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| 02:34 Uhr

"Ehrliches Ergebnis" zum Wahlkampfeinstieg

Ulrich Freese (links) und Dietmar Woidke.
Ulrich Freese (links) und Dietmar Woidke. FOTO: js
Cottbus. Jeder fünfte Delegierte der SPD in Cottbus und Spree-Neiße hat Ulrich Freese zumindest bei der Wahl des Direktkandidaten bei der Bundestagswahl nicht die Zustimmung gegeben. Obwohl – oder weil – ein Gegenkandidat zurück gezogen hat. Jürgen Scholz

Ein ehrliches Ergebnis, wie Freese am Freitagabend im Stadtsaal Cottbus sagte - der nun zu Geschlossenheit aufruft.

Dabei sollte die Abstimmung Einheit demonstrieren. Dafür zog der einzige Gegenkandidat Freeses seine Bewerbung zurück. Dabei hätte der Spree-Neiße-Juso-Vorsitzende Stefan Labahn wohl kaum eine Chance gehabt. Bei der Delegiertenkonferenz saß er recht einsam in den letzten Reihen, leistete dann in der Zählkommission Laufdienste, fiel bei der Wahl für die Landesdelegiertenversammlung mit sechs Stimmen deutlich gegenüber den Altgedienten aus den Ortsverbänden durch und erhielt bei der Kandidatur für die Landesliste lediglich 33 Stimmen von 77 Delegierten. Der etwa gleich alte Cottbuser Marco Bedrich, bekannt geworden als der Vattenfall-Lehrling, der mit SPD-Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel sprach und in der Vattenfall-Kommunikationsabteilung tätig ist, zeigte sich abgeklärter und erhielt 67 Stimmen. Ob beide nur einen Hauch der Chance haben, ist fraglich: Die ersten zehn Plätze der brandenburgischen Landesliste sind quasi für die Direktkandidaten reserviert.

Nur über die Liste hatte es Freese vor vier Jahren in den Bundestag geschafft. Nach einem ernüchternden Ergebnis, wie er noch heute einräumt. Sein Hauptgegner wird derselbe sein: der ebenfalls aus Spremberg kommende CDU-Kandidat Klaus-Peter Schulze. Auch Schulze hatte zunächst parteiintern einen jungen Mitbewerber (der ebenfalls kurzfristig zurückzog). Allerdings wird vom Nachwuchs der Union traditionell nicht die selbe herausfordernde Haltung wie von den Jusos in der SPD erwartet. Und die Union würde einen Kandidaten wohl kaum so kalt abschrecken wie die Sozialdemokraten ihren regionalen Parteichef; vor allem, wenn sie vermuten, dass er seine Position parteiintern ausnutzt. Und so war Schulzes 100-Prozent-Ergebnis in der CDU für Freese in der SPD ohnehin unerreichbar.

Freese, seit 1993 in Spree-Neiße Strippenzieher und Stratege der Sozialdemokraten, weiß sehr genau, wo sein gewichtigster Gegner steht und wo sein größtes Wählerpotenzial liegt. Entsprechend setzt der der ehemalige IG BCE-Funktionär, flankiert vom SPD-Landesvorsitzenden Dietmar Woidke, seine Schwerpunkte: Angleichung der Ost-Renten, fairer und auskömmlicher Lohn, Chancengleichheit schon im Bildungssystem, kein Ausstieg aus der Kohleverstromung, und er beschwört die Nähe zu Gewerkschaften und Arbeitnehmern. Alles Punkte, wo er Schwächen bei Schulze auszumachen glaubt. Er kandidiere auch nicht als "Bundesbeauftragter zur Verhinderung der brandenburgischen Kreisgebietsreform", spielt er auf die Initiative an, mit der Schulze und CDU im Bundestagswahlkampf nah dran an vielen Wählern sind.

Die Kreisreform wird besonders die SPD in der kreisfreien Stadt Cottbus beschäftigen, die deshalb klare Worte von ihrem Ministerpräsidenten forderte. Die blieb Woidke nicht schuldig, verwies darauf, dass vor allem vor allem die unteren Landesbehörden betroffen wären, für die letztlich aber er und nicht der Oberbürgermeister die Verantwortung trage. Gleichzeitig solle über eine neue Form der Kulturfinanzierung die Stadt entlastet, darüber hinaus die Hälfte der städtischen Schulden übernommen werden. "Wenn die Zinsen nur um zwei bis drei Prozent steigen, ist Cottbus pleite", so Woidke, der von Lügen sprach, die kursierten. Von der Kreisgebietsreform hänge weder die Zukunft des Planetariums, noch die des Konservatoriums ab. Freese bezog sich auf die alte Position des Unterbezirksvorstands: ein Kreis aus Spree-Neiße, Oberspreewald-Lausitz und Cottbus, mit Kreissitz in Cottbus, aber Außenstellen in den jetzigen Kreisstädten Senftenberg und Forst. Die Ausländerpolitik spielte bei der Debatte kaum keine Rolle. Und es gab eine klare Ansage in andere Richtung: Man wolle gegen alle radikalen Ansätze klar Position beziehen

Mit dem Ergebnis - 67 Ja-Stimmen, aber auch 13 Nein-Stimmen und drei Enthaltungen - hatte Freese sichtlich zu ringen, fing sich aber bald wieder, dankte den Genossen "für das ehrliche Ergebnis", und beschwor sie nun zu Einigkeit: Jetzt, so Freese, gehe es darum, dass im Wahlkampf 100 bis 150 Prozent gegeben werden.