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| 17:13 Uhr

Geschichte
Auf der Flucht

Edgar Eisenkrätzer zeigt in dem ehemaligen Cottbuser Zuchthaus den Blitzableiter, an dem er bei der Flucht auf das Dach eines Werkstattgebäudes geklettert ist.
Edgar Eisenkrätzer zeigt in dem ehemaligen Cottbuser Zuchthaus den Blitzableiter, an dem er bei der Flucht auf das Dach eines Werkstattgebäudes geklettert ist. FOTO: LR / Daniel Steiger
Cottbus. Die unglaubliche Geschichte eines Cottbuser Gefängnisausbruchs Von Daniel Steiger

Es ist Ende Mai 1982. Edgar Eisenkrätzer – verurteilt zu drei Jahren Haft wegen eines Fluchtversuches aus der DDR – betritt zum ersten Mal den Boden der Strafvollzugsanstalt Cottbus. So wurde das mittlerweile als Menschenrechtszentrum zu besichtigende Zuchthaus mitten im Cottbuser Stadtgebiet offiziell bezeichnet. Eisenkrätzers erster Gedanke, als er aus dem Gefangenentransporter, der berühmt-berüchtigten „Grünen Minna“, entsteigt, ist: „Hier hau ich wieder ab.“ Zwischen dem ersten Fluchtgedanken und dem spektakulären Ausbruch am 15. Juni 1982 liegen nur wenige Tage.

Schon kurz nach der Ankunft beginnt der damals 22-Jährige, den Plan in die Tat umzusetzen. Schnell erkennt er, dass aus der Gemeinschaftszelle kein Entkommen ist. Unter den zwölf Häftlingen, die sich den Raum teilen, könnte ein Spitzel sein. Ein guter Freund aus alten Tagen, der ebenfalls in Cottbus einsitzt, gibt ihm den Tipp, sich in eine Arrestzelle „verlegen“ zu lassen. Dazu muss sich Eisen­krätzer unter großer Überwindung mit einer Feile den linken Unterarm aufschneiden. Er täuscht so einen Selbstmordversuch vor und kommt in die erhoffte Zelle. Doch beim ersten Betreten trifft ihn der Schlag. Noch im Gespräch mit der Rundschau erinnert sich Eisenkrätzer an den Anblick des doppelten Gitters vor dem Fenster. Der Raum ist eine Zelle in der Zelle. „Mein erster Gedanke war: Hier kommst Du nicht mehr raus.“

Doch wieder kommen ihm sein Häftlingsfreund und der Zufall zu Hilfe. Eisenkrätzer, damals wie heute ein Fan der glimmenden Zigarette, bekommt von seinem Kumpan eine Schachtel in die Zelle geworfen – von außen. Diese prallt jedoch vom inneren Gitter wieder ab und bleibt zwischen den beiden Barrieren – scheinbar unerreichbar für Eisenkrätzer – liegen. Während er sinnierend auf das Gitter starrt, bemerkt er, dass einer der Stäbe leicht versetzt zu den anderen angeordnet ist. Dadurch ergibt sich ein Spalt in der Vergitterung, durch die Eisenkrätzers Kopf passt. Und aus seiner Ausbildung bei der GST (Gesellschaft für Sport und Technik, eine ehemalige vormilitärische Massenorganisation der DDR) hat er gelernt, dass da, wo der Kopf durchpasst, der Körper folgen kann, zumindest bei schmalen Menschen. Es klappt und Eisen­krätzer jubelt innerlich. Die erste Hürde ist überwunden. Beim nächtlichen verzweifelten Rütteln an der zweiten Vergitterung stellt er fest, dass einer der Stäbe am oberen Ende relativ locker im Mauerwerk steckt. Mit einem Stahllöffel und viel Geduld kratzt er den Mörtel um den Stab heraus. Mit gefärbter Zahnpasta und durchweichtem Toilettenpapier wurde die Arbeit jedes Mal wieder „verfugt“, sodass kein Verdacht entsteht.

Als Nächstes gilt es, den weiteren Fluchtweg über den Hof, einen mit Signaldraht versehenen Zaun, an bewaffneten Wachen, Hunden vorbei und über eine sechs Meter hohe Mauer zu planen. Außerdem müssen Gewohnheiten und Abläufe ausgekundschaftet werden. Eisenkrätzer: „Ich habe eine schnelle Auffassungsgabe und ein fotografisches Gedächtnis. Was ich einmal sehe, vergesse ich nie mehr.“

Die Lausitzer Rundschau berichtet übrigens am 24. Juni 1982 in diesen mageren Zeilen über die Geschichte.
Die Lausitzer Rundschau berichtet übrigens am 24. Juni 1982 in diesen mageren Zeilen über die Geschichte. FOTO: LR

Und wieder kommt ihm der Zufall zu Hilfe. Er entdeckt in der Tageszeitung „Junge Welt“ den Spielplan der Fußball-Weltmeisterschaft. Im Juni 1982 rollt der Ball, auch in der DDR wird mitgefiebert. Die Fußballbegeisterung macht auch vor Gefängniswärtnern nicht halt. Diesen Umstand nutzt Eisenkrätzer aus und legt seinen Fluchtzeitpunkt fest: Dienstag, der 15. Juni, um 22 Uhr. Der Countdown läuft. Doch einen Tag vor der geplanten Flucht gibt es eine neue Überraschung. Ein zweiter Häftling wird in die Arrestzelle gesperrt. Was nun? Eisenkrätzer weiß keinen Ausweg und weiht den Neuen ein. Der will mitkommen. Der Fluchtplan muss überarbeitet werden. Hilfsmittel werden besorgt, Arbeitshandschuhe, zwei dicke Jacken, Florena-Creme... Eisenkrätzer erinnert sich: „Das war alles unauffälliges Zeug, und je selbstverständlicher man das in seinen Schrank legte, desto unverdächtiger war es. Hauptsache, alles hatte seine schöne Ordnung.“

Dann ist es so weit. 22 Uhr. Die Spiele Ungarn gegen El Salvador und Peru gegen Kamerun werden in Spanien gerade angepfiffen und Edgar Eisenkrätzer und sein Mithäftling legen los. Eisenkrätzer zwängt sich durch das erste Fenstergitter, sein etwas dickerer Kumpan schmiert sich nackt mit der Florena-Creme ein und kriecht hinterher. Beim zweiten Gitter legen sie das obere Ende eines Stabes frei, und nun kommen Eisenkrätzer wieder seine GST-Kenntnisse zugute. Durch einen kräftigen Nadelstich in den Oberarm und den daraus resultierenden Adrenalin-Einschuss entwickelt der Flüchtende solche Kräfte, dass er den Stab nach unten biegen und beide aus der Zelle klettern können. Über einen zwei Meter hohen inneren Zaun und an Videokameras vorbei geht es mithilfe der Handschuhe einen mit Stacheldraht umwickelten Blitzableiter hoch auf ein Werkstattgebäude. Von hier müssen die beiden Männer auf die Gefängnismauer springen. Diese steht vier Meter von dem Gebäudedach entfernt und ist oben mit Glasscherben gespickt. Doch Eisenkrätzer hat auch dafür einen Plan. Jetzt kommen die dicken Jacken zum Einsatz. Mit den Armen voraus, springen die beiden Männer an die Mauer. Diese ist oben abgerundet. Bevor sie abrutschen und herunterfallen können, verhaken sich die Jacken an den Glasscherben und die beiden Gefangenen bleiben quasi oben kleben und können nahezu unverletzt auf den Laufweg auf der Mauer klettern. Von da aus geht es in den verlassenen Wachturm. Eisenkrätzer vermutet, dass der Wärter zum Fußball-Gucken bei einem seiner Kollegen ist. Er hat neben seinem geladenen Maschinengewehr auch seine Stullenbüchse samt Thermoskanne mit Kaffee zurückgelassen. Die Stulle und der Kaffee flüchten mit, das Gewehr bleibt – unbrauchbar gemacht – zurück. Eisenkrätzer: „Das durfte ich übrigens später noch bezahlen.“

Jetzt trennt die beiden Häftlinge nur noch ein Sprung aus mehr als sechs Metern von der Freiheit. „Diesen übersteht aber ohne die richtige Landetechnik niemand unverletzt“, weiß Eisenkrätzer, der in Jugendjahren einmal Fallschirmjäger bei den DDR-Streitkräften werden wollte. So haben er und sein Kumpan noch in der Nacht vor dem Fluchtversuch den Sprung und die richtige Landung heimlich in der Zelle geübt. Sprung, Landung, abrollen, Sprung, Landung, abrollen ... Erst vom Stuhl, dann auch von Tisch, Bett und Schrank. Nun also der Wachturm. Der Sprung gelingt und die beiden sind frei. Niemand hatte etwas bemerkt. Im Bericht der DDR-Staatssicherheit vom 22. Juli 1982 steht vermerkt: „Unverständlich ist auch die Tatsache, daß die Eilfahndungsstufe 1 für den Bezirk Cottbus (…) erst am 16. 6. 1982, 01.20 Uhr, ausgelöst wurde (Zeitpunkt des Ausbruchs 23.30 Uhr).“ Laut Eisenkrätzer wurde der Fluchtzeitpunkt in den Berichten gefälscht, um die Wachen des Gefängnisses nicht noch mehr zu blamieren.

Doch jetzt beginnt der wohl schwere Teil der Flucht. Alles, was jenseits der Gefängnismauern liegt, ist Neuland für die beiden Männer. Nichts kann ausgekundschaftet und geplant werden. Helfer gibt es keine. So brechen die beiden noch in der gleichen Nacht am Madlower Badesee in Cottbus in den dortigen Kiosk ein und machen reichlich Beute. Sie lassen Zigaretten, Getränke, Süßigkeiten und unglaubliche 1600 Ostmark aus einer Geldkassette mitgehen. Die Männer wollen nach Leipzig, erstmal in der Großstadt untertauchen, um später in den Westen abzuhauen. Sie verstecken sich in Scheunen, Ställen oder im Wald, sind meist nachts unterwegs. Eisenkrätzer erweist sich auch hier als Überlebensexperte. Er baut Verstecke in Strohlagern, legt falsche Fährten, belauscht Polizisten heimlich nach den Fahndungsmaßnahmen, erfährt sogar die Parole, um einmal einen Sperrposten der Ringfahndung unerkannt passieren zu können. Eisenkrätzer: „Später habe ich erfahren, dass die Stasi 4500 Mann mobilisiert und eine komplette Hubschrauberstaffel mit der Suche beauftragt hat.“ In der Zivilbevölkerung wird gestreut, dass ein Doppelmörder und ein Vergewaltiger auf der Flucht sind. Niemand soll den beiden helfen.

Sechs Tage dauert die Flucht. In der Nähe von Sonnewalde bei Finsterwalde im heutigen Elbe-Elster-Kreis wird dem mittlerweile allein flüchtenden Eisenkrätzer (er wurde von seinem Kumpan getrennt) am 21. Juni seine Liebe zum Fußball zum Verhängnis.  Auf einem gestohlenen Fahrrad wird ein einfacher Volkspolizist auf ihn aufmerksam. Ein Mann, ein Fahrrad, ein Kofferradio, aus dem ein Fußballspiel dröhnt? Der Polizist erkennt Eisenkrätzer und zieht seine Pistole. Die Flucht ist vorbei. Eisenkrätzers Kumpan ist schon vorher geschnappt worden.

Diese Strecke legten die beiden Ausbrecher - vor allem nachts - zurück.
Diese Strecke legten die beiden Ausbrecher - vor allem nachts - zurück. FOTO: LR / Elisabeth Wrobel

Edgar Eisenkrätzer durchlebt nach seiner Rückkehr in Cottbus ein siebenwöchiges Martyrium mit seelischen und körperlichen Grausamkeiten. Anschließend bekommt er wegen des Gefängnisausbruchs weitere viereinhalb Jahr Knast aufgebrummt und sitzt diese größtenteils in Brandenburg ab. Ein dort geplanter Fluchtversuch, scheitert wegen Verrats. Lange konnte der mittlerweile 58-Jährige nicht über seine Erfahrungen im Knast, die seelischen und körperlichen Grausamkeiten der Wächter, die Demütigungen sprechen. Jetzt hat er seine Erlebnisse in einem Buch festgehalten. In „Der Wunsch nach Freiheit“ erzählt er aus seinem Leben, belegt viele Schilderungen mit historischen Akten, Bildern etc. Im kommenden Jahr soll sein Leben verfilmt werden. Laut Eisenkrätzer ist ein namhafter Regisseur beteiligt. Auch der Titel stehe schon fest: „Sympathie for the devil“ – nach einem Song seiner Lieblingsband Rolling Stones.

„Das war wirklich einmalig“, sagt Jennifer Rietz, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Menschenrechtszentrums, in Bezug auf Eisenkrätzers Ausbruchsgeschichte. Man kenne zwar Berichte über mehrere Fluchten aus der Cottbuser Haftanstalt aus der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg oder den Fall von Wolfgang D., der sich 1975 mit Hilfe von Mithäftlingen in einem Lieferwagen versteckte und so für kurze Zeit dem Gefängnis entkam, aber der 1982er Ausbruch habe nichts Vergleichbares in der Geschichte des Gefängnisses.

 Edgar Eisenkrätzer lebt heute in Berlin. Zu seinem Fluchtkumpan hat er keinen Kontakt.

Edgar Eisenkrätzer vor dem Fenster seiner Fluchtzelle mit der Nummer 129. Noch heute sieht man den Stein, den er freilegte, um einen Stab des äußeren Gitters zu lockern. Die  Vergitterung aus dem Jahr 1982 wurde später ersetzt.
Edgar Eisenkrätzer vor dem Fenster seiner Fluchtzelle mit der Nummer 129. Noch heute sieht man den Stein, den er freilegte, um einen Stab des äußeren Gitters zu lockern. Die Vergitterung aus dem Jahr 1982 wurde später ersetzt. FOTO: LR / Daniel Steiger