Von Beate Möschl

Bärbel Schöne (Name von der Redaktion geändert) hat sich in ihr Wohnzimmer zurückgezogen. Mit  Blick in den Garten, einer   Tasse Kaffee und einer Jacke, die  sie wärmt. Das kann sie gut brauchen, denn von einem Tag auf den anderen hat eine tückische Krankheit  ihres Mannes all ihre gemeinsamen Zukunftspläne zunichte gemacht. Gut ein Jahr  vor dem gemeinsamen Ruhestand.

So unerwartet und gnadenlos,  wie die Erkenntnis auch durchschlug, so hoffnungsvoll und umsichtig hatte sich die lebenserfahrene, beruflich erfolgreiche und geforderte Frau der Sache angenommen. Zum Schutz ihres Mannes und seiner Patienten.  Nicht müde ist sie geworden, ihren Mann von der Notwendigkeit zu überzeugen, seine zahnärztliche Praxis zu schließen. Doch wie es wohl  so typisch  ist für die Demenz, an der er erkrankt ist, hat er sein ungewohntes Verhalten gar nicht als solches bemerkt, schildert Bärbel Schöne. Auf der Suche nach Hilfe ist sie deshalb  alle Schritte gegangen, die pflegenden Angehörigen empfohlen werden, und etliche mehr. Sie war und ist informiert, kompetent, konsequent. Worauf sie nicht vorbereitet war,   dass ihr in ihrem konkreten Fall niemand ganz praktisch helfen konnte.

„Ich habe jemanden Offizielles gesucht, der sagt, ‚ja, Ihr Mann sollte seine Praxis schließen‘ und ihn davon überzeugt,  mit entsprechender Kompetenz und notfalls  amtlicher Anordnung. Auf mich hat er ja nicht gehört“, schildert  sie und sagt: „Doch diesen jemand gibt es nicht. Wie ich erfahren musste, gibt es keinen anderen Weg als dass er selbst zu der Erkenntnis und dem Entschluss gelangt. Aber wie sollte das gehen in seinem Gesundheitszustand.“ Den hatte ihr Mann frühzeitig noch mit eigenem Einverständnis und Zutun in einer Klinik untersuchen lassen.

Das  medizinischen Gutachten  vom Frühjahr 2018 bescheinigt eine Demenz im frühen Beginn. „Das hat uns tief getroffen, auch seine Hausärztin war über die Diagnose erschrocken. Wir hatten immer gehofft, es sei nur eine Art Burn-Out, die sein  Zeitgefühl und Verhalten beeinträchtigt“, schildert Schöne. Hautnah erlebe sie seitdem einen beängstigend rasanten Verlauf. „Ich habe mir Sorgen  gemacht, habe mich aber kaum mitteilen können. Jeder, der ihn nur Momente erlebt hat, hat gedacht ich übertreibe.“ Nur die Schwestern in seiner Praxis, zu der sie ihn begleitet hat, „um das Schlimmste zu verhindern“, haben die Situation schnell erkannt und sogar gekündigt.

„In Sorge um seine Patienten  und um seinen guten Ruf habe ich mich im Juni 2018 an das Landesamt für Arbeitsschutz und Gesundheit gewandt. Das ist das Amt, das  für Approbationen, also Mediziner,  zuständig ist. Mir ging es nicht darum, seine Approbation in Frage zu stellen. Ich wollte wissen,  ob sie meinem Mann nahelegen können, dass er nicht mehr als Zahnarzt arbeiten sollte aus gesundheitlichen Gründen“, erzählt sie und sagt: „Ich habe darauf hingewiesen, dass   eine klinische Diagnose bereits Demenz bescheinigt  und das Gutachten zur Einsicht angeboten. Heute wünschte ich, ich hätte den Telefonhörer gar nicht erst in die Hand genommen.“

Der  Anruf habe ihr und ihrem Mann  viel Aufwand gebracht, aber keine Hilfe. Obendrein musste sie noch mehr als 1000 Euro bezahlen. Denn ihr Mann wurde  zwei Mal zu gutachterlichen Terminen nach Brandenburg an der Havel beordert. Sie habe ihren Mann jedes Mal begleiten müssen, weil er allein nicht in der Lage war dorthin zu finden. „Das hat er dem Gutachter im Übrigen genauso gesagt.“ Ihr  habe der begutachtende Arzt nach nur einem Gespräch mit ihrem Mann zwar  sogar geraten, ihm die Autoschlüssel zu entziehen. „In dem dann später von ihm vorgelegten Gutachten ist er allerdings zu dem Schluss gekommen, dass meine Mann seine Praxis durchaus weiterführen könne, weil keine Eignungsdefizite vorlagen.  

Das klärende Gespräch, um das sie umgehend gebeten hatte, weil dieses Ergebnis im völligen Widerspruch steht zu der nur wenige Monate zuvor in einer anerkannten Klinik   per Gehirnwasseruntersuchung festgestellten Diagnose Demenz und dem tatsächlichen  Befinden  ihres Mannes stand, hat nie stattgefunden. Stattdessen erhielt sie im Juni dieses Jahres eine Rechnung in Höhe von 1431 Euro für die im Auftrag des Landesamtes erbrachte Gutachterleistung. Das lässt Barbara Schöne fassungslos zurück. Ihr Mann hat inzwischen Pflegegrad 3. „Seine einzige Unterhaltung ist die Tagespflege.  Die   sichert seine Betreuung während ich,  sofern ich arbeitsfähig bin,  meiner Arbeit nachgehe.“  

Den Widerspruch gegen das Gutachten und den Kostenbescheid hat sie  zurückgezogen. „Mein Anwalt hat mir bestätigt, dass es wenig Aussicht gibt auf Erfolg. Das Amt hat in seinem Erstanhörungsschreiben in Folge meines Anrufs darauf hingewiesen, dass die Kosten sowohl für eine amtsärztliche als auch für eine fachärztliche Begutachtung vom Betroffenen selbst zu tragen sind, und zwar unabhängig davon, zu welchen Ergebnissen der beauftragte Sachverständige kommt.“

Die Praxis ist längst geschlossen. Noch im vergangenen Jahr hatte Barbara Schöne  alle Kräfte mobilisiert, um im Rahmen des Möglichen im Einverständnis mit ihrem Mann die Praxis zu schließen und sich persönlich um alles Erforderliche gekümmert.  

Das  Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit, Abteilung Gesundheit (LAVG) bestätigt auf Nachfrage, dass es für solche Fälle der richtige Ansprechpartner ist, macht aber aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Angaben zum konkreten Einzelfall.