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| 02:33 Uhr

Die Kunst der Menschlichkeit

"Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." (Gal.

6,2) - 1988 hat die Defa einen für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Film herausgebracht unter dem Titel "Einer trage des anderen Last". Schnell ist er zum Kultfilm avanciert. 1,2 Millionen Menschen haben den Film damals gesehen.

Die Handlung des Films spielt Anfang der 1950er-Jahre im privaten Lungensanatorium Schloss Hohenfels. Die Protagonisten - Josef Heiliger, ein junger Kommissar der Volkspolizei und überzeugter Marxist, sowie Hubertus Koschenz, ein evangelischer Vikar - teilen sich, da beide an Tuberkulose erkrankt sind, unfreiwillig ein Krankenzimmer. So ist es bei Wikipedia nachzulesen. Der Konflikt ist vorprogrammiert. Er wird leidenschaftlich ausgetragen, obwohl die schwere Erkrankung das Leben beider bedroht. Für die Zeit der zu Ende gehenden DDR ein erstaunlicher Film, der vorsichtig eine Dialogbereitschaft andeutete, in dem ein Christ auf Augenhöhe mit einem überzeugten Marxisten diskutierte.

Heute, fast 30 Jahre später, klingt das wie Schnee von gestern. Doch das Thema ist geblieben. Nicht umsonst ist dieser Vers das biblische Motto der neuen Kalenderwoche. Die Frage der Lastenverteilung zwischen uns Menschen ist aktueller denn je. Mit dem Satz aus einem neutestamentlichen Brief des Paulus ist eine Grundfrage für das zivile Miteinander angesprochen, das zeitlos ist. Die viel beklagte soziale Kälte der modernen Gesellschaft wird dort wahrnehmbar durchbrochen, wo Lasten gegenseitig übernommen werden. Wir erleben das als menschlich und atmen auf.

Der Satz verändert die Blickrichtung auf das Leben. Nicht ich und mein Fortkommen, sondern das Miteinander in den Blick zu nehmen, ist die Kunst der Menschlichkeit. Keiner von uns kann ohne andere leben.

Die freundliche Geste, die Zeit zum Zuhören, die übernommene kleine Hilfeleistung beim Gang über die Straße, der freigemachte Sitzplatz in der vollen Straßenbahn, das Zupacken am Kinderwagen, wenn Stufen den Weg versperren - es gibt ungezählte Möglichkeiten, diesen Satz mit Leben zu erfüllen.

Und das wird gelebt. Ich weiß, wovon ich rede. In den vielen sozialen Einrichtungen allein in unserer Region engagieren sich motivierte Menschen, um die Lasten anderer zu tragen. Ob Menschen diesen biblischen Satz kennen oder nicht, sie erfüllen damit seinen Sinn und damit das "Gesetz Christi". Sie gestalten unter uns Gottes Barmherzigkeit.