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| 08:45 Uhr

30 Jahre nach dem Mauerfall
220 Kilometer für neue Depeche-Mode-Songs

 Von Schallplatte bis Mini-Disc: Unterschiedliche Tonträger aus dem DJ-Leben von Dirk Dunker.
Von Schallplatte bis Mini-Disc: Unterschiedliche Tonträger aus dem DJ-Leben von Dirk Dunker. FOTO: LR / Daniel Steiger
Cottbus. DJ ist heute, Schallplattenunterhalter war gestern. Dirk Dunker aus Cottbus sorgte zur Wendezeit als eben solcher für die passende Unterhaltung. Allerdings galt es mit einigen Unwägbarkeiten zurecht zu kommen, das betraf sowohl die Technik als auch die Musik. Von Daniel Steiger

Phil Collins (Another Day in Paradise), Kaoma (Lambada), Bobby McFerrin (Don’t Worry, Be happy), Roxette (The Look) – vor 30 Jahren konkurrierten die Chartstürmer aus dem Westen auf den Tanzflächen der Lausitz in einem ungleichen Kampf gegen die Stars der DDR-Hitparade. Im Jahr 1989 standen hier Rockhaus (Mich zu lieben), Karussell (Schattenkreuze), Silly (Verlorene Kinder) und die Puhdys (Neue Helden) in den Top Ten. „Für vier Titel aus dem Westen mussten wir sechs Ost-Titel spielen. Und es war schwierig, tanzbare Musik aus dem Osten zu finden, die die Leute auch hören und tanzen wollten“, erinnert sich Dirk Dunker. Da blieben nur Wolfgang Ziegler „Verdammt“, Kerstin Rodgers „Bis es wieder kribbelt“ , H&N „ Flic-Flac durch die Nacht „ und Petra Zieger „Katzen bei Nacht“. Der Cottbuser ist seit über 30 Jahren als DJ in der Lausitz unterwegs.

 Dirk Dunker in seinen frühen DJ-Jahren in der Gaststätter „Kraftwerker“ in Cottbus Sachsendorf.
Dirk Dunker in seinen frühen DJ-Jahren in der Gaststätter „Kraftwerker“ in Cottbus Sachsendorf. FOTO: Dirk Dunker / Repro: Daniel Steiger

Staatliche Spielerlaubnis für Schallplattenunterhalter

 Seinen DJ-Lehrgang hat Dirk Dunker in Finsterwalde abgelegt.
Seinen DJ-Lehrgang hat Dirk Dunker in Finsterwalde abgelegt. FOTO: LR / Daniel Steiger

Obwohl der Begriff DJ für diese drei Jahrzehnte unpassend ist. Am 27. Oktober 1989 wurde Dunker vom Kreiskabinett für Kulturarbeit zum „Elementarlehrgang für Schallplattenunterhalter“ nach Finsterwalde eingeladen. Im April 1990 hielt er den begehrten Schein dann endlich in den Händen und konnte sich mit der „Staatlichen Spielerlaubnis für Schallplattenunterhalter“ ausweisen und um den Platz hinter den Plattentellern von Tanzlokalen wie dem Kraftwerker in Sachsendorf, dem Kleinen Spreewehr in Sandow oder dem Jugendclub Kokoschka in Schmellwitz bewerben. Wer eine solche Erlaubnis haben wollte, musste eine richtige Prüfung ablegen. Dabei wurden unter anderem Moderationskenntnisse getestet. Dass die politische Grundausrichtung stimmt, wurde schon vorher ermittelt. So mussten beispielsweise ein polizeiliches Führungszeugnis und eine Befürwortung des Betriebes zu Beginn des Lehrgangs vorgelegt werden. Und die Einhaltung der 60-40-Regel wurde gern kontrolliert. Wenn die mal zum Nachteil der Ostlieder nicht eingehalten wurde, drohte eine Abmahnung. Dann gab es eine Vorladung und die Frage: Wie wollen Sie ihr Verhalten ändern? Ansonsten drohte der Entzug der begehrten Spielerlaubnis. Diese war auch zeitlich begrenzt auf zwei Jahre, bis zur Verlängerung oder Neueinstufung durch  Prüfung. In dieser war selbst der Lohn geregelt. Fünf Mark der DDR durfte Dirk Dunker als DJ pro Stunde verlangen plus Zuschlägen für Tonträger und Technik.

 Nur wer eine solche Spielerlaubnis hatte, durfte in der DDR in Gaststätten "auflegen".
Nur wer eine solche Spielerlaubnis hatte, durfte in der DDR in Gaststätten "auflegen". FOTO: LR / Daniel Steiger

20 Mark für eine gebrauchte Kassette

Damit war der Hauptteil der Arbeit allerdings gar nicht bezahlt, der musste nämlich vor dem eigentlichen Auftritt hinter dem DJ-Pult absolviert werden. „Woche für Woche hockten wir an unseren Radios, um bei bestimmten Sendungen Lieder mitzuschneiden oder im Westradio erstmal zu hören, was es an neuen Titeln gab“, erinnert sich Dirk Dunker alias DJ DiDu. Klar, gab es auch Schallplatten in der DDR. Aber die Qualität der Pressscheiben sei oft so schlecht gewesen, dass sie maximal zehn Abspielvorgänge überlebt haben und dann zerkratzt waren. Deshalb wurde viel auf Kassetten überspielt. Ein teures und zeitaufwendiges Vorgehen. Dunker: „20 Mark habe ich damals im An- und Verkauf für eine gebrauchte BASF-Kassette bezahlt.“

Neben der Musikbeschaffung war die Technik die große Herausforderung für die Schallplattenaufleger der DDR. Es gab kaum etwas und das, was es gab, war teuer. Deshalb war Kreativität gefragt. „Aus Trabi-Scheinwerfern mit Farbfolien haben wir uns unsere ersten Lichtorgeln gebaut“, erzählt Dirk Dunker. Für ein Mikrofon musste er richtig tief in die Tasche greifen. 2500 Mark habe das gekostet. Aber mit so einem Modell sei selbst Udo Jürgens aufgetreten. Klar, dass er so einen Schatz bis heute aufbewahrt.

 In dieser Spielerlaubnis waren auch die Verdienstmöglichkeiten geregelt.
In dieser Spielerlaubnis waren auch die Verdienstmöglichkeiten geregelt. FOTO: LR / Daniel Steiger

Publikum ist tanzfauler geworden

Trotz aller Schwierigkeiten erinnert Dunker sich gern an die damalige DJ-Zeit zurück. „Das Partyfeeling vor 30 Jahren war viel besser als heute. Die Leute waren einfach heiß auf neue Musik.“ Er erinnert sich beispielsweise an einen Tag, an dem das Album „Violator“ mit  „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode erschien. Damals am 18.03.1990, zur letzten Volkskammerwahl, waren die Grenzen schon offen. Er sei früh für die neue Scheibe extra nach Berlin gefahren, um sie am Abend  in der Cottbuser Bowling–Discothek aufzulegen zu können. Dunker: „Wir mussten das Lied mindestens fünfmal spielen. Die Leute haben einfach nicht genug bekommen davon.“  „Bad“ von Michael Jackson habe er sich aus Ungarn mitgebracht. Dreimal verpackt, damit der kostbaren Scheibe ja nichts passiert.

Und heute? „Die Leute sind viel tanzfauler geworden, vor allem in der Stadt“, sagt Dirk Dunker. Die Herausforderungen für einen DJ am Abend seien aber die gleichen geblieben. Wenn er seinen Rechner mit 45 000 Liedern (alle Gema-lizensiert) aufklappt, geht es vor allem um die zwei zentralen Geheimnisse jedes DJs. Wie locke ich die Leute auf die Tanzfläche? Und wie halte ich sie möglichst lange dort? Ein Erfolgsrezept will oder kann Dunker nicht verraten: „Es sind vor allem Bauchgefühl, Leidenschaft und Erfahrung.“

 Dirk Dunker in der DJ-Neuzeit - heute legt er unter anderem bei den Silvester- und Ü30-Partys in der Cottbuser Stadthalle, aber auch auf Einschulungsfeiern und Goldenen Hochzeiten auf.
Dirk Dunker in der DJ-Neuzeit - heute legt er unter anderem bei den Silvester- und Ü30-Partys in der Cottbuser Stadthalle, aber auch auf Einschulungsfeiern und Goldenen Hochzeiten auf. FOTO: Michael Helbig/mih1