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| 02:33 Uhr

"Die Vielfalt des Lebens hat mich fasziniert"

Christina Gebler absolviert derzeit ihr praktisches Jahr im Stadtklinikum Hanau.
Christina Gebler absolviert derzeit ihr praktisches Jahr im Stadtklinikum Hanau. FOTO: privat
Burg. Die Medizinstudentin Christina Gebler aus Burg (Spreewald) hat einen viel beachteten Beitrag zur Krebsforschung geleistet.

Christina Gebler ist in Burg aufgewachsen und hat als Schülerin des Cottbuser Steenbeck-Gymnasiums bei der Internationalen Biologie-Olympiade in Südkorea Gold errungen. In ihrer Dissertation hat die 26-Jährige eine neue Methode zur Erforschung von Krebs untersucht und die Ergebnisse in einem viel beachteten wissenschaftlichen Artikel veröffentlicht. Wir sprachen mit der Medizinstudentin über ihre Forschung, die Begeisterung für Biologie und ihre Verbundenheit mit der Lausitz.

Jeder hat in der Familie, in seinem Freundes- oder Bekanntenkreis Menschen, die an Krebs erkrankt sind oder es waren. Da drängt sich der Eindruck auf, dass die Krankheit immer mehr um sich greift. Woran liegt das?
Die Menschen sind früher einfach nicht so alt geworden. Heute leben die Leute länger, und Veränderungen im Erbgut, zum Beispiel durch krebserregende Strahlung oder Chemikalien, häufen sich an. Aber es werden auch immer neue erfolgversprechende Therapien entwickelt mit immer gezielterem Ansatz. Wir können heute schon ohne großen Aufwand das Erbgut auslesen und eine Entscheidung für eine personalisierte Therapie treffen. Allerdings werden wir den Krebs nie ganz besiegen.

Aber es gibt Fortschritte, und Sie selbst haben als Mitglied einer Forschungsgruppe an der TU Dresden dafür gesorgt.

Wir haben in der Forschungsgruppe von Prof. Frank Buchholz vor zwei Jahren damit begonnen, die Methode CRISPR daraufhin zu testen, ob sie Veränderungen bei Krebszellen rückgängig machen kann. Und sie kann.

Was bedeutet CRISPR?
Das CRISPR/Cas-System wurde in Bakterien als Immunsystem gegen Angreifer entdeckt und wird seit einigen Jahren zur Forschung an verschiedenen Tier- und Pflanzenarten genutzt. Es besteht aus einem Protein, das Erbgut an einer bestimmten Stelle zerschneiden kann, und einer kurzen Nukleinsäure, die dem Protein hilft, diese Stelle zu finden. Durch Abwandlung der Nukleinsäure kann theoretisch jedes beliebige Ziel (und nur dieses) im Erbgut zerschnitten oder sogar ausgebessert werden. Beispielsweise können Erbgutveränderungen (Mutationen), die im Verdacht stehen, Krebs zu verursachen, abgeschaltet werden. Wenn dadurch das Wachstum von Krebszellen verlangsamt wird, hat man einen wunden Punkt der Krebszelle gefunden. In der Zukunft werden mit diesem Wissen hoffentlich neue Krebstherapien entwickelt oder Patienten gezielter behandelt.

Ist das eine völlig neue Anwendung?
Bisher hat keine andere Forschungsgruppe diese Methode auf Krebs angewendet. Mich hat das gereizt, weil es so neu ist. Und meistens funktioniert es gut.

Aber ein Wundermittel, das gegen alle Krebsarten hilft, ist es nicht?
Gegen Krebs kann es kein Wundermittel geben, weil Krebs eine sehr komplexe Erkrankung ist. Und weil er sich immer wieder anpasst und sich so dem Immunsystem entzieht.

Über Ihr besonderes Interesse für Biologie sind Sie zur Medizin gekommen. Aber wann und wie haben Sie die Biologie für sich entdeckt?
Tiere haben mich schon immer interessiert. Meine Eltern wohnen im Grünen, haben Wasser hinter dem Haus. Und ich hatte ein Tierlexikon, mit dem ich mich stundenlang beschäftigt habe, seit ich lesen konnte. Bestimmt hat meine Oma dabei eine wichtige Rolle gespielt, die Biologielehrerin war und mir das Buch auch geschenkt hatte.

Und später, was hat Sie gereizt weiterzumachen?
Die Vielfalt des Lebens hat mich fasziniert. Das alles ist ein großes Wunder. Dazu dieser Wahnsinnszufall, dass wir Menschen entstehen konnten.

Sie haben dann an Biologieolympiaden teilgenommen und waren dabei sehr erfolgreich.
In der 7. Klasse war ich erstmals bei der Brandenburgischen Landesbiologieolympiade. Nach der 10. Klasse bin ich aufs Steenbeck gekommen und habe in der 12. Klasse erstmals an der Internationalen Biologieolympiade teilgenommen. Ein Jahr später in Südkorea gab es dann eine Goldmedaille für mich.

Wie schafft man das, zu den allerbesten jungen Biologen der Welt zu gehören?
Natürlich muss man einiges wissen. Aber die Herausforderung ist, dass man durch Nachdenken und Logik auf die Lösung kommt. Je kniffliger eine Frage ist, umso größer ist der Spaß an den Schlussfolgerungen.

Am Steenbeck-Gymnasium sind Sie auf die Wettbewerbe offenbar gut vorbereitet worden.
Das Steenbeck war ein Glück für mich. Schüler, die interessiert sind, sich etwas anzueignen, haben dort alle Möglichkeiten. Ich konnte jederzeit die Bibliothek nutzen und hatte den Schlüssel zum Mikroskopierraum. Es war Vertrauen da zu den Schülern und bedingungslose Unterstützung. Leider ist das nicht überall so. An manchen Schulen scheut man den Mehraufwand. In Runde drei der Bio-Olympiaden beginnen beispielsweise die praktischen Klausuren. Da ist es schon wünschenswert, dass sich ein Lehrer findet, der sagt: Ich zeig dir das mal. Solche Lehrer gibt es aber leider nicht überall.

Sie engagieren sich als ehrenamtliche Vorsitzende des Fördervereins der Internationalen Biologie-Olympiade für den Nachwuchs. Was sind Ihre Beweggründe dafür?
Mir macht das sehr viel Spaß. Jedes Jahr kommen neue Schüler zu den Olympiaden. Ich möchte einfach meine Erfahrungen weitergeben. Das Ziel ist, in ganz Deutschland die Besten zu finden und sie anzuspornen. Dabei entsteht so etwas wie eine große Familie. Man kennt sich, schätzt einander. Und wenn beispielsweise gute Doktoranden gesucht werden, fragt man bei den ehemaligen Biologie-Olympioniken nach.

Dabei geht es offensichtlich um eine Elite, um ganz wenige Spitzenkräfte, oder?
Am Anfang steht immer die Breitenförderung. Es geht darum, möglichst viele für die Wissenschaft zu interessieren und zu begeistern. An der ersten Runde der Biologie-Olympiade haben im vergangenen Jahr 1700 Schüler aus mehreren Hundert Schulen teilgenommen, darunter ganze Biologie-Leistungskurse.

Und wo steht Deutschland im internationalen Vergleich?
Deutschland schneidet immer gut ab. Meist sind wir die zweitbeste europäische Nation, vergleichbar mit Großbritannien, und liegen zwischen Platz 6 und 10 im weltweiten Vergleich. Im letzten Jahr war Ungarn, 2015 Russland etwas besser.

Und wer liegt weltweit vorn?
Singapur, China, Korea, die USA.

In der Bildung von heute werden die Weichen für die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit von morgen gestellt.
Deshalb ist es auch so ärgerlich, dass noch zu wenig getan wird, um die Schüler in Deutschland für die Wissenschaft zu interessieren. Über sportliche Erfolge wird immer berichtet. Aber wie sieht es mit dem Abschneiden unserer Biologie-Olympioniken aus? Wir lagen dieses Jahr auf Platz fünf in der weltweiten Teamwertung, haben aus Vietnam zwei Gold- und zwei Silbermedaillen mit nach Hause gebracht. Ein wirklich tolles Ergebnis. Sowohl der bundesweite Leiter der Biologieolympiade als auch die Betreuer auf Landesebene haben Briefe an die deutsche Bildungsministerin und an die Bildungsminister der beteiligten Länder Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Nordrhein-Westfalen geschrieben, aber - wie sonst auch - keine Antwort bekommen. Das ist schade, weil wir den wissenschaftlichen Nachwuchs brauchen. Und weil hier eine Chance vertan wird, talentierte junge Naturwissenschaftler zu motivieren.

Hat bei Ihnen die Begeisterung für die Biologie direkt zur Medizin geführt?
Das ist doch eine schöne Anwendung. Ich kann Menschen helfen oder in viele Richtungen forschen: auf der Suche nach neuen Operationsmethoden oder im Labor mit der Pipette.

Und welche Richtung wird es bei Ihnen werden?
Ich arbeite gern mit Menschen. Es geht mir darum, Patienten nicht nur als Problem zu sehen, sondern eben als Menschen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ich sehe meine Zukunft als praktische Ärztin, aber vielleicht kann man das ja mit Forschung verbinden.

Und welches Fachgebiet haben Sie dafür gewählt?
Die Frauenheilkunde, weil sie so vielfältig ist. Es gibt die Geburtshilfe, den onkologischen Teil, die Fruchtbarkeitsmedizin und die Psychosomatik. Wer sich als Gynäkologe niederlässt, ist auch eine Art Allgemeinmediziner. Ich sage nach einer Behandlung nicht gern tschüss, sondern sehe lieber, wie es weitergeht.

Könnten Sie sich vorstellen, als Ärztin in die Lausitz zurückzukehren?
Warum nicht. Das hängt natürlich auch davon ab, welche Chancen mein Partner, der Maschinenbauingenieur ist, hier hat. Aber wir sind beide Cottbuser, und Heimat ist uns wichtig. Ich habe eine große Familie, und ich komme gern und oft nach Hause.

Was mögen Sie an der Heimat?
Es ist im Sommer so schön grün hier. Und wenn ich zur Oma fahre, ist es wie früher. Ich mag, wie die Menschen hier sprechen. Es ist ihre ganz besondere Art, obwohl sie ja eigentlich keinen Dialekt haben. Als Ronny Ziesmer bei den Olympischen Spielen moderiert hat, wusste ich sofort: Das klingt nach zu Hause, obwohl ich seine Stimme zuvor nicht kannte.

Was ist noch wichtig in Ihrem Leben: Treiben Sie Sport?
Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zur Klinik. Ich brauche einfach die Bewegung. Und ich beschäftige mich mit Taekwondo, gehe zweimal pro Woche zum Training.

Wie sind Sie darauf gekommen?
Bei der Biologie-Olympiade in Korea bin ich darauf gestoßen. Taek wondo ist ein sehr dynamischer Sport, und man kommt dabei gut voran. Das hat mir gefallen.

Mit Christina Gebler

sprach Ulrike Elsner

Zum Thema:
CRISPR/Cas steht für Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats. Das CRISPR/Cas-System besteht aus einem Protein, das Erbgut an einer bestimmten Stelle zerschneiden kann, und einer kurzen Nukleinsäure, die dem Protein hilft, diese Stelle zu finden. Durch Abwandlung der Nukleinsäure kann theoretisch jedes beliebige Ziel (und nur dieses) im Erbgut zerschnitten oder sogar ausgebessert werden. Beispielsweise können Erbgutveränderungen, die im Verdacht stehen, Krebs zu verursachen, abgeschaltet werden. Wenn dadurch das Wachstum von Krebszellen verlangsamt wird, hat man einen wunden Punkt der Krebszelle gefunden. Christina Gebler ist 1990 in Lübben geboren und in Burg (Spreewald) aufgewachsen. Sie hat die 10. Klasse an der Fontane-Gesamtschule Burg absolviert und im Jahr 2010 am Cottbuser Steenbeck-Gymnasium das Abitur abgelegt. Sie studiert Medizin an der TU Dresden und absolviert derzeit ihr praktisches Jahr am Stadtklinikum Hanau. Kennen auch Sie Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben? Dann schlagen Sie unsGesprächspartner vor:Lausitzer Rundschau,Straße der Jugend, 54,03050 Cottbus,oder per E-Mail an die Adresse: redaktion@lr-online.deAlle Interviews nachlesen: www.lr-online.de/interview