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| 20:48 Uhr

Nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg
Tief im Osten, wo die Sonne verstaubt

 Wenn der Wind kräftig durch den Tagebau Nochten fegt, liegt manchmal ein Grauschleier in der Luft.
Wenn der Wind kräftig durch den Tagebau Nochten fegt, liegt manchmal ein Grauschleier in der Luft. FOTO: Christian Köhler
Cottbus. Kohle, Strukturwandel, Landtagswahl – plötzlich ist die Lausitz berühmt im ganzen Land. Aber selbst ein Image als abgehängter ländlicher Raum muss nicht nur schlecht sein. Von Christine Keilholz

„Weißwasser in der Lausitz. Bis nach Polen sind es zehn Kilometer. Die Braunkohle liegt noch näher. Wer auf der Ausfallstraße Richtung Osten nicht früh genug bremst, kann ins Baggerloch fallen. Wer hier Gehör finden will, muss freundlich zur Kohle sein...“ So oder so ähnlich fangen viele Geschichten an, die über die Lausitz erzählt werden. In den Wochen vor den Landtagswahlen waren es viele. Meist kam die Region dabei nicht sehr gut weg, aber darum ging es auch.

Plötzlich ist die Lausitz überall. Kaum eine Tagesschau, in der nicht irgendwo bekannte Bilder aus der Heimat auftauchen. Leere Dorfstraßen, schmucke Häuser, Kohlebagger. Cottbus, Weißwasser, Forst sind jetzt bekannte Orte auf der deutschen Landkarte, sogar Ortrand. Das ganze Land redet über den äußersten Osten, als gäbe es kein Saarland und keinen Ruhrpott mehr. Wo immer von strukturschwachen Gegenden die Rede ist, kommt die Lausitz ins Bild. In letzter Zeit ist das oft.

Da, wo die AfD besonders stark ist

Nicht erst seit den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg. Beide wurden mit Spannung im In- und Ausland beobachtet und als wegweisende Ereignisse aufgefasst. Genau 30 Jahre nach der Einheit stimmen die Menschen in Ostdeutschland ab über das, was war und das, was werden soll. Ganz groß im Spiel um die Wählergunst ist die AfD als neue, hoch umstrittene Partei, die vom Osten aus das ganze Land umkrempeln will. Bei beiden Wahlen war die Lausitz der Hauptkampfplatz, denn hier ist die AfD besonders stark.

Wahlen, das haben die zurückliegenden gezeigt, werden künftig in der Peripherie entschieden. Eben da, wo das Schlaglicht der allgemeinen Aufmerksamkeit nur selten hinfällt, dann aber richtig: „Weißwasser. Wo Sachsen endet. Eine Gegend, die mal bedeutend war“, lernte man neulich in der Tagesschau. Das war drei Wochen vor den Wahlen und zwei Wochen, bevor die Bundespolitiker Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Anton Hofreiter (Grüne) und Alice Weidel (AfD) nach Weißwasser kamen, um zu zeigen, dass ihnen auch abgelegene Gegenden nicht egal sind.

Der ländliche Raum ist wieder wichtig

Der Gegensatz zwischen Stadt und Land ist in der politischen Debatte wichtiger geworden. Gleichwertige Lebensverhältnisse waren auch das Reizthema bei diesen Wahlen, mehr noch als Sicherheit oder Asylpolitik. Hier die boomenden Metropolen, die junge, gut ausgebildete Menschen in Schwärmen anziehen. Da der ländliche Raum, der zurückbleibt.

Beide Teile zu versöhnen, ist ein Hauptziel der Politik geworden. Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat dafür eine „Heimatoffensive“ gestartet. Doch da geht es weniger um seine Heimat Bayern – denn die ist ja bekanntlich schön. Es geht um Ostdeutschland, wo die Löhne bis heute niedriger sind als in München und die Trachten weniger cool als beim Oktoberfest.

 Hier sieht es schon anders aus: Vom Aussichtspunkt im Findlingspark Nochten aus wirkt das Kraftwerk Boxberg schon fast idyllisch.
Hier sieht es schon anders aus: Vom Aussichtspunkt im Findlingspark Nochten aus wirkt das Kraftwerk Boxberg schon fast idyllisch. FOTO: dpa / Monika Skolimowska

Die Lausitz - wo die Lebensverhältnisse am wenigsten gleichwertig sind

Der Deutschland-Atlas, der Seehofers Heimatstrategie flankiert, zeigt in Farbe, wo die Lebensverhältnisse am wenigsten gleichwertig sind. Fast immer ist das die Lausitz. Hier ist der Anteil der unter 18-Jährigen an der Bevölkerung am geringsten und der Wohnungsleerstand am höchsten. Das Brutto-Inlandsprodukt pro Erwerbstätigen ist am niedrigsten, die Breitbandversorgung auch. Kein Zweifel, wo in Deutschland der höchste Handlungsbedarf auf Politik und Wirtschaft wartet.

Als Anfang August das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln eine Studie über abgehängte Regionen herausbrachte, war die Lausitz ganz vorn dabei. Hier ist demnach eine der 19 Regionen, die von Zukunftsproblemen bedroht sind – wie auch Saarland und Ruhrpott. In den Abendnachrichten rumpelten wieder die Bagger vom Tagebau Nochten. Abgehängtheit, so scheint es, hat eine Heimat, sie ist hier.

Lausitz in den Weltmedien plötzlich präsent

Die New York Times, eine der berühmtesten Zeitungen der Welt, suchte eine Antwort, warum die AfD im Osten so stark ist. Fündig wurde sie in Forst. Die Stadt sei „ein einst wohlhabendes Textildrehkreuz an der polnischen Grenze“, heißt es im Text, „das nach dem Fall der Berliner Mauer Tausende von Arbeitsplätzen und die Hälfte seiner Bevölkerung verloren hat“ – und wo die AfD „Nummer eins“ ist.

Die Neue Zürcher Zeitung, eine der berühmtesten Europas, wollte wissen, warum die Menschen in Ostdeutschland mit dem Kohleausstieg hadern. In Mühlrose begleiteten die Reporter einen Leag-Mitarbeiter, dessen Haus abgerissen werden soll. Wo sonst lässt sich der Zukunftskonflikt um Kohle und Klima besser abbilden als hier, in dem Dorf, das als eines der letzten dem Tagebau Nochten weichen soll.

Strukturstärkung für Kohlereviere beschlossene Sache

Mit dem Kohlekompromiss rückte die Lausitz ein weiteres Mal in die Berichterstattung. Wenn um die Zukunft der Reviere nach dem geplanten Ausstieg aus der Braunkohleverstromung im Jahr 2038 die Rede ist, wandert der Pfeil auf der Landkarte in den Osten. Zuletzt vor wenigen Tagen, als das Bundesgesetz zur Strukturstärkung beschlossen wurde. Die Bilder zu dieser Politik kamen aus Nochten und Jänschwalde. Bagger, baumlose Weiten, graubraunes Nichts.

Weißwasser als Sinnbild für Strukturschwäche?

Und wieder Weißwasser, wo der AfD-Kandidat am Sonntag mit 37 Prozent direkt gewählt wurde. Die Stadt hat in den zurückliegenden Wochen eine Aufmerksamkeit bekommen wie nie. Wie fühlt sich eine Stadt als Sinnbild für Strukturschwäche? Nicht nur schlecht, meint der Oberbürgermeister. Torsten Pötzsch (Klartext) hat in Dutzenden Berichten seine Stadt vorgestellt. Zur besten Sendezeit hat er einem großen Publikum erklärt, wie er Rückkehrer gewinnen will. Das ganze Land konnte sehen, wie sich Weißwasser der Zukunft stellt.