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| 16:40 Uhr

Heimatkunde
Eine spurlos verschwundene Schönheit

FOTO: Heute: Dora und Heinrich Liersch - Damals: Sammlung Hans Krause
Cottbus. Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte vom Wernersteg, basierend auf einer Ansichtskarte, die aus der Sammlung von Hans Krause stammt.

Es gibt viele alte Ansichtspostkarten vom Wernersteg, fast immer von der östlichen Uferseite der Spree und oberhalb des Wasserdurchflusses. Die heute vorgestellte Karte zeigt uns eine Ansicht, die unterhalb, also nachdem die Spree bereits unter dem Steg hindurch geflossen ist. Für eine Vergleichsaufnahme müsste der Fotograf also heute auf dem Gelände des Stadions der Freundschaft, des Fußballplatzes von Energie Cottbus stehen. Doch ein Vergleichsfoto ist dennoch nicht möglich. Es gibt diesen Steg nicht mehr, außerdem überspannt der Stadtring mit seiner breiten Brücke fast genau an gleicher Stelle die Spree. Ferner sind die Spreeufer inzwischen mit vielen Erlen zugewachsen. Also erinnern wir uns an die schönste Holzbrücke, die es einst in Cottbus gegeben hat. Schon lange bestand der Wunsch, eine Fußgängergängerbrücke über die Spree als Verbindung zwischen der Spremberger Vorstadt zum Branitzer Außenpark zu schaffen. Eine Spende des Tuchfabrikanten Max Grünebaum in Höhe von 3000 Mark lag im Jahre 1911 bereit. So konnte an die Planung gedacht werden. Im „Cottbuser Anzeiger“ Nr. 265, Anfang November 1912 wurde die Brücke als Strichzeichnung und mit Text vorgestellt. Darin heißt es: „Die gesamte Brücke ist aus Holz gebaut. Sie überspannt eine begehbare Breite von 2 Metern eine Länge von 50 Metern. Das Bauwerk besteht aus zwei niedrigen nach dem Mittelbau zu leicht ansteigenden Seitenteilen und einem überdeckten höheren Mittelbau. Die Konstruktion ruht auf sieben Jochen, wovon die drei mittelsten auf je fünf Rundpfählen und die seitlichen vier auf je drei Pfählen zirka 5 Meter tief gegründet sind. Zum Schutze gegen Eismassen sind den mittleren vier Jochen besondere Eisbrecher vorgelagert. Die einzelnen Joche sind untereinander mit verdübelten Balken verbunden, auf denen der Gehbohlenbelag liegt. Der hochgelegene mittlere Teil ist mit heimischem Roggosch (Schilfstengel) eingedeckt. Das gesamte Holzwerk wurde mit dunkelbrauner schwedischer Holzfarbe gestrichen. Durch diesen Farbton und die anheimelnde Roggoscheindeckung erhält der Bau ein schlichtes, an alte Wendendörfer erinnerndes Aussehen und fügt sich harmonisch in das Gesamtbild der Landschaft ein.“ Diese wunderschöne und einmalige Brücke erhielt den Familiennamen des Cottbuser Oberbürgermeisters Paul Werner „Wernersteg“ und war Anfang November 1912 für den Fußgängerverkehr frei gegeben worden. Höhenunterschiede der jeweiligen Ufergelände wurden durch Holzstufen vor dem Betreten des Steges ausgeglichen. Dieser Steg hielt den Sommerhochwassern Ende der 1920er Jahre und auch später stand. Erst zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Steg durch Brandstiftung zerstört. Eine schlichte Holzbrücke, aber ohne die schilfgedeckte Stegmitte wurde bald danach errichtet. Sie war jedoch für den Besucherstrom zum Pressefest der Lausitzer Rundschau auf dem heutigen Spreeauengelände nicht gewachsen. Man errichtete zur Entlastung des Wernersteges wenige Meter stromauf eine Pontonbrücke. Das war aber nur eine vorübergehende Lösung. Im Jahre 1960 wurde dann eine stabile Stahlbetonfertigteilbrücke als Wernersteg errichtet. Inzwischen erfolgte die Planung einer Umgehungsstraße, seinerzeit Südosttangente bezeichnet. Der Verlauf beeinträchtigte den Wernersteg. Er wurde ganz einfach in seinem westlichen Teil abgerissen und durch eine abgewinkelte Holzkonstruktion ersetzt, damit Baufreiheit für die Stadtringbrücke entstehen konnte (1974). Als Cottbus 1993 den Zuschlag für die Bundesgartenschau 1995 bekam und man die Fläche für die BUGA festgelegt hatte, mochte man den Besuchern nicht den abgeknickten Wernerstegrest zumuten. Fußgänger konnten zum Überqueren der Spree die Stadtringbrücke nutzen. Deshalb beseitigte man den Wernersteg ganz. Doch noch kurz vor der BUGA wurde noch ein sehr schöner Holzsteg als Wernersteg neu gebaut, der zur Eröffnung im April 1995 eingeweiht werden konnte. Leider war dem Bauwerk kein langes Leben bestimmt. Wegen diverser Hochwasser- und anderer Schäden wurde der Wernersteg 2010 gesperrt und später abgerissen. Ein Ersatzbau ist nicht mehr geplant.