| 17:49 Uhr

Gesundheit
„Überlastungsanzeigen muss es geben“

Mit 1200 Betten, 2500 Mitarbeitern und mehr als 100 000 Patienten pro Jahr gehört das CTK zu den größten Kliniken Deutschlands.
Mit 1200 Betten, 2500 Mitarbeitern und mehr als 100 000 Patienten pro Jahr gehört das CTK zu den größten Kliniken Deutschlands. FOTO: Frank Hilbert
Cottbus. Der Geschäftsführer des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums, über den Wandel in der Pflege, erhöhte Arbeitsbelastungen, die Finanzierung des Krankenhauses und mögliche Lösungsansätze. Daniel Steiger

Zu viel Arbeit, zu wenige Mitarbeiter – so zusammengefasst hatte eine Pflegekraft des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums (CTK) ihre Sicht auf den Arbeitsalltag im größten Krankenhaus der Region beschrieben. Die RUNDSCHAU hat Götz Brodermann, Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor am CTK, zur Personalsituation befragt.

Herr Brodermann, in einem Schreiben an die Mitarbeiter des CTK sind Sie auf den RUNDSCHAU-Artikel eingegangen und haben geschrieben, dass Sie die darin getroffenen Aussagen zur Situation in der Pflege sehr ernst nehmen. Können Sie jedem guten Gewissens empfehlen, Patient im CTK zu werden?

Brodermann Ja, ich kann Ihnen auch ein Beispiel sagen. Mein Sohn musste sich letztes Jahr operieren lassen, er wohnt in Frankfurt, und ich habe ihn hierher geholt. Ich würde mich auch selbst ins CTK legen. Was in der Pflege derzeit passiert, ist kein singuläres Problem des CTK. Solche Artikel, wie es ihn in der RUNDSCHAU gab, gibt es aktuell überall in der Bundesrepublik. Es geht dabei immer um dieselben Themen. Das zeigt, hier ist es nicht schlechter als in München, Berlin, Spremberg oder Senftenberg. Aber eben auch nicht besser. Wir haben alle das gleiche Problem.

Und das Problem heißt?

Brodermann Die Situation  ist, dass wir mehr Patienten pro Bett haben als früher. Im Jahr 2004 gab es eine Umstellung unserer Vergütung. Wenn früher das Bett mit einem Patienten belegt war, hat man einen tagesgleichen Pflegesatz dafür bekommen. Je voller es also war, desto mehr Geld haben wir verdient. Mittlerweile wurde die Finanzierung auf ein Fallpauschalensystem umgestellt. Das heißt, der Patient wird aufgrund seiner Hauptdiagnose und verschiedener Prozeduren wie OPs eingruppiert. Diese Eingruppierung – wir nennen das ökonomische Fallschwere – ist mit einem Entgelt belegt. Da ist eine mittlere Verweildauer schon einkalkuliert. Das heißt, wenn Sie morgen zu uns kommen und an der Galle operiert werden müssen, ist die Verweildauer im Krankenhaus schon festgelegt. Wenn der Patient länger liegt als diese mittlere Verweildauer, kostet er uns mehr, als wir an ihm verdienen. Die Verweildauer im Krankenhaus hat sich durch diese Regelung drastisch verkürzt. Wir hatten Anfang der 2000er-Jahre eine Verweildauer von 14 bis 17 Tagen im Schnitt, momentan liegt diese als Durchschnitt aller Krankenhäuser bei sechs Tagen. In dem Bett, in dem früher 14 Tage lang ein Patient lag, liegen jetzt in der gleichen Zeit zwei bis drei Patienten. Das bedeutet, dass wir dreimal einen Patienten aufnehmen, dreimal einen Patienten entlassen, dreimal einen Patienten beispielsweise nach einer OP mit mehr Aufwand betreuen … Damit sind die Anforderungen an unser gesamtes Personal und natürlich auch die Pflege viel höher geworden. Die Reduzierung der Verweildauer ist aber nicht nur der Systemumstellung geschuldet, auch die OP-Methoden haben sich verbessert.

Welche Anforderungen gibt es jetzt an die Pflege?

Brodermann Die Tätigkeitsschwerpunkte liegen neben der originären Pflege heute mehr in der Organisation und dem Management der Abläufe. Die Anforderungen haben sich dadurch verdichtet und sind höher geworden. Das wirkt sich nachhaltig auf den Arbeitsalltag aus.

Warum kommt das gerade jetzt hoch, wenn es diese Regelung schon seit 2004 gibt?

Brodermann Wir haben das Thema eigentlich schon seit zehn Jahren, aber jetzt ist es richtig bei der Bevölkerung und in der Politik angekommen.

Lassen sich die höheren Anforderungen nicht einfach über eine Aufstockung des Personals auffangen?

Brodermann Das ist natürlich immer der erste Ansatz, aber die Möglichkeiten im Rahmen der aktuellen Finanzierung mit Fallpauschalen lassen dies nur in begrenztem Umfang zu. Darüber hinaus angebotene Förderprogramme für zusätzliche Stellen in der Pflege haben wir bereits genutzt. Deshalb sind wir ergänzend regelmäßig dabei, unsere Anläufe zu hinterfragen und Verbesserungen umzusetzen.

In Ihrem Schreiben an die Mitarbeiter sagen Sie, dass das Problem einerseits deutschlandweit besteht, aber andererseits hier im Haus gelöst werden muss. Wie passt das zusammen?

Brodermann Klar müssen wir bei der Politik und den Krankenkassen Druck machen. Aber bis die dort diskutierten Verbesserungen entschieden werden und bei uns ankommen und uns nachhaltig helfen, dauert es. Wenn wir so lange einfach nur abwarten, sind wir schlecht beraten. Wir müssen also erstmal auf uns selbst schauen. Wo können wir uns verbessern? Wo können wir die Prozesse verschlanken? Wo können wir administrativen Aufwand wegnehmen und entlasten? Wo können wir beispielsweise bei der Patientenaufnahme die Abläufe verbessern und die Arbeit mit weniger Aufwand erledigen? So sollen die Mitarbeiter in der täglichen Arbeit entlastet werden. Damit haben wir auch schon angefangen. So haben wir beispielsweise auf vielen Stationen Servicekräfte, die die Essensbestellungen aufnehmen, die das Essen ausgeben, die die Tabletts wieder abholen, die  die Betten aufbereiten. Diese Servicekräfte entlasten die Pflege schon von bestimmten Tätigkeiten. So kann sich die Pflege mehr auf das Wesentliche konzentrieren.

Der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch hat vor Kurzem im RUNDSCHAU-Interview gesagt, dass die Mittel, die in der Vergangenheit beispielsweise über den Solidarpakt ins CTK geflossen sind, weniger werden beziehungsweise irgendwann ganz wegfallen. Somit müsse der Überschuss, den das CTK erwirtschaften muss, steigen. Das wird die Situation hier nicht gerade verbessern, oder?

Brodermann Nein, das macht es nicht einfacher. Wir müssen alle Kosten im Blick haben. Zum Verständnis: Die Finanzierung im Krankenhaus ist relativ einfach. Wir haben ein duales System. Über die oben beschriebenen Fallpauschalen sichern wir die Betriebskosten, das heißt, damit wird das Personal bezahlt, das Arbeitsmaterial finanziert, die Stromrechung beglichen und so weiter. Was an Investitionen im Krankenhaus gemacht werden muss, soll eigentlich über die Länder finanziert werden. Die Länder kommen aber ihrer Investitionsverpflichtung nur ungenügend nach. Wir haben am CTK einen Investitionsbedarf von 15 bis 20 Millionen Euro pro Jahr. Wir bekommen momentan vom Land cirka 4,8 Millionen. Wenn man nachhaltig ein Krankenhaus betreiben will, müssen wir Überschüsse erwirtschaften, um daraus die Investitionen mit zu finanzieren. Vom Gesetzgeber ist das aber eigentlich nicht so vorgesehen. Unser Vorteil dabei ist, dass wir als kommunales Krankenhaus gemeinnützig sind. Im Gegensatz zu privaten Kliniken will unser Gesellschafter nichts von den erzielten Überschüssen. Das heißt, alles, was wir an Überschuss erzielen, fließt auch wieder ins unser Krankenhaus zurück.

Wie sieht es mit der Investition in Köpfe aus? Beispielsweise in den oben schon erwähnten Servicegesellschaften haben die Mitarbeiter Bestandsschutz, die vom CTK dorthin überwechseln sollen. Neue Mitarbeiter aber werden zu schlechteren Konditionen angestellt...

Brodermann Diese neuen Mitarbeiter bekommen aber immer noch branchenübliche Tarife. Unser Haustarif im CTK ist an den Tarif des öffentlichen Dienstes angelehnt. Dieser bildet aber den Bereich der Servicekräfte nicht ab. Der branchenübliche Tarif liegt niedriger. Das war einer unserer Beweggründe für den Ausbau der Servicegesellschaft. Wir versprechen uns durch Verlagerung von Leistungen in die Servicegesellschaft aber insbesondere eine bessere Qualität und schlankere Strukturen.

Wenn ich als neue Servicekraft hier angestellt werde und weniger verdiene als mein Kollege, der aus dem CTK in die Gesellschaft gewechselt ist, erhöht sich meine Arbeitsqualität? Bekommen Sie da nicht eher ein Motivationsproblem?

Brodermann Wenn Sie das so singulär sehen, ist meine Argumentation schwer nachzuvollziehen. Bereits heute werden die Mitarbeiter ja auch schon unterschiedlich je nach Betriebszugehörigkeit bezahlt. Da verdient mein Nebenmann, der die gleiche Arbeit macht wie ich, also unter Umständen auch mehr. Die Tarifeinheit in der Servicegesellschaft wird sich nach einer Übergangszeit automatisch mit Renten­eintritt oder sonstigen Wechseln einstellen. Das Entscheidende ist, dass man einen Lohn hat, von dem man vernünftig leben kann. Dafür stehen wir auch. Für die Arbeitszufriedenheit spielt das Entgelt sicherlich eine Rolle, aber eine eher untergeordnete. Da ist das Arbeitsumfeld viel entscheidender. Wie gehen meine Vorgesetzten mit mir um? Kann ich meine Arbeit schaffen oder bin ich jeden Tag überfordert? Wenn wir ein gutes Arbeitsklima haben, gibt es kein Problem hinsichtlich der Thematik Entlohnung.

Die Pflegekraft in dem RUNDSCHAU-Interview klang nicht zufrieden und hat zum Beispiel eine erhöhte Zahl von Überlastungsanzeigen und einen hohen Krankenstand erwähnt. Wie sehen Sie das?

Brodermann Überlastungsanzeigen muss es an jedem Krankenhaus geben.

Muss es?

Brodermann Ja, muss es. Wir sind keine Automobilindustrie, wo ein Band immer mit der gleichen Geschwindigkeit läuft. Wenn einer einen gravierenden Fehler sieht, wird das Band angehalten und dann stehen erstmal alle da und schauen sich diesen Fehler an. Im Krankenhaus geht das nicht. Wir haben einen ungleichen Anfall an Arbeit. Wir haben Belastungsspitzen, da können wir soviel Personal haben wie wir wollen, die sind trotzdem da. Es gibt aber auch wieder Entlastungen. Zwischen Weihnachten und Silvester hatten wir beispielsweise eine Belegung mit 500 Patienten, bei 1100 Betten. Wir haben in dieser Zeit Stationen geschlossen, um Überstunden abzubauen. Trotzdem ist das eine ganz ruhige Zeit im Krankenhaus. Und so gibt es immer wieder mal Phasen mit Belastungsspitzen und Phasen mit weniger Belastung. Und für solche Situationen sind Überlastungsanzeigen ein wichtiges Instrument, um anzeigen zu können, im Moment geht es nicht mehr. Die Zahl der Überlastungsanzeigen ist gestiegen, das zeigt, es besteht Handlungsbedarf. Allerdings möchte ich in diesem Zusammenhang auch darauf hinweisen, dass es zum Beispiel in Wiesbaden, in dem Haus, aus dem ich ursprünglich komme und das mittlerweile zur Helios-Gruppe gehört, zu Spitzenzeiten mehr als 300 Überlastungsanzeigen pro Quartal in der Pflege gab.

Wie viele sind es in Cottbus?

Brodermann Im Jahr 2015 waren es zwölf, 2016 waren es 42, bis zum 30. November 2017 waren es 96. Die kamen aber nicht nur aus der Pflege, sondern aus allen Berufsgruppen. Der Großteil kommt aber aus dem Pflegebereich.

Was passiert bei einer Überlastungsanzeige im CTK?

Brodermann Das haben wir in einer Betriebsvereinbarung geregelt. Der jeweilige Vorgesetzte schaut sich gemeinsam mit dem Anzeigenden und einem Vertreter des Betriebsrates die Situation an, in der die Überlastung entstanden ist. Gemeinsam wird beurteilt und nach Lösungsmöglichkeiten gesucht.

Und trotzdem gibt es angeblich am CTK Kollegen mit bis zu 100 Überstunden...

Brodermann Ja, auch dafür gibt es eine Betriebsvereinbarung. Dort ist geregelt, wie wir mit Überstunden umgehen. In der Betriebsvereinbarung ist ein Ampelsystem vorgesehen. Bis zu 40 Überstunden ist grün, 40 bis 60 Überstunden ist gelb und ab 60 Überstunden ist rot. Das heißt, bis zu 40 Überstunden ist der Arbeitnehmer angehalten, mit seinem Vorgesetzten zu besprechen, wann er die Stunden abbauen kann. Das ist im Bereich der Freiwilligkeit. Von 40 bis 60 Stunden müssen sich beide ins Benehmen setzen und ab 60 kann der Arbeitgeber festlegen, wann der Arbeitnehmer Überstunden abbaut. Alternativ zahlen wir auch Überstunden aus. Nichtsdestotrotz ist es so, dass bei uns Überstunden anfallen. Manche fallen aber auch durch Veränderungen in organisatorischen Prozessen an.

Was meinen Sie damit?

Brodermann Ein Beispiel. Seit ein paar  Monaten wird auch die Wegezeit zur Arbeitszeit dazugerechnet. Das heißt, wenn ich im CTK ankomme, registriere ich mich mit meiner Karte. Dann laufe ich zu meinem Arbeitsplatz, ziehe mich noch um und beginne dann erst mit meiner Arbeit. Da kommen bei jedem zehn Minuten Arbeitszeit auf dem Konto dazu, ohne dass mehr Leistung erbracht wird, Das rechnen Sie mal auf mehr als 700 Vollzeitstellen hoch. Da kommt einiges zusammen.

Zurück zum Ampelsystem. Können Sie sagen, wie viele Mitarbeiter sich im roten Bereich befinden, die also mehr als 60 Überstunden auf dem Konto haben?

Brodermann Wir haben im Pflegebereich cirka 40 Mitarbeiter im roten Bereich mit 100 über Stunden, und im ärztlichen Dienst 21 Mitarbeiter. Da sind wir aber im Gespräch und schauen, wie diese abgebaut werden können.

Was muss passieren, dass im Jahr 2018 das Personal des CTK etwas zufriedener nach Hause geht und somit auch die Patienten etwas davon haben?

Brodermann Unsere Patienten sind ja nicht unzufrieden, aber ein bisschen zufriedener geht ja immer, das stimmt. Wir wollen und müssen uns immer verbessern. Wir gehen im Jahr 2018 das Thema interne Kommunikation an. Wie reden wir miteinander? Und wie können wir ganz konkret unsere persönliche Situation vor Ort verbessern? Wir haben letztes Jahr eine große Mitarbeiterbefragung gemacht. Da bekommen wir im Februar die Ergebnisse. Die werden wir intern mit allen Berufsgruppen gemeinsam diskutieren. Und dann werden wir überall, wo Mitarbeiter unzufrieden sind, analysieren warum das so ist und Lösungen erarbeiten. Und da ist jeder gefragt. Was kann in jedem einzelnen Bereich, an jedem einzelnen Prozess verändert werden? Wo hakt es? Jedes Team ist dabei für sich selbst verantwortlich.  Am Ende des Tages sollen die Mitarbeiter sagen können: Ja, ich habe meine Arbeit geschafft! Die tägliche Anstrengung und die Herausforderungen im Klinikalltag werden nicht weniger. Aber das Gefühl, es nach acht Stunden harter Arbeit trotz aller Anstrengung nicht geschafft zu haben, das muss sich ändern. An diesem Ziel werden wir dieses Jahr arbeiten.

Mit Dr. Götz Brodermann
sprach Daniel Steiger

Dr. Götz  Brodermann
Dr. Götz Brodermann FOTO: CTK