ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:00 Uhr

Die sorbische Kultur in die Zukunft bringen

Cottbus.. Das multimediale Kunstprojekt „Umsetzungen“ im Rahmen des Cottbuser Musikherbstes verdichtete sich zu einer ermutigenden Bestandsaufnahme junger sorbischer Kultur, die von den Zuhörern, darunter zahlreiche Jugendliche, mit begeisterten Ovationen bedacht wurde. In einem war man sich nach den zweistündigen Musik-Wort-Video-Darbietungen einig: Es sollte möglichst ein „Fortsetzung folgt“ geben. Von Konstantin Laurenz

Die Organisatoren, Sebastian Elikowski-Winkler (Musik) und Christian Hinze (Text), studieren zurzeit in der Hauptstadt und hatten die Ensembles ars:is und adapter von Dresden und Berlin eingeladen sowie zehn Autoren der Cottbuser Kulturwerksatt „P 12“ . Gemeinsamer Nenner der 20 hochwertigen Beiträge war eigenständiges Denken bezogen auf Inhalt und künstlerische „Umsetzungen“ vom Traditionellen bis zum Experiment, wobei der Veranstaltungstitel sich auch auf die „Umsetzungen“ sorbischer Dörfer, ihr Verschwinden, in der Lausitz bezieht.
Die jungen Autoren nahmen kein Blatt vor den Mund. Sie stellten klare Fragen, sowohl in Richtung der schwedischen Stahlkolosse nach dem Zukunftssinn der Umwühlung als auch an ihre Oma, warum sie die sorbische Tracht nicht mehr trägt. Fragen nach dem Schützens- und Erhaltenswerten der sorbischen Kultur, die sich nicht in schönfarbener Eiermalerei und Trachtentänzen für Touristen erschöpft. Geistreich der Ausflug in die „panslawische“ Sprachfamilie von Viktor Terjaew, der feststellt, dass er mit seiner russischen Muttersprache seiner Freundin bei den Sorbisch-Hausaufgaben doch nicht helfen kann, weil die Unterschiede so groß sind.
Maria Koletzko (12) hatte sich nach der vierten Klasse zu entscheiden, in welche weiterführende Schule sie gehen werde. Der Keramikofen, die gesamte Ausstattung des Niedersorbischen Gymnasiums hatten es ihr angetan. Nun lernte sie Sorbisch und erfuhr, dass es nicht nur Singular und Plural, sondern auch den Dual im Sorbischen gibt und (leider) sechs Fälle. Sie schloss ihren launigen Bericht: „Buchstaben hat das Alphabet 34 - die übe ich nun fleißig“ . Eines ist ihr klar: Die sorbische Sprache ist ein wichtiger Schlüssel auch zu den Nachbarsprachen, die im Europa der Nationen an Bedeutung zunehmen.

„Coole und nette Texte“
Michélle vom gastgebenden Niedersorbischen Gymnasium fand die „P 12-ler“ cool und nett, auch wenn manche Texte „so bekümmert“ wären. Das im Cottbuser Bahnhof gedrehte Video von Boris Vaitovic hatte sie beeindruckt. Im Zeitraffer witschen die Leute durch, gleichgültig in der Zeit. Aber vier standhafte Menschen bleiben übrig, die die sorbische Kultur in die Zukunft bringen werden. Freundin Katharina brachte ihre Meinung zu den drei Uraufführungskompositionen auf den Punkt: „etwas abstrakt, traurig, unruhig machend“ . Jan, der aus Calau zu dieser Veranstaltung kam, weil er seine „wendischen Wurzeln“ sucht, fügte hinzu: „gefühlvoll in der Stille, Verlorensein, Suche, tiefe Sehnsucht nach Schönheit des Lebens“ .
„Kreisen im Regen“ der kasachischen Komponistin Oksana Weingarth-Schön bezieht sich auf ein immer wiederkehrendes Kernmotiv aller fünf Teile. Die ungewöhnliche Besetzung - Harfe, Horn, Viola, Flöte Xylofon, Schlagwerk - war vorgegeben. Atemlose Stille nach einem Trommelwirbel - und die Rückkehr zum Thema des Um-sich-selber-Drehens, keine produktive Lösung präsentierend - eine ehrliche Musik, die Betroffenheit auslöste.
„You strange myself“ ist eine Selbstsuche der 24-jährigen Michaela Plachká aus Prag, ein verklingendes Sehnen nach der Antwort: „Wer bin ich“ . Tomás Pálka komponierte „Unique in Being“ , eine Tonschöpfung nach einem Gedicht einer serbischen Dichterin - mit Schrillflöte und Vokalisen, Horn und Gong und der großen Sehnsucht nach Einigkeit.
Christian und Sebastian hatten das Projekt von der vagen Idee bis zu der vom RBB mitgeschnittenen Aufführung begleitet. Das Aufregende für sie war, ob und wie sich die Einzelteile zu einem Ganzen fügten. „Der Angang gegen das (scheinbare) Verschwinden der sorbischen Sprache und Kultur ist uns Kraftquell zum Weitermachen.“ Ein hoffnungsvolles Zeichen!