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| 02:33 Uhr

Drama vor der Stadthalle

An der Haltestelle vor der Stadthalle ist am Karsamstag eine Studentin angefahren worden. Tage später starb sie.
An der Haltestelle vor der Stadthalle ist am Karsamstag eine Studentin angefahren worden. Tage später starb sie. FOTO: Peggy Kompalla
Cottbus. Eine junge Cottbuserin erlebt den schweren Unfall an der Haltestelle. Sie ist schockiert von den Worten, die fallen. Auf der Piccolo-Bühne beschäftigt sich die Schülerin gerade damit. Peggy Kompalla

Josefine steckt mitten in den Abi-Prüfungen. Doch ihren Kopf hat sie dafür nicht wirklich frei. Denn am frühen Karsamstag sitzt sie mit ihrem Freund an der Haltestelle vor der Stadthalle und wartet auf den Nachtbus, als sie einen Knall hört. Eine Gaststudentin aus Ägypten wird von einem Auto angefahren . Die junge Frau liegt schwer verletzt auf der Straße. Tage später stirbt sie. Josefine schockieren nicht nur der Schmerz und das Blut des Opfers, sondern Worte. Sie kommen von den Insassen des Unfallfahrzeugs.

Wie es zu dem Unglück kommt, sieht Josefine nicht. Ihr geht es also nicht um eine Schuldzuweisung oder die Rekonstruktion des Unfalls. Das ist die Aufgabe der Experten von Polizei und Dekra. Trotzdem kann Josefine nicht schweigen. "Ich bin so wütend", sagt sie. "Der Unfall war schockierend, aber was danach folgte, war grausam." Das teilt sie auch mit den Premierengästen des Piccolo-Theaterstücks "KRG", bei dem sie auf der Bühne steht.

"Der Fahrer selbst war eher passiv", erzählt Josefine. "Aber seine Begleiter haben immer wieder gelacht und sich lustig gemacht." Demnach fielen Sätze wie: "Mir ist klar, dass es bei Euch keine Straßen gibt, aber in Deutschland muss man eben auf die Straße gucken." Oder "Verpisst Euch doch einfach wieder in Euer Land, dann werdet Ihr auch nicht angefahren - Scheißasylanten." So steht es in ihrem Gedächtnisprotokoll.

Matthias Heine hatte ihr dazu geraten, das Erlebnis öffentlich zu machen. Er leitet den Theaterjugendklub im Piccolo. Gemeinsam mit 14 jungen Menschen zwischen 15 und 21 Jahren hat er am Samstag das Stück "KRG" auf die Bühne gebracht. Ein Gedankenspiel: Darin versinkt Europa im Krieg. Den Menschen bleibt nur die Flucht in den Nahen Osten, in ein ägyptisches Flüchtlingslager. Gespiegelt wird diese fiktive Handlung von Heimatsequenzen aus dem Jetzt.

Sie speisen sich aus Erlebnissen der jungen Leute und wurden von ihnen inszeniert. "Die Angstreflexe sind dabei das Oberthema", sagt der Spielleiter Heine. Pegida-Chöre gehören genauso dazu wie das Verbreiten böswilliger Gerüchte. "Wir wollen die Mechanismen der Angst und diese Hysterie offenlegen." Die Kaltschnäuzigkeit der Unfallbeteiligten am Karsamstag belege genau das. Aber noch viel mehr. Josefine sagt: "Ich weiß nicht, warum die Angst haben. Da liegt eine verletzte Frau am Boden und denen ist wichtiger, dass sie augenscheinlich eine Ausländerin ist." Die 19-Jährige denkt nach: "Sie haben gar nicht den Menschen gesehen." Genau das macht sie so wütend.