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| 10:11 Uhr

Naziverbrechen
Erschütternde Post vom Amt

Renate und Karl Homer haben Post vom Bundesamt für offene Vermögensfragen bekommen. Die Jewish Claims Conference fordert die Herausgabe des Grundstücks. Nun wollen die Homers klagen.
Renate und Karl Homer haben Post vom Bundesamt für offene Vermögensfragen bekommen. Die Jewish Claims Conference fordert die Herausgabe des Grundstücks. Nun wollen die Homers klagen. FOTO: dpa / Michael Helbig
Cottbus. Die Homers bangen um ihr Grundstück. Einst hatten dort die Nazis Juden verjagt. Von Daniel Schauff

Dass es so kommen würde, war Karl Homer klar. Trotzdem: Das Unverständnis ist bei dem 79-Jährigen groß. Vor knapp zwei Wochen bekam er das Schreiben vom Bundesamt für offene Vermögensfragen. Homer soll sein Grundstück an die Jewish Claims Conference (JCC) zurückgeben – und das, obwohl er und seine Frau seit Mitte der 70er-Jahre in dem Haus in dem Cottbuser Ortsteil Groß Gaglow leben. Homers Vater war Ende der 1930er-Jahre aus Süddeutschland nach Cottbus gekommen, hatte eine Parzelle in der Siedlung von der Gemeinnützigen Siedlungs- und Treuhandgesellschaft gekauft, wenig später auch eine zweite gleich neben seinem Grundstück. Dort steht nun das Haus der Homers. Aber nicht rechtmäßig, argumentiert die JCC.

Anfang der 30er-Jahre hatte die Jüdische Landarbeit GmbH aus dem einstigen Rittergut in Groß Gaglow 29 Siedlerparzellen gemacht. Das Ziel: Mit Landwirtschaft und Obstbau sollten sich jüdische Familien neue Existenzen aufbauen. Dann kamen die Nationalsozialisten, die Anfeindungen, schließlich die Vertreibung der jüdischen Siedler – noch bevor sie sich als Parzelleneigentümer ins Grundbuch eintragen lassen konnten. Die verlassenen Flächen gingen an die Gemeinnützige Siedlungs- und Treuhandgesellschaft, von ihr kaufte Homer senior auch das Grundstück, auf dem Homer nun wohnt.

Familie Homer ist nicht die einzige Familie, die in Groß Gaglow betroffen ist – das Bundesamt hatte angekündigt, dass vermutlich insgesamt drei Grundstücke in Groß Gaglow herauszugeben sein werden. Zwei weitere Groß Gaglower Grundstücksbesitzer warten noch auf die Post vom Bundesamt. Ortsvorsteher Dieter Schulz hat einen Brief an den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Innenminister Horst Seehofer geschrieben – den zweiten bereits. „Wenn hier in Jahren der Naziherrschaft gegenüber den jüdischen Eigentümern Unrecht geschehen ist, dann muss aus unserer Sicht die Bundesrepublik für die Entschädigung aufkommen“, heißt es in dem Schreiben. Eine Antwort hat Schulz noch nicht bekommen. Auch sein Haus steht dort, wo einst die Juden gesiedelt hatten. Da Schulz das Haus aber erst in den 1990er-Jahren gekauft hat, wird er nicht zur Herausgabe des Grundstücks gezwungen werden. Anders sieht es aus bei Grundstückskäufen vor 1945.

Die Homers werden gegen den Bescheid klagen. Das kündigt Karl Homer an. „Sonst stehe ich ja morgen im Regen auf der Straße“, sagt er. Erst jetzt kann Homer rechtliche Schritte gehen. Bevor er den endgültigen Bescheid in den Händen hatte, war das noch nicht möglich. Homer hat mit dem Rückgabebescheid Ansprüche auf eine Entschädigung für die Wertsteigerung seiner Immobilie. In Anspruch nehmen will er die ohne juristischen Kampf aber nicht. Karl und Renate Homer wohnen seit Jahrzehnten in der Siedlung, für Karl Homer steckt ein großes Stück Kindheit in dem Teil von Groß Gaglow. Auch er betont: Was in den 30er-Jahren den Juden in der Siedlung angetan wurde, sei schrecklich, weder er noch sein Vater aber seien dafür verantwortlich.  

Das Gerichtsverfahren, sagt Dieter Schulz, wird den Homers Zeit verschaffen. „Das wird sich über Jahre hinziehen“, sagt der Ortsvorsteher kritisch. Die Unsicherheit, was mit ihren Häusern und Grundstücken geschieht, habe die Betroffenen – der älteste ist 88 Jahre alt – bereits jetzt gesundheitlich stark mitgenommen. Auch Homer betont: Er könne sich Schöneres vorstellen, als sich in seinem Alter noch einmal ein Gerichtsverfahren anzutun. Ein Gerichtsverfahren, in dem es um nicht weniger geht als das Zuhause der Homers.