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| 19:24 Uhr

Ein Amoklauf ist keine Kurzschlusshandlung

Polizisten bei einem Amok-Training in einer Schule, mit Schülern aber kann für diesen schlimmen Ernstfall nicht trainiert werden.
Polizisten bei einem Amok-Training in einer Schule, mit Schülern aber kann für diesen schlimmen Ernstfall nicht trainiert werden. FOTO: Havasi
Cottbus. Im Jahr 2002 hat der 19-jährige Robert im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt 16 Menschen und sich selbst erschossen. Bei Amokläufen und schwerer Gewalt starben seit 1999 in deutschen Schulen 42 Menschen. Gute Sicherheitstechnik reicht nicht. In Cottbus trafen sich jetzt Lehrer, Polizisten, Seelsorger und Sozialarbeiter. Annett Igel-Allzeit

Ganz ruhig holt er das Gewehr aus dem Rucksack, zieht die Kapuze hoch, läuft quer über den leeren Schulhof. In den Klassenräumen wird geschrieben, mit den Fingern geschnipst. Eine Lehrerin vermittelt eifrig Wissen, hebt die Augenbrauen, nickt. Hört sie die Schritte nicht, das Schlagen einer Tür, die Schüsse? Immer schneller wechseln die Bilder zwischen Lehrerin und Amokläufer - bis zum Knall. In der Aula des Oberstufenzentrums II in Cottbus ist es mucksmäuschenstill. Es musste in diesem nachgestellten Film kein Blut fließen, das Herz schlägt einem trotzdem bis zum Hals. "Warum hat sie nicht den Klassenraum zugeschlossen?", fragt eine Lehrerin. Als "kalt, bedrohlich, zielgerichtet" hat ein Lehrer den Täter empfunden. Sein Kollege: "Das war sehr realistisch, weil auch bei uns jeder einfach in die Schule gelangen kann."

Unter dem Titel "Wissen schützt" hat die Unterstützungsagentur für Bildung und gesellschaftliche Integration RAA Brandenburg und der Landespräventionsrat zu einer regionalen Fachtagung eingeladen. Es wird schon viel getan: Für dieses Schuljahr überarbeitet das Bildungsministerium den Notfallordner der Schulen. Eine Arbeitsgruppe des Landespräventionsrates beschäftigt sich kontinuierlich mit schulischer Gewaltprävention. Es gibt Projekte vom Cyber-Mobbing-Film bis zum Streitschlichter-Kurs.

"Als wir im Jahr 2009 ausgerechnet hatten, was uns eine Grundausstattung an Sicherheitstechnik zur Amokalarmierung für alle 26 Schulen kosten würde, kamen wir auf zwei Millionen Euro", sagt Berndt Weiße, Dezernent für Jugend, Kultur und Soziales in Cottbus. Ausgegeben sind bis jetzt 200 000 Euro - weil zehn Schulen noch in der Warteschleife sind und moderne Brandmeldeanlagen lediglich erweitert werden mussten.

Sechs Millionen Euro hat die Unfallkasse Thüringen die Entschädigung nach dem Amoklauf in Erfurt gekostet. "Wir haben ein großes Interesse daran, Amokläufe zu verhindern", versichert Alexandra Sydow, Unfallkasse Brandenburg. Die meisten Anzeigen zu Gewalt an Schulen bekomme sie aus Grundschulen. Das seien nicht nur Kratzer, sondern schwere Frakturen. Neben Gewalt-Präventionsprogrammen hat die Unfallkasse Brandenburg Geld investiert, um drei Lehrerinnen für ein Dynamisches Risiko-Analyse-System (Dyrias) zu schulen. Melden Lehrer ein ungutes Bauchgefühl zu einem Schüler bei ihnen, bekommen sie telefonisch rund 30 Fragen gestellt. "Sie werden aus der Beschäftigung mit Amokläufern entwickelt und ständig aktualisiert", sagt Alexandra Sydow. Die Antworten durchlaufen das Analyse-Programm und je nach Stufe 1 bis 5 gibt es Hinweise. "Aber der Lehrer selbst entscheidet, ob er weiter beobachtet oder die Polizei ruft." In der ersten Hälfte 2014 wurde die Dyrias-Analyse brandenburgweit siebenmal erbeten. Eine Oberschülerin und sechs Grundschüler - die Jüngsten waren neun. Akute Gefahr bestand mit Stufe 2 und 3 nicht.

Das Saarland entschloss sich 2009 zu einem Landesinstitut für präventives Handeln. Es bildet schuleigene Krisenteams aus und weiter. Oberkommissar Mario Schu beschäftigt sich im Institut mit dem Täterprofil: Es seien die Stillen, keine Frauenhelden, kaum Sportlertypen. 60 Prozent spielten Ego-Shooter am Computer, sie bewunderten Amokläufer aus Amerika. Den Suizid kalkulierten sie meist mit ein, wollten, dass wenigstens am Schluss alle über sie reden.

Laut Schulrätin Brunhilde Tönsmann vom Landesamt für Schule und Lehrerbildung gibt es auch in ihrer Regionalstelle Cottbus ein Krisenteam. "Es soll Schulleitern bei Todesfällen oder Bombendrohungen den Rücken zu stärken." Aber bei der Größe des Schulamtsbereiches brauche sie zu mancher Schule Stunden. Also gut qualifizierte Krisenteams in jeder Schule? Der Andrang in den Arbeitsgruppen der Tagung ist groß: Die Aufsichtspflicht ist Thema, die organisatorische und bauliche Verbesserung der Sicherheit und Konfliktbewältigung.

Kommentar: Die Chance