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| 15:45 Uhr

Cottbus früher und heute
Die Geschichte eines revolutionären Bauprojekts

FOTO: Heute: Dora Liersch - Damals: Sammlung Hans Kraus
Cottbus. Die Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte der „Eigenen Scholle“ – basierend auf Ansichtskarten, die aus der Sammlung von Hans Krause stammen.

Der Cottbuser Stadtbaurat Boldt schreibt in dem Buch „Deutschlands Städtebau, Cottbus, herausgegeben vom Magistrat der Stadt Cottbus“, erschienen im Jahre 1923 über die Siedlungspolitik: „Für Cottbus bedeutet der Siedlungsgedanke, dessen großer volkswirtschaftlicher und sozialer Wert allgemein erst nach dem Kriege erkannt worden ist, nichts Neues. Schon aus dem Jahre 1912/13 finden sich hierfür bemerkenswerte Ansätze in einer Siedlung der Eigenen Scholle im nördlichen Stadtteil, bei der 66 Grundstücke von je 0,5 Morgen Größe (1250 Quadratmeter) mit Einfamilienhäusern bebaut und als Rentengüter ausgegeben wurden. Nach dem Kriege wurde zunächst das Randgelände der Siedlung, das seinerzeit fiir eine intensive Bebauung ausgeschieden war, in ähnlicher Weise mit zweigeschossigen Doppel- und Gruppenhäusern besetzt; bei annähernd gleicher Flächengröße der Grundstücke. Der Archivar Robert Kalwa schreibt 1938 über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: „Es musste ein anderer Weg beschritten werden, um dem Kleinwohnungsbau einen stärkeren Anstoß zu geben. Dieser bot sich in Form einer Rentensiedlung, die von der im Jahre 1910 gegründeten Landgesellschaft „Eigene Scholle“ vom Jahre 1913 ab am Nordrande der Stadt durchgeführt worden ist.“

Oberbürgermeister Paul Wemer hatte es verstanden, mit der ihm eigenen Tatkraft und Umsicht, eine Anzahl sozial eingestellter Bürger und die städtischen Körperschaften für eine finanzielle Förderung der Absichten der „Eigenen Scholle“ zu gewinnen und diesem ersten größeren Siedlungswerk in Cottbus zum Leben zu verhelfen. Mit ihm ist die erste praktische Reformarbeit auf diesem Gebiet in Cottbus geleistet worden.“

Bei seiner Schaffung sind Gedanken verfolgt worden, die damals noch als neu galten und vielfach mit Misstrauen oder gar Feindschaft betrachtet wurden. Das Andenken des Gründers der Landgesellschaft „Eigene Scholle“, der Regierungspräsident Graf von Schwerin, Frankfurt(Oder) wird durch die Namensbezeichnung eines Straßenzuges am Südrande der Cottbuser Siedlung festgehalten. Nach 1945 durfte doch keine Straße mehr an einen Grafen erinnern und so wurde aus der Schwerinstraße die Kurt-Pavel-Straße, die heutige Goyatzer Straße.

FOTO: Heute: Dora Liersch - Damals: Sammlung Hans Krause

Die ersten Grundstücke für die die Landbaugesellschaft die Bauanträge stellte, waren im Juni 1912 die Nummern 34, 60, 58, 56, 36, 35, 33, 1, 62, 63, 64, 32, 57, 61 und 59. Die Bauten werden als Wohn- und Stallgebäude bezeichnet.

Ende August 1912 beantragt die Landbaugesellschaft die Einfriedung von 15 Wohnhäusern. Das Adressbuch von 1913 vermerkt zu den Grundstücken der „Eigenen Scholle“: Die Häuser sind zurzeit teils noch im Rohbau, teils fertig, aber noch nicht bewohnt. Bewohnt waren folgende Grundstücke: Nr. 1 Kombrenner Friedrich Michlitz, Nr. 34 Bäckermeister Ernst Lehmann, Nr. 56 (später 59) Zählerrevisor Felix Kraßmann, Nr. 60 Eisenbahnbeamter Gottlieb Sabbatz, Nr. 62 Schuhmachmeister Michael Jebramek, Nr. 63 Tuchmacher Wilhelm Bendrich. Gebaut wird noch Anfang der 1920er Jahre, andere stolze Eigenheimbesitzer bauen inzwischen schon um. Erst das Cottbuser Adressbuch von 1921/22 gibt einen Überblick über die Hauseigentümer.

FOTO: Heute: Dora Liersch - Damals: Sammlung Hans Krause