Alles begann mit der Besiedlung Mecklenburgs durch slawische Stämme im 7. Jahrhundert. Fast jeder Stamm hatte zu jener Zeit seine eigene Gottheit, die er anbetete. Manche Gruppen teilten sich auch einen Gott. Das und die naturgebundene Götterwelt der Slawen war den angestammten Christen nie geheuer, stand sie doch im Gegensatz zur eigenen religiösen Auffassung.
Zur Abwehr christlicher Anfeindungen und Attacken bildete sich daher im östlichen Mecklenburg der slawische Lutizenbund, dessen Mittelpunkt und Zentralheiligtum Rethra war. Dort berieten die Priester über Krieg und Frieden, Recht und Ordnung und dort befand sich auch ein Tempel des Gottes Radegast, der wohl vornehmste der wendischen Götter, dessen Standbild zu Rethra mit Gold und Purpur geschmückt gewesen sein soll. Daneben hatten wohl noch weitere Götter in Rethra ihre Tempel.
Das genaue Schicksal Rethras ist unklar. Man weiß nicht genau, ob es aufgegeben oder zerstört wurde. Ebenso wenig kennt man die Lage. Zwar konnten im Tollense-See bei Neubrandenburg Mitte der Achtziger die Reste einer einst bedeutenden slawischen Siedlung geborgen werden, ob es sich dabei jedoch um Rethra handelt, bleibt fraglich. Ganze Generationen waren und sind noch immer auf der Suche nach dem sagenumwobenen Ort.
Doch wurden zur Lagebestimmung Rethras nicht nur wissenschaftliche Methoden genutzt, wie das Beispiel der Neubrandenburger Brüder Jakob und Gideon Sponholz zeigt: Schamlos nutzten sie die Schwächen der noch jungen und unerfahrenen Geschichtsforschung aus und präsentierten Ende des 18. Jahrhunderts der Öffentlichkeit gefälschte „Götter Rethras“ .
1768: Die Gebrüder Sponholz, Betreiber einer Pfandleihe sowie einer Goldschmiedewerkstatt, behaupten, Vorfahren hätten auf dem Schlossberg zu Prillwitz (nahe Neubrandenburg) Bronzefiguren gefunden. Die Figuren werden von einem Medicus Hempel, selbst ein leidenschaftlicher Sammler, zufällig im Hause der Familie Sponholz entdeckt. Insgesamt ersteht der Doktor 35 Götzen. Hinzugezogene Gelehrte machen schließlich einen folgenschweren Fehler: Sie entziffern auf den Bronzefiguren die wendischen Runen „Rethra“ . Die vermeintliche Sensation ist perfekt. Die Begeisterung der Wissenschaftler ergreift nun auch die herzogliche Familie. Diese kauft von den Fälscher-Brüdern 22 neue Götzenfiguren - und Hempels gleich mit.
Gideon Sponholz avanciert darauf gar zum Geschichts-Experten von Herzogs Gnaden. Er richtet das erste Museum in Neubrandenburg ein und darf mit höchster Genehmigung Ausgrabungen durchführen, die allesamt sehr „erfolgreich“ sind. Trotz zunehmender Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Finder als auch an der Echtheit der so genannten „Prillwitzer Idole“ kann der Schwindel erst 1850 aufgedeckt werden: Ein einstiger Mitarbeiter der Sponholz-Brüder gesteht erst weit nach deren Tod ein, dass die Vielzahl der Götzen falsch sei. Die „Prillwitzer Idole“ gehen als Jahrhundertfälschung in die Geschichte Mecklenburgs ein.
Diese und weitere ergötzliche Einblicke gaben zur Ausstellungseröffnung Dr. Rolf Voß vom Regionalmuseum Neubrandenburg und Gesine Kröhnert, Leiterin des Mecklenburgischen Volkskundemuseums Schwerin. In deren Besitz befinden sich sonst die knapp 100 Bronzefiguren, von denen jetzt ein Teil im Wendischen Museum zu sehen ist. Die Cottbuser Ausstellung war in Zusammenarbeit mit den beiden Sammlungen entstanden.
Vorläufiger Höhepunkt des Prillwitzer Krimis: Der Schweizer Objektkünstler Daniel Spoerri, den Rolf Voß im letzten Jahr kennen lernte, hatte sich extra nach Schwerin aufgemacht, um die legendären Figuren, von denen er schon so viel gehört hatte, endlich einmal selbst zu sehen. Umso größer dann die Enttäuschung: Zuerst hätte er beim Anblick der „unansehnlichen Figürchen“ an „Fälschungen der Fälschungen“ gedacht - die „Prillwitzer Idole“ reichen nur von Daumes- bis etwa Handgröße. Doch dann besann sich Spoerri und versprach eigene, dafür mannshohe Prillwitzer Figuren zu schaffen. Die zeigt er dann im September 2006 in Schwerin.

service Bronzene Fälschungen
 Sonderschau „Gefälschte Wendengötter - Die Prillwitzer Idole“ im Wendischen Museum in der Mühlenstraße in Cottbus. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 8.30 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 14 bis 18 Uhr. Zu sehen bis zum 26. Februar 2006.