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| 18:21 Uhr

Pilzkunde
Neue Heimat der Falschen Rotkappe

Begeistert über den Fund der Falschen Rotkappe: Pilzsachverständiger Lutz Helbig aus Drebkau.
Begeistert über den Fund der Falschen Rotkappe: Pilzsachverständiger Lutz Helbig aus Drebkau. FOTO: Hannelore Grogorick
Drebkau. Der Lausitzer Sensationsfund jetzt wissenschaftlich dokumentiert. Von Andrea Hilscher

Lutz Helbig ist stolz wie Bolle. Der Drebkauer Pilzsachverständige hält ein druckfrisches Exemplar der mykologischen Fachzeitschrift „Boletus“ in der Hand: In ihr ist ein Fund wissenschaftlich dokumentiert, der unter Experten als kleine Sensation gilt. Gemeinsam mit seinem Mitautor Martin Schmidt hat Helbig in dem Artikel insgesamt zwölf Fundorte der ausgesprochen seltenen Falschen Rotkappe aufgelistet – allesamt in der Lausitz, alle auf mageren Waldböden unter Kiefern gesammelt.

Der Fund der raren Exemplare des „Boletellus projectellus“ ließ die Fachwelt vor fast genau einem Jahr aufhorchen. Damals wurde die Falsche Rotkappe zunächst in der Nähe der Spremberger Talsperre gesichtet, 14 Tage später brachten Pilzsammler ein Exemplar bei Lutz Helbig vorbei.

Wer eine Falsche Rotkappe findet, sollte sich umschauen: Meist stehen sie in größeren Gruppen.
Wer eine Falsche Rotkappe findet, sollte sich umschauen: Meist stehen sie in größeren Gruppen. FOTO: Helbig Lutz

Seit 35 Jahren ist der 59-jährige Drebkauer Pilzsachverständiger. Er gehört zum Vorstand des Brandenburgischen Landesverbandes der Pilzsachverständigen und ist Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Deutschlandkartierung für Pilze sorgt er für die exakte Erfassung von Standorten und Vorkommen. „Ich habe schon viel gesehen in meinem Leben, auch so manchen tollen Pilz entdeckt. Aber so etwas ist mir vorher einfach noch nicht untergekommen“, strahlt der Drebkauer noch heute.

Der Fund des zwischenzeitlich wissenschaftlich in Aureo Boletellus projectellus umbenannten Pilzes, auch genannt Großsporiger Röhrling oder Pinienröhrling, ist tatsächlich eine Rarität. Der aus  Nordamerika stammende Pilz steht auf der Roten Liste und ist sehr selten. Im Jahr 2011 konnte er erstmals in Europa, und zwar in Litauen, nachgewiesen werden. Die Falsche Rotkappe gilt als Neomycet, als Pilz also, der ohne menschlichen Einfluss nicht in Europa vorkommen würde. In Deutschland wurde der Nordamerikaner erstmals im Jahr 2014 bei Alt Schadow (Dahme-Spreewald) entdeckt. Die zweite Fundstelle war der Stausee, die dritte lag bei Drebkau.

„Nachdem die RUNDSCHAU darüber berichtet hatte, wurde ich noch auf weitere Fundorte aufmerksam gemacht“, erzählt Lutz Helbig. Inzwischen ist die Falsche Rotkappe an zwölf Standorten nachgewiesen, sie alle liegen in der Lausitz.  „Wir haben hier mit unseren mageren Böden offenbar beste Bedingungen für diesen Pilz“ sagt Helbig. „Er wächst unter Kiefern, lebt mit ihnen in Symbiose.“ Lutz Helbig hat ihn inzwischen natürlich auch schon probiert. In der englischsprachigen Version von Wikipedia gilt er als essbar. Die Falsche Rotkappe kann den heimischen Speiseplan offenbar bereichern. „Er ist ein ausgesprochen wohlschmeckender Pilz“, sagt der Fachmann.

Steinpilze, Pfifferlinge, Spitzmorcheln oder Fette Henne gehören zu seinen Favoriten. „Alles was labbrig oder glitschig ist, mag ich nicht“, gibt er zu. Er ist gespannt, ob auch in den kommenden Wochen wieder Exemplare des Pilzes gefunden werden – vom Aussehen her ähnelt er Maronen oder Steinpilzen. Er fällt durch einen massigen Fruchtkörper und eine längsrippige, erhabene Sti­lornamentierung auf. In verschiedenen Ländern wurden inzwischen DNA-Screenings angefertigt.

Für Lutz Helbig ist die wissenschaftliche Erfassung und Dokumentation der Spezies Vergnügen und Pflicht zugleich. „Es ist wichtig, dass wir unser Wissen weitergeben“, ist er überzeugt. Dankbar ist er all den Pilzfreunden, die ihm bei

der Erfassung der Funddaten mit Rat und Tat unterstützt haben.  

Umso mehr beschäftigen ihn die Nachwuchssorgen, die die brandenburgischen Pilzvereinigungen quälen. „Wer Interesse daran hat, mehr über die heimische Pilzwelt zu erfahren, kann sich gern bei mir melden.“ Pilze könne man nicht aus Büchern „lernen“. „Man muss sie riechen, anfassen, mit allen Sinnen erfahren.“

Eine Chance dazu haben Neugierige und Pilzkenner bei der 14. Drebkauer Pilzlehrwanderung am 13. Oktober. Bei Wanderungen in wettermäßig guten Pilzjahren wurden bei derartigen Exkursionen schon bis zu 150 verschiedene Arten vorgestellt, in der Pfanne seien schon bis zu 35 Arten gelandet. Aber, so mahnt Helbig: Laut Waldgesetz darf pro Person nur maximal ein Kilo Pilze gesammelt werden, sonst drohen Bußgelder.

Weitere Infos gibt der Pilzsachverständige unter www.blp-ev.de.