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| 02:33 Uhr

Ottilienstraße / Eilenburger Straße
Die vergessene Tankstelle

FOTO: Heute: Dora Liersch - Damals: Sammlung Hans Krause
Cottbus. Als vor wenigen Jahren die Straße der Jugend in ihrem südlichen Teil grundlegend erneuert wurde, war man sehr erstaunt, auf dem als kleine Grünanlage gestalteten Platz vor der Straßenverbindung Ottilienstraße / Eilenburger Straße auf bauliche Reste einer ehemaligen Tankstelle zu stoßen. Hat das wirklich niemand mehr gewusst? Dora Liersch / dli9

Zur geschichtlichen Entwicklung des Verkehrswesens und damit auch zu der ersten Großtankstelle in Cottbus auf dem Muskauer Platz in Sandow ist in dieser Serie "Cottbus früher und heute" schon in der RUNDSCHAU am 14. Juni 2016 berichtet worden. In Betrieb gegangen war die spätere Shell-Tankstelle am 6. Dezember 1929. Gerade einmal 1,5 Jahre später wurde eine neue, zweite Großtankstelle zur Nutzung übergeben. Mit großer Überschrift widmete sich der Cottbuser Anzeiger am Freitag, 8. Mai 1932, diesem Ereignis. Dazu heißt es: "In Folge des langen Winters war es nicht möglich, die Eröffnung, wie im Programm vorgesehen, bereits am 1. Februar vor sich gehen zu lassen. Die Benzol-Vertriebs-GmbH. Als einzige deutsche Betriebsstoff-Gesellschaft, deren Erzeugnisse an den bekannten blau-weißen Zapfsäulen vertrieben werden, hat keine Kosten gescheut, auch in Cottbus eine Großtankstelle einzurichten, die den verwöhntesten Ansprüchen des Kraftfahrers entspricht ..."

Die feierliche Einweihung fand nun am Sonnabend, 9. Mai 1931, statt. Die gesamte Anlage war von der Bau- und Industrie-Gesellschaft Cottbus unter der Leitung des Maurermeisters Johannes Günther errichtet worden. Der Auftraggeber, die Benzol-Vertriebs-GmbH Görlitz, hatte es sich zur Pflicht gemacht, nur Cottbuser Handwerker zu beschäftigen. Vier unterirdische Tanks mit einem Fassungsvermögen von insgesamt 12 000 Litern ermöglichten, sowohl Benzol, aber auch das als Betriebsstoff beliebte Aral jederzeit und in den gewünschten Mengen abzugeben. Zur Ausrüstung der Tankstelle gehörten ein "Ölkabinett" und ein hydraulischer Wagenheber. Damit war ein leichtes und fachgerechtes Abschmieren aller Fahrzeuge möglich.

Eine moderne Auto-Waschanlage, wie wir sie heute kennen und nutzen, gab es noch nicht, dennoch brauchte der Autofahrer nicht auf ein sauberes Fahrzeug verzichten. Dazu heißt es: "Ebenso können Wagen sofort an Ort und Stelle durch den Tankwart gesäubert und gewaschen werden ..." Eine großzügige Anfahrt zur Tankstelle ermöglichte es, dass mehrere Autos gleichzeitig tanken konnten. In dem zweckmäßigen Gebäude befanden sich außer dem Raum für den Tankwart, ein Raum für die Kompressoranlage und ein Materiallagerraum. Besonders hervorgehoben wird die öffentliche Bedürfnisanstalt für Damen und Herren, die an der Tankstelle untergebracht wurde. Dazu gehörten ein Raum mit zwei Waschbecken und ein Aufenthaltsraum für die Toiletten-Wärterinnen. Ferner war eine öffentliche Fernsprechzelle eingerichtet worden.

Konnte die Großtankstelle am Muskauer Platz mit einem Imbissraum für die Kunden werben, so war das Umfeld der Großtankstelle Dresdener Straße ein kleiner Park zum Erholen. Wohl war die bisherige Parkanlage am aufgeweiteten Ende der Eichenallee der Dresdener Straße durch den Bau der Tankstelle arg in Mitleidenschaft gezogen worden, doch sollte der "Schulzeplatz" wieder eine Zierde des südlichen Stadtteils werden und durch das Aufstellen von Bänken ausreichend Ruhemöglichkeiten bieten. Bisher nicht bekannt ist, wer der Namensgeber für diesen Platz war. Der Name "Schulzeplatz" war keine offizielle Bezeichnung und findet sich auch nicht in den Cottbuser Adressbüchern. Bei dem Bombenangriff am 15. Februar 1945 auf Cottbus ist besonders die Südstadt zerstört worden und dabei auch die Tankstelle. Obwohl noch Ruinenreste im Jahre 1949 vorhanden waren, ist die Existenz einer Tankstelle auf diesem Platz inzwischen fast vollständig vergessen worden. Relativ schnell waren damals nach dem Beseitigen der Ruinen die freien Flächen geebnet und als schlichte Grünanlagen, an einigen Stellen auch mit Spielgeräten, hergerichtet worden. Jetzt, nach den ganzen Straßenumbauarbeiten, ist auch der verbliebene Platz wieder als zierende Schmuckanlage mit Bäumen und Sträuchern neu gestaltet worden.