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Die spektakuläre Flucht des Jürgen Kissner

Jürgen Kissner sollte den DDR-Bahnradvierer im Jahr 1964 zu den olympischen Spielen nach Tokio führen.
Jürgen Kissner sollte den DDR-Bahnradvierer im Jahr 1964 zu den olympischen Spielen nach Tokio führen. FOTO: Wiese
Cottbus. Seit ihrer Gründung bis zum Mauerfall im November 1989 verließen mehr als drei Millionen Menschen die DDR, viele von ihnen illegal und unter gefährlichen Umständen. Auch der Sport war erheblich von diesem Phänomen betroffen. Vor 50 Jahren flüchtete der Lausitzer Radsportler Jürgen Kissner bei den deutsch-deutschen Olympiaausscheidungen in Köln in den Westen. Unser Autor vom Berliner Zentrum deutsche Sportgeschichte hat aus Anlass des Tages der Deutschen Einheit den Fall rekonstruiert. René Wiese

Am 13. September 1964 passen in den Abendstunden zwei Stasi-Offiziere das Ehepaar Kissner vor ihrem Wohnhaus in Luckau ab. Die von einer Feier Heimkehrenden werden sofort getrennt und zur Vernehmung in die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) überführt. Fritz Kissner, Arzt von Beruf, fragt: "Was ist los?" Der MfS-Offizier gibt eine kurze Antwort: "Mit ihrem Sohn ist etwas Fürchterliches passiert."

Jürgen, der Sprössling der Familie Kissner, ein Radsportstar des TSC Berlin, befindet sich seit einigen Tagen auf sport licher Mission. Bei den deutsch-deutschen Olympiaausscheidungen in Köln soll er zusammen mit seinen Team-Kameraden den wichtigen zweiten Sieg im Bahnvierer gegen die Bundesrepublik einfahren, um für die DDR das Ticket für die Olympischen Spiele in Tokio zu sichern. Bestürzt fragt Vater Kissner weiter: "Ja, was denn, ist er tot?" Mit ernster Miene presst der Stasi-Mann einen ungeheuerlichen Satz heraus: "Nein, es ist schlimmer: Er ist abgehauen!"

Die Flucht eines Spitzensportlers bedeutete für die SED stets ein propagandistisches Desaster, da Athleten als Werbeträger des gesellschaftspolitischen Systems galten. Die Motive für eine Flucht waren bei Leistungssportlern zunächst einmal häufig die gleichen, wie für viele andere DDR-Bürger, die den Weg in den Westen wählten: Unzufriedenheit mit dem politischen System.

Auch Jürgen Kissner war verärgert. Der 1942 in Luckau geborene Radsportler, der bis dato zweimal DDR-Meister mit dem Bahnvierer geworden war, hatte seine sportliche Ausbildung an der Kinder- und Jugendsportschule in Forst genossen. Dort war er von der Arbeit der Sportlehrer sehr angetan. Es reifte in ihm der Wunsch, auch einmal den Beruf des Trainers zu ergreifen. Allerdings wurde ihm dieser Traum verwehrt. Aufgrund der "bürgerlichen Existenz" seines Vaters, wurde Kissner nicht zum Sportlehrer-Studium zugelassen. Zudem fühlte er sich in der DDR in vielfältiger Weise eingeengt: keine Reisefreiheit und das permanente Gefühl der Bevormundung. Jürgen Kissner erinnert sich: "Zum Beispiel wurden allen Sportlern, die eventuell für Tokio infrage kamen, vor der Olympiade die Mandeln herausgenommen. Wir gingen dann geschlossen in die Berliner Charité und kriegten die Mandeln operiert, ob gesund oder nicht. Das hat mich sehr gestört."

Die Bestückung eines deutschen Teams für die Olympischen Spiele in Tokio 1964 war längst zu einem politischen Zankapfel geworden. Auf Wunsch des IOC mussten ost- und westdeutsche Sportler in den Jahren 1956 bis 1964 in einer gesamtdeutschen Mannschaft antreten. Diese gut gemeinte diplomatische Regelung erwies sich in der Praxis jedoch als nur schwer umsetzbar: Beide Seiten strebten nach Dominanz, nach der höheren Anzahl an Mannschaftsmitgliedern, nach der Position des prestigeträchtigen Delegationsleiters. In vorolympischen Wettbewerben, so genannten deutsch-deutschen Ausscheidungskämpfen, traten Sportler und Mannschaften aus der DDR und Bundesrepublik nun gegeneinander an, um das begehrte Startrecht für Olympia in einer gesamtdeutschen Mannschaft zu erhalten.

Die Spiele von Tokio hätten der große Moment für den Nationalkader des DDR-Bahnrad-Vierers werden sollen. Für Kissners Mannschaftskollegen bedeutete die Flucht das Ende der olympischen Träume. Das Team war gesprengt, ein Umstand, der bei Jürgen Kissner durchaus Schuldgefühle verursachte.

Seine Flucht war jedoch ein spontaner Akt. In Köln hatte er zufällig einen Schulfreund aus Weißwasser wieder getroffen, der zuvor aus der DDR geflüchtet war. Das Fluchtauto wartete am verabredeten Tag am Hotel Mondial, in der Nähe des Kölner Doms. In den Erinnerungen von Kissner ging alles sehr schnell über die Bühne. Er schickte seinen Zimmerkameraden unter einem Vorwand zum Essen ins Hotelrestaurant. "Ich habe meine persönlichen Sachen zusammengepackt und bin über den Lastenaufzug runter." Nur mit einer Tasche in der Hand eilte Kissner zum Hinterausgang des Hotels. Dort wartete schon das Auto, in das er hastig einstieg. Es ging zur Wohnung des Schulfreundes - ein erstes Versteck.

Als sich Kissner am nächsten Tag auf dem Weg zum Rathaus befand, wo er sich den bundesdeutschen Behörden als politischer Flüchtling zu erklären gedachte, kreuzte kurioserweise die komplette DDR-Mannschaft seinen Weg. Der Trainer versuchte ihn zur Rückkehr zu überreden, doch stand sein Entschluss fest.

Die DDR-Medien reagierten auf die Flucht mit Propaganda. Normalerweise dienten zwei rhetorische Stereotypen als Camouflage der Sportlerfluchten: Entweder wurden die Geflüchteten als hilflose Opfer gewissenloser "Menschenhändler" dargestellt, oder als rücksichtlose Verräter der sozialistischen Ideale diffamiert. In diesem Falle wurde die Flucht gar als Entführung kundgemacht. Das ostdeutsche Sportecho titelte "Menschenraub am Kölner Dom".

Mittlerweile hatte die Staatssicherheit einen Plan ausgeheckt, um Jürgen Kissner zurück in die DDR zu bringen. "Man hat meine Mutter direkt eingepackt und nach Köln gebracht. Sie sollte mich zurückholen", erinnert sich Kissner. "Sie hat mir dann nur gesagt: ‚Junge, jetzt hast du es gemacht, jetzt musst du hier bleiben, sonst ist alles vorbei für dich.‘ Und zum Schutz meiner Mutter und meines Vaters haben wir uns dann die Geschichte ausgedacht, dass sie mich kaum wiedererkannt hätte. Dass ich völlig apathisch war und dass sie meinte, dass ich unter Drogen gestanden hätte, was dann auch wieder ein Anlass war zu schreiben: ‚Menschenraub am Kölner Dom‘. Jürgen Kissner unter Drogen."

In Köln schloss sich Kissner dem RC Schmitter an und feierte dort fortan Erfolge. Als Mitglied des bundesdeutschen Bahnvierers wurde er 1966 Vizeweltmeister. 1968 holte ihn jedoch erneut seine Vergangenheit ein: Aufgrund eines Fahrfehlers, er hatte einen Mannschaftskollegen touchiert, wurde der Bahnvierer von den Olympischen Spielen in Mexiko zunächst disqualifiziert und erhielt erst ein Jahr später die verdiente Silbermedaille. Die aufgeregte bundesdeutsche Boulevardpresse mutmaßte, Kissner sei mit Absicht vom Osten in das bundesdeutsche Team eingeschleust worden, um Sabotage zu üben. Zum zweiten Mal in seinem Leben fühlte sich Kissner zum "Kameradenschwein" gestempelt.

Wenn der Luckauer Jürgen Kissner heute seine Flucht von damals resümiert, ist er jedoch mit sich vollends im Reinen: "Ich denke, für mich war es der richtige Schritt", betont er.

Zum Thema:
Eine Plakette auf dem Cottbuser Weg des Ruhmes ist Jürgen Kissner verwehrt geblieben. Wer für seine Olympiamedaille einen Eintrag auf dem Gehweg vor dem Rathaus erhalten möchte, der muss entweder aus einem Cottbuser Verein beziehungsweise vom Olympiastützpunkt zu den Olympischen Spielen entsendet worden sein. Oder der Athlet wurde in Cottbus geboren. Allerdings gibt es eine Ausnahme. So hat man sich beim ersten Cottbuser Medaillengewinner Gustav Schuft auf eine kulante Auslegung der Regeln geeinigt. Schuft war in Berlin geboren worden und dort als Turner aktiv. Erst nach den Olympischen Spielen 1896 in Athen kam er nach Cottbus. Für Jürgen Kissner, der einige Jahre bei Dynamo Cottbus trainierte, gilt diese Kulanzregel nicht. Kissner: "Ich kann das verstehen, ich habe mich schließlich damals für die andere Seite entschieden." sh