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| 15:50 Uhr

Cottbus
Die Not mit dem Rettungsdienst

Cottbus. Wann muss der Notarzt zu einem Patienten eilen? Wann reicht ein Bereitschaftsarzt? Theoretisch ist die Grenze klar. In der Praxis nicht immer. Von Peggy Kompalla

Die 112 ist die Nummer, wenn es um Leben und Tod geht. Doch oft genug werden die Retter gerufen, wenn ein Besuch beim Hausarzt oder in der Bereitschaftspraxis angebracht wäre. Die stetig steigenden Rettungsdiensteinsätze haben bei der Cottbuser Berufsfeuerwehr in der Vergangenheit zu Engpässen geführt. Die Mitarbeiter der Regionalleitstelle Lausitz fragen deshalb ganz gezielt nach. Außerdem setzt die Leitstelle auf eine noch engere Kooperation mit der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg.

Dr. Thomas Lembcke muss nicht grübeln. „Der wohl krasseste Fall ist schon einige Jahre her“, erzählt der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes Cottbus. „Ich fuhr als Notarzt zu einer Patientin wegen akuter Atemnot. In der Wohnung angekommen, öffnete eine Frau die Tür. Auf die Frage, wo denn die Patientin sei, erklärte die Frau, dass sie keine Luft durch die Nase bekäme.“ Wegen Schnupfen sollte nun wirklich kein Notarzt losfahren. Solche Einsätze seien nicht die Regel, versichert Thomas Lembcke. Aber es gibt sie immer wieder und das belastet den Rettungsdienst.

Das nahm teils dramatische Ausmaße an. So stieg die Zahl der Rettungsdiensteinsätze in Cottbus vom Jahr 2015 auf 2016 um 1356 Fahrten auf 20 383. Im Jahr 2017 kam der Cottbuser Rettungsdienst auf 20 627 Einsätze. Eindrücklich wird diese Zahl runtergerechnet. Demnach rückten die Cottbuser Retter im vergangenen Jahr im Schnitt 56 Mal am Tag aus. Cottbus hat darauf reagiert, stellte 2017 sechs zusätzliche Rettungssanitäter und -assistenten ein und nahm einen weiteren Rettungswagen in Dienst. Darüber hinaus wurde das Schichtsystem angepasst. Das sorgt für eine bessere Arbeitsverteilung. Aber die Anzahl der Rettungsdienstfahrten bleibt auf hohem Niveau.

„Vor zehn Jahren wäre keiner auf die Idee gekommen, in solch einem Fall den Rettungsdienst zu rufen“, stellt Notarzt Lembcke über den angeblichen Atemnotfall fest. Aber was hat sich geändert? Leitstellenchef Ingolf Zellmann erklärt: „Die Menschen wollen das Gesundheitssystem anders, als es ist. Sie sind verunsichert und durchschauen es nicht mehr.“ Das hat auch mit den vollen Praxen zu tun. Der Notarzt ergänzt: „Manche Leute machen das ganz bewusst, wie sie sogar uns gegenüber zugeben. Sie erzählen: Wir wollen nicht so lange im Wartezimmer sitzen. Diese Menschen wissen oft auch genau, was sie am Telefon sagen müssen, damit der Fall von der Leitstelle als Notfall eingestuft wird.“

Umso wichtiger wird die Aufgabe der Mitarbeiter in der Regionalleitstelle. Bei der Notrufabfrage gehen sie strukturiert vor. Sie müssen einschätzen: Muss der Notarzt los? Reicht der Bereitschaftsarzt? Oder schafft es der Patient gar allein zum Hausarzt oder in die Bereitschaftspraxis am CTK. Für nicht lebensbedrohliche Situationen gibt es zudem einen Extra-Notruf. Die 116117 gilt ebenfalls bundesweit, ist nur viel weniger bekannt.

In Cottbus landen Anrufer sowohl unter der 112 als auch der 116117 in der Leitstelle. Die Daten der Anrufer werden einmal abgefragt und entsprechend weitergeleitet. Das ist effektiv, besonders wenn jede Sekunde zählt. Das System soll erweitert werden. Deshalb verstärkt die Leitstelle ihre Kooperation mit der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB).

In Königs Wusterhausen läuft derzeit ein Pilotprojekt. Dort landen die Anrufer mit der 116117 in der Koordinierungsstelle der KVBB. Sprecher Christian Wehry erklärt: „Die Anrufer erhalten so die Hilfe, die sie bei akuten, aber nicht lebensbedrohlichen Beschwerden brauchen: den Verweis in die nächstgelegene Bereitschaftspraxis oder an den Bereitschaftsarzt. Oft reicht aber auch die Auskunft über die diensthabende Notfallapotheke.“ Wer sich allerdings mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung an den Bereitschaftsdienst in Königs Wusterhausen wendet, wird direkt an die Regionalleitstelle Lausitz in Cottbus weitergeleitet. „Unsere Koordinierungsstelle und die Regionalleitstelle sind digital vernetzt“, erklärt Wehry. Leitstellenchef Ingolf Zellmann ergänzt: „So werden Doppelabfragen vermieden.“ Die KVBB will das System schrittweise ausbauen.

Bei allem Für und Wider betont Ingolf Zellmann: „Es darf keiner Angst haben, den Notruf zu wählen. Es wird immer Grenzfälle geben. Wir müssen für den Patienten da sein. Er ist der Mittelpunkt.“