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Die Schokoladenseite des BER-Flughafen-Debakels

Mitarbeiterinnen der Confiserie Felicitas in Hornow stellen nicht nur Pralinen her, sondern dürfen sie auch zuerst testen.
Mitarbeiterinnen der Confiserie Felicitas in Hornow stellen nicht nur Pralinen her, sondern dürfen sie auch zuerst testen. FOTO: dpa
Cottbus. Die Chocolatier Goedele Matthyssen sorgt für den süßesten Abend der Veranstaltungsreihe "Lausitzer Leuchttürme". Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) und die RUNDSCHAU hatten eingeladen. Einen Schaden von mindestens 300 000 Euro erlitt ihr Unternehmen Felicitas in Hornow durch das Debakel um den Hauptstadtflughafen BER. Aber das hatte dann doch eine Schokoladenseite. Annett Igel-Allzeit

Mag Ralf Henkler, BVMW-Kreisgeschäftsführer, keine Schokolade? Mutig probt er den Widerstand und lässt das Tablett voller Pralinen auf den Tresen der Sportsbar im Cottbuser Lindner Congress Hotel warten. Er will mit Goedele Matthyssen zuerst nach Flandern in die Universitätsstadt Löwen. Dort ist sie aufgewachsen. Sie war 19 - "piepjung", wie sie selbst sagt, hatte angefangen, Krankenschwester zu lernen und wollte Hebamme werden, als sie ihrem Mann Peter Bienstman für viereinhalb Jahre nach Nigeria folgte.

"Peter ist der geborene Unternehmer", das betont sie, seit sie im Jahr 2005 als Unternehmerin des Landes Brandenburg ausgezeichnet wurde. In Nigeria hörten sie bei belgischen Freunden das erste Mal von der Stadt Forst in der Lausitz. Als es in Nigeria zu gefährlich wurde - Goedele Matthyssen überlebt nur mit viel Glück eine Autofahrt neben einem geladenen Gewehr -, gehen sie zurück nach Belgien. Bei ihrer Vorbereitung aufs Schwestern-Examen ist sie umzingelt von vier Chocolatiers, sie sattelt beruflich schnell noch um. Denn in Deutschland gibt es diesen Ausbildungsberuf bis heute nicht. Dem Ingenieur Peter Bienstman, der über eine Wurstfabrik nachdachte, gefällt die Idee seiner quirligen Frau. Sie schauten sich die Lausitz an, wohnten zuerst im Branitz-Hotel, erzählt Goedele Matthyssen, dann in einem Bungalow am Spremberger Stausee. Die belgischen Freunde aus Nigeria wurden die ersten Teilhaber für den Neustart in Hornow in der gekachelten LPG-Küche zwischen Kuhstall und Pferdestall. In der Burgstraße in Cottbus hatten sie ihren ersten kleinen Laden. Auch in Hornow, an ihrer Produktionsstätte, verkaufen sie dienstags und freitags von 16 bis 19 Uhr Schokolade. "Es sprach sich schnell rum, immer mehr Kunden kamen. Ich fuhr Trabant. Die Frauen in der Sportgruppe haben die Namen für unsere Pralinen erfunden", erinnert sich Goedele Matthyssen. Und die Hornower waren es auch, bei denen sie mal ihr Kinder lassen konnte, wenn sie geschäftlich viel zu tun hatte.

"Felicitas"-Schokoladenfiguren sind "unten offen". "Damit es knackt beim Reinbeißen", erklärt die blauäugige Unternehmerin. Über 1000 Formen haben sie im Repertoire - "wenn ich alle Osterhasen und Weihnachtsmänner, das Glücksschweinchen und das Gebiss mitzähle." Es gibt traditionelle Formen, die auch bei anderen Chocolatiers vorkommen, erklärt sie. Und es gibt Formen, die Felicitas extra anfertigen ließ. Den Fürsten Pückler zum Beispiel, die Lausitzer Braunkohle und die Mauer. Das brauche aber Zeit, die Nachbearbeitung der Metallform durch einen Ziseleur in Holland und eine Investition von etwa 3000 bis 3500 Euro, die sich lohnen muss.

Im Herbst 2014 haben sie ihr Schoko-Laden-Land mit Café, größerem Laden und Schauwerkstatt eröffnet, in der "Kinder und auch große Menschen wie der Ministerpräsident" ihre ganz persönliche Schokolade gestalten können. Zuvor hatte das Ehepaar Bienstman-Matthyssen viele schlaflose Nächte. Um neben der gewachsenen Zahl an Großabnehmern auch einen geplanten Laden am Großstadtflughafen BER beliefern zu können, wollten sie ihre Produktionsstätte in Hornow umfangreich erweitern - bis für den Flughafen auch der zweite Fertigstellungstermin abgesagt werden musste. "Wir hatten gerade alle Stempel für unser Vorhaben", als sie wie viele andere Unternehmen die Reißleine zogen. 300 000 Euro Planungskosten waren in den Lausitzer Sand gesetzt.

"Aber der Wirtschaftsminister hörte sich unsere Geschichte an", erinnert sich die Unternehmerin, und die Stempel unter die veränderten Pläne mit Namen Schoko-Laden-Land kamen schnell. 71 Mitarbeiter - einschließlich der Läden in Dresden und Potsdam - hat Felicitas und familienfreundliche Arbeitszeiten.

Nachdem klar ist, dass Schokolade glücklicher macht, je dunkler sie ist und jede Pralinenart von Felicitas-Mitarbeitern getestet ist, lässt Ralf Henkler das Ta blett wandern. Damit der Erlebniswert im Schoko-Laden-Land nach 23 Jahren in Hornow weiter steigt, ist ein Streichelzoo in Arbeit. Esel August bekommt eine Eselstute. "Sie wird Felicitas heißen", verrät Goedele Matthyssen.

Im Mittelpunkt des nächsten Leuchttürme-Talks steht am 21. Mai Eberhard Perschk, der Geschäftsführer der Emis Elec trics GmbH in Lübbenau.

Goedele Matthyssen steht Ralf Henkler vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) Rede und Antwort.
Goedele Matthyssen steht Ralf Henkler vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) Rede und Antwort. FOTO: Igel