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Die Idee vom letzten Holzhaus macht Mut

Detlef Zernick führt seinen blauen Sarg vor, auf den er noch Fische drucken will.
Detlef Zernick führt seinen blauen Sarg vor, auf den er noch Fische drucken will. FOTO: Christian Ostwald
Cottbus. Noch immer gehört der Tod zu den großen Tabu-Themen unserer Gesellschaft. Der kollektiven Verdrängung zum Trotz bereiten sich drei Cottbuser schon jetzt auf das Unvermeidliche vor – indem sie ihren eigenen Sarg zimmern. Christian Ostwald

Mitten im Wald, auf einem abgelegenen Grundstück zwischen Sielow und Döbbrick, treffen sich Bernd Kindermann, Detlef Zernick und Jürgen Schlicker regelmäßig zu ihrer Sargbau-AG. Dahinter verbirgt sich ein Projekt der Berlin-Brandenburger Väterinitiative, das seinen Teilnehmern seit zwei Jahren die Gelegenheit bietet, sich theoretisch wie praktisch mit ihrer Sterblichkeit auseinanderzusetzen.

Über ein Jahr habe es gedauert, bis sie endlich bereit waren, tatsächlich Hand anzulegen, erzählen sie. Immer wieder hatten sie die Arbeiten an ihren Särgen aufgeschoben und sich dem Thema zunächst theoretisch angenähert, etwa durch den Besuch des Cottbuser Krematoriums und durch eine Fahrt zum Museum für Sepulkralkultur in Kassel.

"Am Anfang haben wir noch rumgeflachst", erinnert sich Bernd Kindermann, aber irgendwann sei das "Muffensausen" gekommen, spätestens als es darum ging, "mal Probe zu liegen". Das Zimmern geht dem 54-jährigen Holzgestalter leicht von der Hand, schwierig sei, "was sich im Kopf abspielt", so Kindermann. Ängste. Ungewissheit. Gedanken über das Sterben, den Ablauf der Beisetzung.

Wann wird es soweit sein? Und was kommt danach? Was passiert mit Körper und Seele?

Genau dieser mentale Prozess sei das Ziel des Projektes, wie Initiator Jürgen Schlicker betont, eine "Auseinandersetzung mit sich selbst". Inzwischen habe sich der 55-Jährige mit dem Gedanken an seinen eigenen Tod "versöhnt", nicht zuletzt, weil er sich seinen Sarg ganz nach eigenen Vorstellungen und nach dem Ebenbild seines Hauses bauen könne. "Schlicht und einfach" soll er sein, "mein letztes Holzhaus". Eine Vorstellung, die ihm Mut macht.

Ähnliches empfindet auch Detlef Zernick, wenn er seinen ganz in Blau gehaltenen Sarg betrachtet. "Wenn man sich bewusst wird, dass man stirbt, gewinnt man etwas fürs Leben", resümiert er. So habe sich im Laufe der Zeit vor allem die Wahrnehmung des 50-jährigen Klempners und Installateurs geändert: Sein Blick auf die Natur und die Dinge, die ihm wichtig sind. Und die Erkenntnis, wie wertvoll die Zeit ist, die ihm noch bleibt.

Dass sie mit ihrem Projekt in ihren Familien und ihrem Bekanntenkreis bisweilen auf Unverständnis stoßen, nehmen sie in Kauf. Schließlich würden auch ihre Angehörigen davon profitieren. Denn viele Angelegenheiten, mit denen sich Hinterbliebene im Vorfeld einer Bestattung für gewöhnlich auseinandersetzen müssen, haben sie ihren Verwandten bereits abgenommen.

Eine Frage stellt sich aber dennoch: Wohin mit dem Sarg, bis es soweit ist? Jürgen Schlicker hat sich für eine pragmatische Lösung entschieden. "Der Sarg kommt auf die Terrasse. Als Sitzbank oder als Aufbewahrungskiste für die Auflagen der Stühle." Detlef Zernick ist sich hingegen noch unschlüssig: "Vielleicht hänge ich ihn unter das Dach der Garage. Direkt neben das Surfbrett."

Thematisch würde das passen. Denn das Blau seines Sarges symbolisiert Wasser, das er per Kartoffeldruck noch mit "unzählbar vielen Fischen" versehen will, die entgegengesetzt zur Leserichtung nach links schwimmen. "Zurück", wie er sagt. Als Zeichen der Heimkehr.