Von Andrea Hilscher

Eine Expertenrunde im Sozialausschuss zur Situation der Pflege in Cottbus zeigt: Es ist Not am Mann. Beziehungsweise an der Frau. Schon jetzt hat der Fachkräftemangel in den Einrichtungen der Region drastische Auswirkungen. CTK, Pflegeeinrichtungen und private Ausbilder stehen vor immensen Problemen. Lösungen, so die einhellige Meinung, können nur gemeinsam gefunden werden.

Zu wenig Fachkräfte im Seniorenheim: Michaela Lorenz, Geschäftsführerin des Arbeiter-Samariter-Bundes Cottbus, weiß, wie mühsam es schon heute ist, den Betrieb etwa im Riedelstift aufrechtzuerhalten. Gesetzlich vorgeschrieben ist eine Fachkraftquote von 50 Prozent auf Station. Momentan ist eine Pflegefachkraft für 60 Senioren zuständig. Das funktioniert nur, weil die Pflegerin sich einzig auf die Ausführung von ärztlichen Verordnungen konzentriert. Alle anderen Arbeiten übernehmen Pflegehelfer. Die Fachkraftquote von 50 Prozent wird nur noch selten erfüllt, meist liegt sie bei 36 Prozent. „Das geht gesetzlich immer dann, wenn ich zum Ausgleich für fehlende Fachkräfte entsprechend mehr Helfer auf Station habe.“ Da aber auch die Helfer knapp werden, musste Michaela Lorenz bereits einen Belegungsstopp aussprechen. Von sechs Azubis beim ASB im Bereich Altenpflege in diesem Jahr haben vier die Lehre abgebrochen.

Volle Touren in der ambulanten Pflege: Sven Gehrmann aus Kahren kennt die verzweifelten Anrufe von Familien, die dringend eine ambulante Pflege brauchen. „Aber unsere Touren sind oft voll, ich habe keine Kapazitäten mehr.“ Inzwischen dürfen zwar auch Pflegehelfer Arbeiten übernehmen, die früher den Fachkräften vorbehalten waren. „Aber selbst Helfer sind nicht mehr zu finden.“

Fachkräfte aus Bosnien: Ronald Heinold von der „Lausitzer Wirtschafts- und Gesundheits-Akademie“ sucht im Ausland nach Pflegekräften für den Cottbuser Markt. Ein mühsames Geschäft. „Wir arbeiten mit einer medizinischen Schule zusammen. Die Absolventen haben vier Jahre Ausbildung hinter sich, dürfen bei uns aber nur als Helfer arbeiten – wenn sie ein Visum bekommen. Das, so Heinold, würde oft erst nach zwölf Monaten erteilt.

Die Sozialdezernentin sagt: Schon jetzt ist ein Viertel aller Cottbuser über 65 Jahre alt, ihr Anteil steigt bis 2030 auf ein Drittel. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird voraussichtlich von 4307 im Jahr 2017 auf 4865 im Jahr 2040 steigen. Dabei wird der Anteil der Menschen, die auf häusliche Pflege angewiesen sind, leicht sinken. Immer mehr Senioren aber werden ins Pflegeheim ziehen.  Sozialdezernentin Maren Dieckmann: „Das Thema macht uns Sorgen. Wir sind auf die Rekrutierung ausländischer Fachkräfte angewiesen.“ Denn: Schon 2015 waren 64 Prozent aller Beschäftigten in der Pflege über 40 Jahre, 40 Prozent sogar älter als 50 Jahre. Studien gehen davon aus, dass in Cottbus in den nächsten 20 Jahren deutlich mehr Fachkräfte in der Pflege gebraucht werden. Dieckmann sagt: „Wir haben ein Potenzial an zugewanderten Menschen, die wir schnell qualifizieren müssen.“

Das Jobcenter kämpft: Im Jahr 2009 gab es in Cottbus 67 arbeitslose Gesundheits- und Krankenpfleger, heute sind es nur 21, von ihnen haben 42 Prozent keine Ausbildung. In der Altenpflege sind die Arbeitslosenzahlen von 113 auf 36 gesunken. Um freie Stellen zu besetzen, braucht das Jobcenter inzwischen drei Monate. Doreen Meinhardt (Jobcenter) fordert die Politik auf, die Rahmenbedingungen für Pflegeberufe attraktiver zu gestalten. Das Jobcenter wirbt bei Jugendlichen, auch bei Geflüchteten, für Ausbildungen im Pflegebereich

Die Pflegedirektorin vom CTK sagt: An der Medizinischen Schule wurde bereits eine zusätzliche Klasse für Gesundheits- und Krankenpfleger aufgemacht, erstmals werden hier auch Pflegehelfer ausgebildet. Andrea Stewig-Nitschke fürchtet: Durch eine Reform der Ausbildung werden sich ab 2020 deutlich weniger junge Menschen für die Altenpflege entscheiden. Sie sagt: „Gemeinsam mit anderen Einrichtungen müssen wir Programme entwickeln, um ausländische Fachkräfte zu gewinnen und für den Einsatz bei uns zu qualifizieren.“