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| 18:25 Uhr

Heimatgeschichte
Der Australienforscher ist auf dem Heimweg

Kunstgießer Harry Bartzsch (60) aus Hohenleipisch stellt die Formen für das Cottbuser Leichhardt-Denkmal her.
Kunstgießer Harry Bartzsch (60) aus Hohenleipisch stellt die Formen für das Cottbuser Leichhardt-Denkmal her. FOTO: Mirko Sattler
Lauchhammer/Cottbus. Ein Ludwig-Leichhardt-Denkmal, das auf dem Oberkirchplatz in Cottbus aufgestellt werden soll, wird gerade in Teilen in der Kunstgießerei Lauchhammer in witterungsbeständiger Silizium-Bronze gegossen. Der Hohlfiguren-Guss von Großplastiken hat in der Manufaktur eine lange Tradition. Von Kathleen Weser

Der Forscher Ludwig Leichhardt kehrt nach Cottbus zurück. 170 Jahre nach seinem mysteriösen Verschwinden auf seiner dritten und letzten Australien-Expedition, der Suche nach einem Landweg nach Perth.

Wahrheit und Legende hat Harry Bartzsch (60) aus Hohenleipisch damit in den Händen. Der Kunstgießer lässt den Entdecker von gewaltigen Gebieten fern jeder Ziviliation, von Steinkohlevorkommen, einer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt und der Aborigines wieder auferstehen - in Silizium-Bronze für die Ewigkeit. Derzeit wird das Denkmal für den neu gestalteten Oberkirchplatz in Cottbus in der ältesten Manufaktur Südbrandenburgs, der Kunstgießerei Lauchhammer, in Teilen abgeformt und gegossen. Vom Kopf bis zum Sockel. Und das ist ungewöhnlich.

Etwa zwei Meter groß wird der Humboldt Australiens, wie der in Sabrodt/Trebatsch am Schwielochsee geborene Leichhardt auf dem fünften Kontinent auch voller Ehrfurcht genannt wird. Dabei muss der wahrhaft großartige Forscher von Gestalt eher klein gewesen sein. Ludwig Leichhardt galt zumindest in seinen frühen Jahren als „körperlich schwächlich“. Das ist historisch verbrieft. Mit harten Leibesübungen soll er als Kind eisern dagegen angearbeitet haben. In seiner Gymnasialzeit in Cottbus ist er ein eifriger Turner gewesen, der in der Schule zu den Besten zählte.

Das Abbild aus jungen Jahren, in denen Ludwig Leichhardt in der Lausitz das Rüstzeug für seine weltbewegenden Entdeckungen in der Zoologie, Botanik und Geologie erwarb, hätten Cottbuser auch gern vor dem alten Gymnasium gesehen. Doch der gereifte Leichhardt, am „Department of Lands building” zuerst in Sydney in Sandstein verewigt, wird nach einem 3-D-Scan des Werkes in der Hauptstadt von New South Wales nun für Cottbus gegossen. Ein handliches Modell des Originals ist dafür vergrößert worden. Der Lausitzer Leichhardt wird eine dünnwandige Bronze-Hohlgussfigur, die immerhin satte 250 Kilogramm auf die Waage bringen und eine sehr langlebige Alternative zum witterungsempfindlichen und feinkörnigen Sandstein sein wird.

Dafür ist die Gestalt des Leichhardt zunächst aus einem stattlichen Gipsblock herausgefräst worden. Das erzeugte Modell überragt den groß gewachsenen Kunstgießer Harry Bartzsch deutlich. Aber der Handwerker hat den Forscher in seinem Revier, der Formerwerkstatt,  absolut im Griff. Leicht respektlos in drei Teile zerlegt wird Ludwig Leichhardt im Wachsausschmelzverfahren neu geboren. Eine hohe Maßgenauigkeit, ausgezeichnete Oberflächengüte, geringe Nacharbeiten und eine fast unbegrenzte Auswahl an Wachsstoffen, die auch komplizierte Formen möglich machen, zeichnen dieses Verfahren aus. Und Harry Bartzsch beherrscht es aus dem Effeff. Seit 45 Jahren ist er in der Kunstgießerei Lauchhammer tätig. „Ich gehöre damit hier zum absolut alten Eisen“, bestätigt er lachend. Und der Spezialist erklärt weiter: „Die feinen Überschneidungen beispielsweise an den Beinen und am Kopf erfordern dieses Verfahren.“ Bartzsch hat es seit 1972 von der Pieke auf gelernt. In der historischen Bronzeschule, die heute das Kunstgussmuseum Lauchhammer ist und eine weltweit einzigartige Modellsammlung beherbergt.

Gemessen an der Tradition der Kunstgießerei ist das persönliche Gießer-Bekenntnis zum alten Eisen freilich maßlos übertrieben. Mit der Verhüttung des in der Gegend vorkommenden Raseneisensteins legte die aus dem dänischen Adel stammenden Oberhofmarschallin Benedicta Margaretha Freifrau von Löwendal (1683 bis 1776) einst den Grundstein für das erste Wirtschaftswunder in der sehr armen Region im Tal der Schwarzen Elster. Am 25. August 1725 schlug im Löwendalschen Hammer die Geburtsstunde des Eisengusses, der die frühe Industrialisierung der heutigen Lausitz einläutete.

Former, Gießer und Ziseleure aus Lauchhammer haben seitdem in aller Welt bemerkenswerte Schöpfungen hinterlassen. Auch das größte Monument des Architektur-Gusses am Preußischen Palast auf der zu Kairo gehörenden Nil-Insel Gezireh gehörte dazu. 400 Tonnen Gusseisen wurden bis 1867 an den Golf von Ägypten geliefert. Der heute nicht mehr existierende Palast war zur Inbetriebnahme des Suezkanals errichtet worden.

Der kunstsinnige Patensohn und Erbe der Löwendal, Detlev Graf von Einsiedel (1773 bis 1861),  brachte den Eisenkunstguss mit dem Herstellen von Kopien antiker Plastiken zur Blüte. Als Minister am sächsischen Hof saß er praktisch an der Quelle. Einsiedel profitierte von der Sammelleidenschaft seines Arbeitgebers, des Kurfürsten August der Starke. Durch ihn wurde Dresden zur ersten deutschen Stadt mit einer großen Antikensammlung nach italienischem Vorbild. In Lauchhammer ließ Einsiedel einige der lebensgroßen  Marmor-Skulpturen, die im Albertinum der sächsischen Landeshauptstadt zu bewundern sind, als Ganzes abgießen. Und das ist bis heute spektakulär.

Der berühmte vollplastische Großfigurenhohlguss ist mit dem neuen Ludwig Leichhardt allerdings nicht zu machen. Das Denkmal ist dafür etwas zu groß. Von Körper, Beinen und den Füßen auf dem Sockel stellt der erfahrene Kunstgießer deshalb zunächst separate Formen her. Dafür werden vom dreigeteilten Leichhardt-Gipsmodell jeweils Silikon-Kautschukformen abgenommen, mit deren Hilfe dünnwandige Wachsmodelle hergestellt werden.

Auf die Silikonformen wird in mehreren Schichten das Wachs bis zu einer Stärke von drei bis sechs Millimetern aufgetragen. Jede Schicht muss einen Tag aushärten.

Das Wachsmodell wird dann in die Gießform eingepasst. Die muss die hohen Temperaturen des Gießmetalls aushalten. In dem Fall ist das

Silizium-Bronze, eine bleiarme Legierung, die sich durch Korrosionsbeständigkeit und hohe Zugfestigkeit auszeichnet. Deshalb ist das Metall auch besonders gut für künstlerische Skulpturen unter freiem Himmel geeignet. Der Aufbau der Gießform erfolgt in einem hochprozentigen Tauchbad auf Alkoholbasis mit Malachit-Sand in grober bis feiner Körnung. Die Mischung treibt einem die Tränen in die Augen. Das Kupfermineral muss unter Atemschutz jeweils nach Trocknen des Überzuges in bis zu acht Schichten aufgetragen werden. Nur einige Millimeter stark wird der Leichhardt schließlich in die eigentliche Gießform eingepasst. Durch Ausglühen dieser wird das Wachs wieder ausgeschmolzen. Eine vollkommen saubere Hohlraumform verlässt den Ofen. Sie wird in heißem Zustand sofort mit der 1150 Grad Celsius heißen Silizium-Bronze-Schmelze ausgegossen. Gut einen Tag kühlt die so erzeugte Bronzehaut der neuen Leichhardt-Teile schließlich ab. Dann wird die Form entfernt. Und die Plastik kann in einigen Tagen in der Metallwerkstatt verschweißt und weiter bearbeitet werden.