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| 02:42 Uhr

Drei Nächte voller Feuer, Angst und Gewalt in Cottbus

Cottbus. Es waren schwülheiße Nächte in jenem August vor 20 Jahren. Nächte, in denen 200 Neonazis vor das Asylbewerberheim in Sachsendorf zogen – bewaffnet mit Molotowcocktails, Messern und Steinen. Heute mahnt eine Kundgebung vor Rassismus. Andrea Hilscher

Es erinnert kaum noch etwas an die Ausschreitungen im August 1992. Das damalige Flüchtlingsheim ist abgerissen, seine Bewohner haben Cottbus längst verlassen. Von offizieller Seite wird erst in vier Wochen am Rande einer Veranstaltung zum "Tag des Flüchtlings" an die pogromartigen Attacken der Neonazis erinnert.

Dabei war es ausgerechnet der heutige Oberbürgermeister Frank Szymanski, der in jenen Tagen und Nächten zum ersten Mal an die breite Öffentlichkeit trat - als Schulleiter der 8. Gesamtschule in Sachsendorf organisierte er den Widerstand gegen die Rechten und initiierte an seiner Schule ein multikulturelles Projekt.

Wenn Szymanski heute mit seinen Stadtverordneten zusammentrifft, dann stößt er immer wieder auch auf einen Mann, der als geistiger Anführer der Sachsendorfer Ausschreitungen gilt: Frank Hübner. Er sitzt heute für die NPD im Stadtrat. Vor 20 Jahren war der damals 27-Jährige Bundesvorsitzender der neonazistischen "Deutschen Alternative", die später verboten wurde. In Cottbus hatte sich die DA Anfang der 90er Jahre durch jugendlichen Zulauf zur drittstärksten Mitgliederpartei entwickelt.

Hübner und seine Anhänger nutzten die Unsicherheit der Nachwendejahre und schürten Vorurteile gegen die in Cottbus lebenden Ausländer. Sie heizten mit ihren rechten Parolen die Stimmung derartig an, dass sich in der Nacht vom 29. August 200 Aufrührer in Richtung Flüchtlingsheim aufmachten.

Ausgerüstet mit Molotowcocktails, Messern und Steinen zog der Mob in Richtung Lipezker Straße. Autos gingen in Flammen auf, Schaufenster zerbrachen, Wohnhäuser wurden beschädigt. 300 Polizisten stellten sich zwischen Angreifer und verängstigte Heimbewohner. Erst nach drei Nächten beruhigte sich die Lage.

Frank Szymanski sagt rückblickend. "Die Ereignisse vom August 1992 sind eine bleibende Schande für die Stadt. Jeder, der ,Ausländer raus' brüllt und Steine wirft und Feuer legt, will Menschen töten."

Er selbst sei auch heute, 20 Jahre danach, beschämt, dass nur die Polizei und Feuerwehr Opfer unter den ausländischen Asylbewerbern verhinderten. Immer wieder erreichten Brandsätze trotz der Polizeipräsent Autos und Wohngebäude. Die Feuerwehr, so ein Augenzeuge, wurde massiv bedrängt und an ihrer Arbeit gehindert.

"Das war kein spontaner Wutausbruch der Rechten. Es handelte es sich um einen geplanten Angriff, hinter dem eine gut koordinierte Infrastruktur stand", so Adrian Stahlberg von der lokalen Gruppe "Rassismus tötet".

Gemeinsam mit Vertretern von "Cottbus nazifrei" organisiert er für den heutigen Nachmittag eine Kundgebung in Sachsendorf. "Noch immer müssen Ausländer und Menschen, die nicht ins Bild von NPD und rechten Kameradschaften passen, mit Bedrohungen und Übergriffen rechnen", so einer der Veranstalter.

Heike Konzack, Integrationsbeauftragte im Rathaus, teilt die Skepsis nur bedingt. Sie führt an, dass die Zahl der Delikte der politisch motivierten Kriminalität (von rechts) in Cottbus zurückgegangen ist. 2008 habe es 158 Fälle gegeben, davon wurden 94 geklärt. 2011 zählten die Behörden 70 Fälle (40 geklärt). Heike Konzack: "Aus meiner Sicht hat sich die Gemeinschaftsunterkunft Hegelstraße gut in das Wohnumfeld integriert. Übergriffe sind nicht zu verzeichnen."

Damit das so bleibt, laden "Cottbus nazifrei" und "Rassismus tötet" heute um 16 Uhr zur Kundgebung Ecke Lipezker Straße/Schopenhauerstraße.