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"Die Rolle ist mir zur zweiten Natur geworden"

Unverwechselbar: Fumagalli, der Clown mit den verrückten Haaren.
Unverwechselbar: Fumagalli, der Clown mit den verrückten Haaren. FOTO: Circus Krone
Werter Fumagalli, oder soll ich Sie lieber Giovanni Huesca nennen? Bitte Fumagalli, das ist mein wahrer Name. Als "Clown" kann ich Sie eigentlich auch nicht ansprechen, oder? Fumagalli Clowns nennt man nur die mit dem weißen Gesicht. Bodo Baumert

Ich sehe mich als "Dummen August".

Was unterscheidet Sie vom Clown?
Fumagalli: Der Weißclown ist der Autoritäre, der Tonangebende, der Angeber, der Besserwisser, der alles besser kann und weiß als der "Dumme August". Aber der August gewinnt am Ende immer - nicht nur die Herzen des Publikums.

Was als Erstes an Ihnen auffällt, ist die Frisur. Wie bekommen Sie die eigentlich zum Stehen?
Fumagalli: Mit viel Geduld und noch mehr Haarspray, jeden Tag ein bis zwei große Dosen ...

Ähnlich unverwechselbar ist Ihr Gesichtsausdruck - mussten Sie dafür eigentlich lange üben?
Fumagalli: Ich wurde so geboren, einüben kann man das nicht!

Bienchen, Bienchen, gib mir Honig - dieser Sketch ist für viele Zirkusfans fest mit Ihnen verbunden. Mögen Sie die Nummer eigentlich noch? Oder ist das wie mit einem alten Hit, den Musiker irgendwann nicht mehr spielen wollen?
Fumagalli: Bienchen, Bienchen, gib mir Honig war meine erste Liebe und sie wird nie vergehen. Der Auftritt lebt von der Improvisation und ist jeden Tag etwas anders. Diese Nummer wird niemals fertig sein, obwohl sie schon 250 Jahre alt ist.

Was ist denn Ihre persönliche Lieblingsnummer?
Fumagalli: Neben Bienchen die Fuma-Boys, das sind alte Akrobaten im Stil von anno dazumal.

Wie wird man eigentlich Clown? Ist das eine Naturbegabung oder ein Handwerk, das jeder lernen kann?
Fumagalli: Clownsein ist eine Kunst, eine Naturbegabung, das kann man nicht erlernen.

Hatten Sie Vorbilder, an denen Sie sich in Ihrer Rolle orientiert haben?
Fumagalli: Ja, Charlie Chaplin und vor allem mein Vater, der erste Fumagalli-Clown von Fellini. Abgeschaut habe ich mir das Timing und die faszinierende Leichtigkeit des Lachenmachens.

Sie haben mit vielen berühmten Clowns in der Manege gestanden? Mit welchem war es am leichtesten? Mit welchem am schönsten?
Fumagalli: Am leichtesten war es mit Toto Chabri. Er war in seiner Jugend sehr lebendig, er studierte Musik und Tanz in Brüssel und brachte dies in seine Nummer ein. Ein fließendes und perfektes Zusammenspiel mit seinen Partnern war die Folge. Am schönsten war es mit Francesco Caroli, einem wunderbaren Weißclown.

Es heißt ja, der Mensch hinter der Maske des Clowns ist kein Komiker, sondern eher traurig. Wie ist das bei Ihnen?
Fumagalli: Das ist ein Klischee. Ich bin auch privat ein Spaßvogel von Kopf bis Fuß.

Wie ist das, wenn Sie in die Rolle des Fumagalli schlüpfen? Werden Sie zu einem anderen Menschen?
Fumagalli: Die Rolle ist mir zur zweiten Natur geworden, immer wenn ich die Manege betrete, manchmal auch zu Hause, sagt meine Frau.

Ist Ihnen dieser Mensch lieber? Oder sind Sie doch lieber "Natalino", der kleine Junge aus Genua?
Fumagalli: Als Fumagalli bringe ich das ganz große Lachen unter die Menschen. Und ganz ehrlich: In lachende Gesichter zu sehen, das ist doch der schönste Beruf auf Erden.

In Ihrer Familie haben Sie selbst einen Schicksalsschlag erlebt. Ihr Sohn ist nach einem Hirntumor und langem Kampf verstorben. Sie haben sich danach eine Auszeit genommen. Was hat Sie zurück in die Manege gebracht?
Fumagalli: Mein Cousin. Er hat zu mir gesagt, Du musst wieder in die Manege gehen und weitermachen - das hilft. Und er hatte recht.

Hat sich Ihr Leben, ihre Einstellung zum Beruf dadurch geändert?
Fumagalli: Machmal glaube ich, die Hälfte von mir ist tot. Aber nicht in der Manege. Da kenne ich einen ganz guten Trick: Ich habe einen Koffer und vor dem Auftritt lege ich in diesen alle meine Sorgen und Nöte und kann so in der Manege unbeschwert auftreten.

Als Dummer August haben Sie ja keine großen Texte. Vermissen Sie manchmal, dass Sie Ihrem Publikum nichts mitgeben können?
Fumagalli: Aber ich rede doch. Und wie ich rede: Kein Auge bleibt trocken bei meinem feuchten "f" und den ffurchtbar wilden Wasserschlachten in der Manege.

"Ansichten eines Clowns" heißt ein berühmter Roman von Heinrich Böll. Gibt es "Ansichten des Clowns Fumagalli", die Sie der Nachwelt einmal hinterlassen wollen?
Fumagalli: Lachen zu bringen, ist das schönste Geschenk, und so heißt es für mich: Guten Circus und gute Clowns wird es geben, solange die Sterne am Himmel stehen.

Mit Fumagalli sprach Bodo Baumert

Zum Thema:
Als Sohn einer berühmten italienischen Artistenfamilie wurde Gianni Huesca, genannt Natalino, zu Weihnachten 1956 in Genua geboren. Vater Enrico Fumagalli agierte in einem Dutzend Fellini-Filmen vor der Kamera, doch sein Sohn wollte immer nur eines: Clown sein und Freude bringen. Zusammen mit seinem Bruder Daris begann er als Artist. 1994 entdeckte ihn der berühmte Clown und Zirkusdirektor Bernhard Paul für seinen Circus Roncalli. Hier wurde Gianni Huesca zu Fumagalli und an der Seite von Paul und dem legendären Weißclown Francesco Caroli zum Star. Es folgten viele Zirkus-Gastspiele, 2015 gekrönt mit dem Goldenen Clown, dem Oscar der Zirkusbranche beim internationalen Circus-Festival von Monte Carlo. (bob)