ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:19 Uhr

Übergriffe auf Flüchtlinge
„Die Nacht, in der ich geschlagen wurde“

FOTO: Katrin Janetzko / LR
Cottbus. Ein afghanischer Flüchtling leidet bis heute unter den Folgen eines nächtlichen Überfalls. Von Andrea Hilscher

Vor dreieinhalb Jahren ist Jawad R. (32) aus Afghanistan gekommen. Der Flüchtling hat sich schnell eingelebt, Wenn Freunde ihm von Übergriffen oder Pöbeleien erzählten, blieb er stumm. „Ich hatte dergleichen nie erlebt.“ Bis zu einer Nacht Anfang April. Jawad R. war zusammen mit einem Freund ins Cottbuser „Bebel“ gegangen, wollte gegen 2.30 Uhr nach Hause laufen. Wenige Minuten später fand er sich in einem Alptraum wieder.

Jawad R., schmal von Statur, schildert die Ereignisse jener Nacht mit leiser Stimme. Stockt immer wieder, denkt nach, setzt neu an. Präzise will er sein, nicht weglassen, was vielleicht wichtig sein könnte. „Ich hatte die ganze Nacht an einem Tisch gesessen, keinen Alkohol getrunken, nicht getanzt.“ Auf der Tanzfläche war ihm ein großer Mann mit Dreitagebart aufgefallen, der kurz den Arm zum Hitlergruß gehoben hatte. „Ich wollte dann gehen. Als ich 50 Meter von der Kneipe entfernt war, hat jemand etwas hinter mir hergerufen.“ Jawad R. verstand nicht richtig, worum es ging und blieb stehen.

Der große Mann aus dem Bebel kam zu ihm, sagte etwas Unverständliches und schlug ihn gegen den Kopf, brüllte dann „Scheiß Ausländer.“ Jawad R. schrie um Hilfe, rannte zurück zum Eingang des Lokals. „Der Mann schlug mich immer wieder.“ Ein Gast schritt ein, konnte aber gegen den muskulösen Angreifer nichts ausrichten. Nach weiteren Schlägen ging der Afghane zu Boden. „Irgendwann hörten die Schläge auf“, erinnert sich Jawad R. Er wählte die 110 – besetzt. Er schaffte es noch, um Unterstützung zu bitten, verlor dann das Bewusstsein. „Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Krankenwagen.“

Er wurde im Carl-Thiem-Klinikum versorgt. Die Diagnose: Schädelprellung, Ellenbogenprellung, Knieprellung, Sehstörungen, Trauma der Halswirbelsäule. Bis heute ist der junge Mann krankgeschrieben. Sein Sehvermögen ist noch immer beeinträchtigt, neben Schwindel und Schlaflosigkeit plagen ihn Panikattacken. Er geht nur selten aus dem Haus. Immer wieder fragt er sich, warum er zum Opfer wurde. „Ein paar Tage vor dem Angriff hatte ich in einer Fernsehsendung etwas zum Thema Rassismus gesagt. Vielleicht hat es damit zu tun?“

Der junge Afghane ist mit großen Hoffnungen nach Deutschland gekommen. Ein Jahr lang hat er an der BTU Deutsch gelernt wollte dann studieren. „Leider habe ich den Sprachtest nicht bestanden.“ Nach kurzem Nachdenken begann er eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger in Senftenberg. „Ich fühle mich sehr wohl hier. Habe viele Freunde, unter den Flüchtlingen ebenso wie unter den Deutschen.“ Noch immer denkt er, dass fremdenfeindliche Angriffe die Ausnahme sind, nicht zur Regel werden. „Ich habe in der Zeit nach dem Überfall viel Zuspruch bekommen, das hat mir geholfen.“ Trotzdem: Der Schock sitzt tief.

Joschka Fröschner von der Opferpespektive Brandenburg kennt derartige Fälle zur Genüge. „Gerade für Menschen, die sich endlich in Sicherheit glaubten, ist es erschütternd, wenn sie merken, dass sie auch in Deutschland wieder Angst haben müssen.“ Sie ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück, meiden Kontakte, fallen in Verhaltensmuster zurück, die sie auf der Flucht bewährt haben.

Für das Jahr 2017 hatte der Verein Opferperspektive 171 rechte Gewalttaten erfasst, etwa weniger als in den Jahren 2015 und 2016. Allerdings ist die Gesamtzahl der Angriffe immer noch die dritthöchste, die seit Beginn des Monitorings im Jahr 2001 dokumentiert wurde. Der Schwerpunkt der Angriffe liegt mit 37 in Cottbus. „Auch in diesem Jahr gehen wir nicht davon aus, dass die Zahlen sinken“, so Joschka Fröschner. In den meisten Fällen, die bei der Opferperspektive gemeldet werden, handelt es sich um Körperverletzung und schwere Körperverletzung.

Der Fall von Jawad R. wird ebenfalls in die Statistik von 2018 eingehen. Der Afghane hofft, dass er irgendwann eine Antwort auf seine Frage nach dem Warum bekommt. Die Polizei sucht weiter nach dem Täter.