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Interview mit Manfred Stolpe
„Die Nazimordbrennerei in Europa schlug auf Cottbus zurück“

Manfred Stolpe
Manfred Stolpe FOTO: Patrick Pleul
Der ehemalige Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) über die Erinnerung an die Bombardierung der Stadt und aktuelle Anti-Asyl-Demos.

Herr Stolpe, als Ministerpräsident erlebten Sie Anfang der 90er-Jahre in Cottbus Ausschreitungen von Rechtsradikalen gegen Flüchtlingsunterkünfte. Jetzt gibt es in der Stadt wieder Auseinandersetzungen über den Aufenthalt von Flüchtlingen. Wiederholt sich hier Geschichte?

Stolpe Der erste Eindruck spricht dafür. Auch damals gab es in Teilen der Bevölkerung Ängste vor Überfremdung und insbesondere in schwierigen Regionen die Sorge, Verlierer der Wiedervereinigung und  Vergessene zu sein.  In Hoyerswerda und Rostock gab es schreckliche Brandanschläge und Krawalle vor den Unterkünften. Auch in Cottbus brodelte es. Im Stadtteil Sachsendorf gab es ein großes Heim für Geflüchtete. Die Proteste wuchsen. Abend für Abend wurde vor dem Asylbewerberheim protestiert. Brandstiftung war zu befürchten. Mehrmals bin ich in Cottbus gewesen und habe mit den Politikern und den noch neutralen Zuschauern gesprochen. Ihre Sorgen angehört, ernst genommen und versprochen, dass Cottbus nicht verloren geht. Und tatsächlich: Die Lage konnte beruhigt werden. Das war eine Zeit, in der die große Gefahr bestand, dass die wirtschaftlichen Standbeine der Lausitz verloren gehen. Als damaliger Ministerpräsident wollte und konnte ich mich damit nicht abfinden. Die Still-
legung der Braunkohleförderung und -verarbeitung wäre eine Katastrophe gewesen. Zum Glück ist es aber gelungen, die Energiewirtschaft zu sichern. Sie ist das Standbein der Lausitz. Und viel Neues und Gutes kam hinzu.

Anders als bei den Ausschreitungen damals sind bei den Demos des rechtspopulistischen Vereins „Zukunft Heimat“ neben Rechtsradikalen auch viele Bürger aus der Mitte der Gesellschaft unterwegs. Bereitet Ihnen das Sorge?

Stolpe Der Widerstand ist nicht spontan, sondern organisiert. ‚Zukunft Heimat‘ setzt Parolen, die viele Menschen emotional ansprechen. Und das muss ernst genommen werden. Aber Hassparolen oder Angriffe gegen Journalisten, das ist unerträglich. Damit entsteht auch ein schiefes Bild über die Lausitzmetropole. Viele Menschen fühlen sich benachteiligt – aber auch in Cottbus ist sehr viel Gutes geschehen. Ich habe manchmal die Sorge, dass positive Aspekte nicht wahrgenommen werden. Die Stadt hat mehr Geflüchtete aufgenommen, als sie nach den Vorgaben hätte aufnehmen müssen. Das war ein starkes Stück Solidarität. Und es half auch, die Einwohnerzahl über 100 000 Einwohner zu halten. Das muss alles organisiert werden und erfordert von allen Beteiligten höchste Anstrengungen.

Viele Demonstranten beklagen sich, dass ihnen niemand zuhören und  Journalisten die Wahrheit verdrehen würden. Fehlt es an ausreichender Kommunikation mit den Unzufriedenen?

Stolpe Regine Hildebrandt und ich waren damals Lehrlinge in der Politik. Wir mussten in turbulenten Jahren zuhören, verstehen und lernen. Zum Glück sind die jetzigen Politiker Profis. Es besteht aber die Gefahr, dass manche eine Weltsicht haben, in der die Sorgen der Menschen manchmal nicht richtig wahrgenommen werden. Populisten machen sich das zunutze. Ich wünsche mir statt eines politischen Konkurrenzkampfes der Parteien ein Zusammengehen in Zukunftsfragen, und ich bin erfreut, dass sich Ministerpräsident Woidke und die Landesregierung intensiv um Cottbus kümmern.

Am 15. Februar, dem Tag des Bombenangriffes auf Cottbus 1945, werden Menschen in der Stadt an die Naziherrschaft und ihre Folgen erinnern und für ein friedliches Miteinander auf die Straße gehen. Hilft das der Stadt in der aktuell aufgewühlten Stimmung?

Stolpe Wichtig ist das Erinnern. Denn die Nazimordbrennerei in Europa schlug auf Cottbus, Potsdam und Dresden zurück. Das war schrecklich, und in vielen Familien wird auch heute noch daran erinnert. Meine Schwiegermutter hat lebenslang unter dem Bombenhagel und den Verlusten am 13. Februar 1945 in Dresden gelitten. Der Zusammenhang mit dem Nazi-System war ihr rational klar, aber ihr Herz war betrübt von dem Verlust in Dresden. Erinnerung muss sein, aber Behutsamkeit ist geboten bei einer Gleichsetzung des Nazi-Systems mit nationalistischen Bewegungen heute. Aber mit Fremdenfeindlichkeit ist heute keine gute Zukunft für die Heimat zu gewinnen. Deshalb ist es gut, wenn am Donnerstag viele zu „Cottbus bekennt Farbe“ kommen und für Gemeinsamkeit eintreten.

Gibt es Erfahrungen aus der Aufnahme vieler Bürgerkriegsflüchtlinge vom Balkan in den 90er-Jahren, die in der aktuellen Debatte um Flüchtlinge weiterhelfen können? Damals gab es ja auch eine verbreitete Ablehnung dieser Menschen hier in der Region.

Stolpe Tatsächlich gibt es Parallelen. Ablehnung war spürbar. Es kam zu Brandanschlägen, Morden. Und rechtsextreme Parteien gelangten zu Wahlerfolgen. Aber es gibt auch Unterschiede. Die Zahlen waren deutlich niedriger. Damals und heute war und ist eine große Hilfsbereitschaft in unserer Bevölkerung vorhanden. Das gibt auch Cottbus ein „menschliches Antlitz“, und das kann nicht genug unterstützt werden. Die Cottbuser können darauf stolz sein.

Mit Manfred Stolpe
sprach Simone Wendler