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Drogengeschäfte greifen um sich

Die nachgestellte Szene zeigt Drogenhändler, die mit Drogengeschäften riesige Umsätze machen.
Die nachgestellte Szene zeigt Drogenhändler, die mit Drogengeschäften riesige Umsätze machen. FOTO: dpa
Cottbus. Vor 14 Monaten konnte die Polizei in Cottbus die "Drogenbaronin" Dana S. aus dem Verkehr ziehen, jetzt gelang den Ermittlern erneut ein Schlag gegen die Rauschgiftszene in der Stadt. Bei einer Wohnungsdurchsuchung stellten die Beamten 200 Gramm Crystal Meth, Kokain und Waffen sicher. Andrea Hilscher

Donnerstagabend, kurz nach 20 Uhr. Mehrere Einsatzwagen der Polizei halten in der Straße der Jugend, Ermittler eilen in einen Altbau, durchsuchen eine Wohnung - und machen einen der größten Drogenfunde der letzten Jahre. Bei dem Mieter der Wohnung (39) finden sie insgesamt 200 Gramm Crystal Meth, Kokain und zwei Messer. Drogenfahnderin Kathrin Gorn: "Seit 2014 war das der drittgrößte Fund in Cottbus. Das Rauschgift hatte einen Einkaufspreis von 8000 Euro, der Marktwert liegt bei 20 000 Euro." Eine satte Gewinnspanne für den Dealer, der offenbar weiß, dass in der Rauschgiftszene mit harten Bandagen gekämpft wird. "Sonst hätte er keine Messer in der Nähe der Ware aufbewahrt", so ein Ermittler. Für den Drogenhandel mit Waffen kann der schon früher polizeibekannte Verdächtige mit mindestens fünf Jahren Haft rechnen. Trotzdem entschied der zuständige Amtsrichter: Keine Fluchtgefahr, der Haftbefehl wird außer Vollzug gesetzt. Der mutmaßliche Dealer ist also wieder auf freiem Fuß, wartet auf sein Verfahren.

Marco Mette, Leiter des Kriminalkommissariats der Polizeiinspektion Cottbus/Spree-Neiße: "Mit einer solchen Entscheidung hatten wir nicht gerechnet, der Mann muss immerhin mit einer hohen Haftstrafe rechnen." Die richterliche Unabhängigkeit sei ein hohes Gut, das niemand in Zweifel ziehen wolle. "Aber das Signal, das wir damit in die Szene aussenden, ist fatal." Denn das, was Mette nüchtern "die Szene" nennt, ist eine eng verflochtene, stetig wachsende Gruppe von schwerst Abhängigen, von kleinen und großen Händlern, die von der Sucht der Konsumenten und ihrer Skrupellosigkeit in Sachen Beschaffungskriminalität profitieren.

Der Dealer aus der Straße der Jugend hat seinen Stoff aus Polen bezogen, offenbar über eine Handvoll Unterhändler an die Kundschaft gebracht. Kathrin Gorn: "Bei einem Händler gehen pro Woche etwa 20 000 Euro über den Tisch, die Gewinnspanne ist enorm." Es sei daher nicht verwunderlich, dass sich nach einer Verhaftung sofort neue Strukturen bilden. Als die sogenannte "Drogenbaronin" Ende 2015 verhaftet wurde, dauerte es nicht lange, bis die Szene neue Wege gefunden hatte, sich mit dem tückischen Crystal Meth zu versorgen."

Inzwischen wurde Dana S. zu sieben Jahren Haft verurteilt. Ihr Prozess machte deutlich, wie skrupellos Süchtige handeln, um ihren Konsum zu finanzieren. Marco Mette: "Es sind nicht nur Fahrräder oder Bohrmaschinen, die geklaut und für einen Bruchteil ihres Wertes verkauft werden." Mit beidseitig beklebten Pfannenwendern haben die Abhängigen gerade rund um den Jahreswechsel Post aus Briefkästen geangelt und sind sie an EC-Karten und Pinnummern gekommen. Altpapiercontainer wurden systematisch durchforstet, um Kataloge mit aufgedruckten Namen und Kundennummern zu finden. Mette: "So ließen sich rasch illegal Waren bestellen."

Crystal-Abhängige leiden unter einem hohen Beschaffungsdruck. Am Anfang ihrer Sucht reichen ihnen winzige Mengen von 0,1 oder 0,5 Gramm Rauschgift. Dann aber brauchen sie höherer Dosen - am Tag bis zu zwei Gramm. Kathrin Gorn: "Da kommen im Monat schnell 3000 Euro zusammen, die ein einziger Süchtiger braucht."

Neben dem Schaden durch Betrug und Diebstahl muss die Gesellschaft zudem für die gesundheitlichen Folgen der Sucht aufkommen: Crystal Meth schädigt den Körper massiv, viele Abhängige sind schon mit Mitte 30 Frührentner. Die Cottbuser Polizei hat eine eigene Ermittlungsgruppe gegründet, in der die Bekämpfung von Beschaffungskriminalität und von Handel mit Betäubungsmittel zusammengeführt wurden." Marco Mette: "So können wir die Strukturen der Szene sehr viel gründlicher und schneller als bisher durchschauen und aufdecken." Die Drogenfahnder haben einen langen Atem. "Die Händler sollen sich nicht zu sicher fühlen", sagt einer von ihnen. "Wir kämpfen zwar gegen Windmühlen. Aber wir führen diesen Kampf gern."

Einer der größten Drogenfunde in Cottbus.
Einer der größten Drogenfunde in Cottbus. FOTO: Polizei
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