Bleiben Brandenburgs Stasi-Akten in Frankfurt an der Oder? Oder kommen sie doch nach Cottbus? Seit einigen Monaten läuft zu diesem Thema eine Debatte. Die RUNDSCHAU sprach darüber mit der Aufarbeitungsbeauftragten des Landes Brandenburg, Maria Nooke.

Frau Nooke, woher kommt die neue Debatte über Brandenburgs Stasi-Akten?

Nooke  2014 hat eine Expertenkommission den Auftrag erhalten, sich Gedanken über die Zukunft des BStU zu machen. Schon damals gab es eine Diskussion über die Außenstellen. Dahinter stehen auch finanzielle Gründe: Man will Kosten sparen. Die Kommission hat sich dann dafür ausgesprochen, in jedem Bundesland eine Außenstelle mit Archivstandort zu erhalten. Aber in dem Konzept, dass der Bundesbeauftragte Roland Jahn daraufhin erarbeitete, kam Brandenburg nicht vor. Die Szenarien darin liefen darauf hinaus, dass Brandenburg keine Außenstelle mehr haben sollte – und die Brandenburger Stasi-Akten in Berlin gelandet wären.

So dass Brandenburg das einzige Ost-Bundesland ohne Außenstelle gewesen wäre...

Nooke Richtig. Das haben wir im Januar in Frankfurt (Oder) angesprochen, als ich mit Ministerpräsident Woidke und dem Bundesbeauftragten dort vor Ort war. Dietmar Woidke hat ausdrücklich gesagt, dass eine Außenstelle für Brandenburg unverzichtbar ist.

Warum ist das so – Berlin liegt ja nun wirklich mitten in Brandenburg...

Nooke Ich glaube, man darf nicht nur auf die Verkehrsverbindungen achten. Das Entscheidende ist: Dieses Archiv ist aus bürgerschaftlichem Engagement heraus entstanden. Hier liegen die Akten, die vor Ort in den Bezirksdienststellen und in den Kreisdienststellen der Stasi entstanden sind. Sie zu sichern, war 1989 wichtig, als es darum ging, den DDR-Staat und die Atmosphäre der Angst abzuschaffen. Es war ein unheimlich wichtiger Akt damals – diese Akten gehörten plötzlich uns, man konnte dort hineinschauen und sehen, was mit einem gemacht wurde.

Aber wieso müssen die Akten in Brandenburg liegen?

Nooke Stellen Sie sich einmal vor, wir sagen: Brandenburg braucht das nicht mehr, wir geben unsere Akten nach Berlin. Für unser Land wäre das ein Schlussstrichsignal. „Die Akten sind weg, also müssen wir uns nicht mehr damit beschäftigen.“ Brandenburg hat ja ohnehin eine Sonderrolle in der Aufarbeitung, weil wir nicht von Anfang an einen Landesbeauftragten hatten. Während in anderen Ländern zu Beginn der 1990er Jahre die Beauftragten eingesetzt wurden, hatte Brandenburg die Debatte um die Stasi-Verstrickungen von Ministerpräsident Manfred Stolpe. Danach hat sich Brandenburg lange nicht mehr mit dem Thema Aufarbeitung befasst. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, heute den Weg der Aufarbeitung fortzusetzen – und dafür brauchen wir die Akten. Für uns ist die Außenstelle in Frankfurt (Oder) einer der wichtigsten Partner.

Trotzdem gibt es Gespräche darüber, die Außenstelle nach Cottbus zu verlagern.

Nooke Das ist eine Frage, die der Bundesbeauftragte ins Gespräch gebracht hat. Mir ist erst einmal wichtig, dass wir überhaupt eine Außenstelle im Land behalten. Und dann muss man sich die Frage stellen, ob es Sinn macht, die Außenstelle in Frankfurt (Oder) zu schließen: Sie funktioniert sehr gut, und auch der Archivstandort ist dort im Verhältnis zu anderen Außenstellen gut. Will man das zu einem anderen Standort transferieren? Die Entscheidung über die Archivstandorte wird in jedem Fall im Bundestag gefasst, und da hat auch der Haushaltsausschuss ein Mitspracherecht. Deswegen bin ich etwas vorsichtig bei der Frage, welcher Standort denn jetzt der Richtige ist.

Können Sie sich denn eine Außenstelle in Verbindung mit dem Cottbuser Menschenrechtszentrum vorstellen?

Nooke Eine Außenstelle wäre auch in Cottbus erst einmal eine eigenständige Institution, die nicht Teil des Menschenrechtszentrums, sondern Teil des BStU und des Bundesarchivs wäre. Aber natürlich ist es von Vorteil, wenn man mit anderen Institutionen zusammenarbeiten kann. Wir haben dafür übrigens auch in Frankfurt (Oder) Potential: Da gibt es die Gedenkstätte, da gibt es die Viadrina, deren Studenten sich mit solchen Themen befassen. Dort gibt es Forschungsverbünde, in die man eingebunden ist. In Cottbus wiederum ist die Gedenkstätte möglicherweise mit mehr Entwicklungspotential unterwegs, aber das Potential sehe ich auch für die Gedenkstätte Frankfurt (Oder). Als Landesbeauftragte sage ich deshalb: Wir brauchen einen Standort in Brandenburg. Wenn das gesichert ist, sollte geschaut werden, wo der optimale Standort ist.

Dieser Standort würde dann aber nicht alle Stasi-Akten Brandenburgs umfassen. Wer in der Prignitz oder der Uckermark gelebt hat, zum Beispiel, müsste weiter nach Mecklenburg-Vorpommern fahren...

Nooke … und wer in den DDR-Kreisen Hoyerswerda, Jessen und Weißwasser lebte, nach Brandenburg. Die Stasi-Akten sind ja bis heute nach den ehemaligen DDR-Bezirken sortiert: Wer im Bezirk Cottbus lebte, findet seine Akten in Brandenburg, wer im Bezirk Schwerin lebte, in Mecklenburg-Vorpommern. Diese Bestände müssen als eine Einheit erhalten bleiben, die Bezirksstandorte bildeten ein System in sich.

Haben denn die Brandenburger das Thema Aufarbeitung schon in seiner ganzen Breite begriffen?

Nooke Wir sind auf einem guten Weg, aber noch lange nicht an dem Punkt, an dem wir sagen können, die Geschichte ist aufgearbeitet. Wir beobachten heute zum Beispiel, dass viele Kinder und Enkel danach fragen, was mit ihren Eltern und Großeltern gewesen ist. Heute wollen immer mehr Menschen auch aus der jüngeren Generation wissen, wie es damals war.

Mit Maria Nooke sprach
Benjamin Lassiwe