielt Ehrungen wie den Brandenburger Freiheitspreis.

Die umfassende Aufklärungsarbeit kommt auch in der Landespolitik an. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) betont in seiner Würdigung am Wochenende das Engagement der Zeitzeugen in der Gedenkstätte. Ihre Lebensberichte würden ein Schlaglicht "auf das Menschenbild der DDR-Führung" werfen.

Der Verein Menschenrechtszentrum e. V. beschäftigt sich aber nicht nur mit der Vergangenheit, sondern mischt sich auch in der Gegenwart ein. So beteiligen sich Mitglieder an humanitären Einsätzen im irakischen Kurdistan.

Irene Barig ist zu Besuch in der Gedenkstätte. Sie sagt: "Ich bin heute nicht zum ersten Mal hier." Die Erschütterung wirkt noch nach, die die Geschichten der Zeitzeugen hinterlassen haben. "Man erfährt immer etwas Neues, von dem man vorher nichts wusste. Ich hoffe noch auf viele interessante Ausstellungen und Zeitzeugenberichte." Ihre Freundin Magda Hoffmann ergänzt: "Die machen hier echt eine tolle Arbeit."

Zum Thema:
Diese Frage steht auf einer Schautafel im Cottbuser Menschenrechtszentrum im ehemaligen Gefängnis. Geplant ist der Umbau zu einem Kongresszentrum. In diesem Jahr folgen Ausstellungen zu Zwangsadoption und Zwangsarbeit im Strafvollzug der DDR.Anschrift: Bautzener Straße 140, 03050 Cottbus. Öffnungszeiten: Di bis Fr, zehn bis 17 Uhr, Sa und So, 13 bis 18 Uhr. Einlass bis eine Stunde vor Schließung. Montag Ruhetag; an gesetzlichen Feiertagen geschlossen. menschenrechtszentrum-cottbus.de