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| 18:06 Uhr

Stadtgeschichte
Die Geschichte der Webschule

Das imposante Gebäude der Webschule prägte das Stadtbild schon früh. Sie beherbergte die Preußische Höhere Fachschule für Textilindustrie
Das imposante Gebäude der Webschule prägte das Stadtbild schon früh. Sie beherbergte die Preußische Höhere Fachschule für Textilindustrie FOTO: Sammlung Hans Krause
Cottbus . Stadthistorikerin Dora Liersch erzählt die Geschichte der Webschule anhand einer Postkarte aus der Sammlung von Hans Krause.

Am 1. Oktober 1933 feierte die Preußische Höhere Fachschule für Textilindustrie zu Cottbus ihr 50-jähriges Bestehen. Dieses Datum bezog sich nicht auf ein Schulgebäude, sondern auf die Gründung einer solchen Schule. Natürlich denken wir heute bei dem Namen „Webschule“ speziell an ein Schulgebäude, das in der rückbenannten Webschulallee steht. Dieses Haus wurde von der Stadt Cottbus in den Jahren 1897/1898 an dem damaligen Saspower Weg erbaut und Anfang Juni 1898 feierlich eingeweiht. In der Festrede des Cottbuser Oberbürgermeisters, die im Cottbuser Anzeiger vom 5. Juni 1898 veröffentlicht wurde, erfährt man unter anderem etwas zur Vorgeschichte dieser Schule: „Im Eingang unserer Webschule lesen Sie den Spruch“ Der Weber Dir bereit‘ Windel und Sterbekleid.´ Die Webeindustrie begleitet noch mehr als die Nahrungsindustrie den Menschen von der Wiege bis zum Grabe, sie giebt ihm die erste und die letzte Körperhülle. In Cottbus ist das Gewerk uralt, zum Theil soll es zurückzufuhren sein aufNiederländer, welche der Große Kurfürst ansiedelte. Zunächst herrschte naturgemäß Handbetrieb, dann wurden die Wasserkräfte dienstbar gemacht, vom Jahre 1850 an brachte die Dampfkraft gewaltigen Aufschwung. Im Jahre 1876 sprach die Handelskammer aus, daß man bei der Arbeitstheilung der Industrie tüchtige Lehrlinge nur noch von einer Fachschule erwarten könne. Seit dem begannen die Bestrebungen nach Gründung einer Schule. Seit dem Jahre 1879 wurden mit der Staatsregierung Verhandlungen; und zwar beiderseits mit größter Gründlichkeit, geführt. Als diese zunächst scheiterten, vereinigten sich die hiesigen Fabrikanten mit der Tuchmacher-Innung zur Selbsthilfe und gründeten am 1. Oktober 1883 eine Privatschule, welche zunächst in einem Miethlokal, sodann in dem von der Stadt hergerichtetem und zur Verfügung gestelltem ehemaligen Mehlmagazin Unterkunft fand ... Die Schule war das Kind der Industrie, beide gingen Hand in Hand und von beiden ging ein Geist der Kraft und des Muthes aus, der dem Ganzen volles Gedeihen sicherte ... Am 1. April 1895 wurde die Anstalt vom Staate und der Gemeinde übernommen, am 1. April 1896 wurde sie zur höheren Schule erhoben, sofort wurde zur Ausarbeitung der Baupläne geschritten und nun steht die neue Anstalt fertig vor Ihren Augen. Den Bau hat die Stadt, die Lehrmittel der Staat gespendet, die Unterhaltung bestreiten nach einem besonders geordnetem Verhältnis Staat und Gemeinde etwa zu gleichen Theilen.“

Die Beschreibung des Neubaus hatte der Cottbuser Anzeiger bereits einen Tag zuvor veröffentlicht. Die städtische Bauverwaltung unter der Leitung des Stadtbaurats Bachsmann, der bauleitende Architekt, Herr Blanke, der Maurermeister Brößke, weitere Handwerksmeister, die an dem Bau beteiligt waren, Regierungsvertreter, Stadtverordnete, Fabrikanten und viele Gäste nahmen an der Festveranstaltung teil. Allerdings waren nur Herren anwesend. Man hatte vergessen, auch Damen dazu einzuladen. In den folgenden Jahren konnten zu den bestehenden Abteilungen (Weberei, Färberei, Appretur und Stopfschule), weitere hinzu gefügt werden wie fur Dessinateure, eine Konditionieranstalt, Warenprüfungsanstalt.

Im Jahre 1910 gründete sich der Cottbuser Webschulverein, der die Aufgabe übernahm, als Förderverein die Belange der Schule zu unterstützen. Erst 1913 war es möglich eine Abteilung für Spinnerei anzugliedern. Größere bauliche Veränderungen, Anbauten, erfolgten in den Jahren 1927/1928. Damit wurde die Schule eine Vollanstalt. Neben dem theoretischen Unterricht bestand eine vollständige Textilfabrik für die Lehre in der Praxis zur Verfügung. Luftbildaufnahmen zeigen die Größe der Fabrikanlagen, die zur Schule gehören. Der letzte Neubau, der zur Webschule gehörte, war das Direktorenhaus an der Ecke zur Schlachthofstraße. Unterrichtet wurde in Tages- und Abendkursen in allen Fächern, die im Textilgewerbe vorkamen und benötigt wurden, dazu natürlich auch Meisterkurse, Buchführungs- und sogar Heizerkurse. Nach 1945 bestand zunächst die Webschule als Textilingenieurschule weiter. Später wurde diese nach Forst verlegt, die Gebäude in Cottbus anderer Nutzung zugeführt. Viele Jahre war die Bezirksbehörde der Volkspolizei in der Helmut-Just-Allee, wie die Webschulallee inzwischen hieß, untergebracht. Die Polizei ist zum Teil auch heute noch (2018) auf dem Webschulgrundstück präsent. Leider kam es in den frühen Morgenstunden des 30. Dezember 2011 zu einem Dachstuhlbrand des ehemaligen Schulgebäudes der Webschule. Die Löscharbeiten gestalteten sich schwierig, da es an den Tagen zuvor reichlich geschneit hatte und eisige Kälte herrschte. Es wurde der komplette Dachstuhl zerstört und was besonders bedauernswert ist, auch der fast komplette Giebelaufsatz der Vorderfront des Hauses war aus Sicherheitsgründen nach dem Brand entfernt worden. Dieser war ein besonderes Schmuckstück des Schulgebäudes. Das Gebäude ist zur Sicherung mit einem Notdach, einem Flachdach, gedeckt, auf dem in diesen Tagen, nach Anbringung eines Schutzgeländers, wieder gearbeitet wird.

Die Zukunft der Webschule ist noch immer ungewiss. BTU-Studenten haben sich mehrfach mit dem brandgeschädigten Bau beschäftigt .
Die Zukunft der Webschule ist noch immer ungewiss. BTU-Studenten haben sich mehrfach mit dem brandgeschädigten Bau beschäftigt . FOTO: Liersch Dora und Heinrich / Dora und Heinrich Liersch
Das imposante Gebäude der Webschule prägte das Stadtbild schon früh. Sie beherbergte die Preußische Höhere Fachschule für Textilindustrie.
Das imposante Gebäude der Webschule prägte das Stadtbild schon früh. Sie beherbergte die Preußische Höhere Fachschule für Textilindustrie. FOTO: Sammlung Hans Krause
Cottbus Früher Heute Cottbus - Höhere Webschule. Foto: Dora Liersch
Cottbus Früher Heute Cottbus - Höhere Webschule. Foto: Dora Liersch FOTO: Liersch Dora und Heinrich / Dora und Heinrich Liersch