Hildegard Wenzel ist als Tochter des Cottbuser Glasermeisters Fritz Suckert geboren und lebt seit vielen Jahren in Burg. Dort kennt man sie noch gut als frühere Sekretärin im Gemeindeamt. Mit wie viel Energie die heute 92-Jährige trotz gesundheitlichen Handicaps ihr Leben angeht, ringt Achtung ab. Mit 80 Jahren hat Hildegard Wenzel mit dem Keyboardspiel begonnen, mit 90 hat sie angefangen zu malen. Ihre Motive findet sie im Spreewald und an der Ostsee, wo sie mit ihrem verstorbenen Mann und den drei Kindern oft und gern Urlaub gemacht hat.

Ihre Lebenslust und der Entschluss, die Schrecken des Krieges nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, gehören zusammen. Die Frau, die den roten Knopf gedrückt und damit in Cottbus Fliegeralarm ausgelöst hat, erinnert sich.

Von 1942 bis zum Herbst 1944 war Hildegard Wenzel beim Luftschutzwarndienst im Keller der Kaserne Dissenchen beschäftigt - dort wo sich heute die Justizvollzugsanstalt befindet. Sie schreibt darüber: "Je zehn Leute hatten immer eine Schicht. Zwölf Stunden Dienst, dann 24 Stunden frei . . . In der einen Abteilung trug man Kopfhörer, und vom Flugmeldedienst wurden die Flugzeuge gemeldet. Dies musste dann weitergeleitet werden. Im anderen Raum wurde eine Auswertung vorgenommen. Ich übernahm diese Arbeit. Ich stand an einer großen Planpause und steckte mit Nadeln die Flüge ein . . . Ich hatte nun die Aufgabe, bei Gefahr die wichtigsten Betriebe zu warnen . . . Dann drückte ich auf den Knopf und löste überall die Sirenen aus. . . .

Einmal schlug eine Bombe neben uns im Wald ein. Sie hatte solch eine Wucht, dass wir im Keller an die Wand gedrückt wurden. Unser Obersturmführer Krause meinte zu uns, dass es besser sei, wenn alle Mädels zu Hause blieben . . ."

Damit war im Herbst 1944 Hildegard Wenzels Zeit beim Luftschutzwarndienst beendet. Weiter schreibt sie: "Wir mussten jetzt öfter in den Keller und zitterten jedes Mal, ob wir wieder heil herauskommen konnten. Einmal schlug eine Bombe in das Stallgebäude ein, ein anderes Mal kam uns die Kellertür entgegengeflogen . . .

Meine Großeltern machten auch das gute Zimmer frei, räumten alles zusammen, und so konnten sie eine Mutter mit mehreren Kindern aufnehmen . . . Es waren circa 14 Tage vergangen und sie sagten: Ihr wart so gut zu uns, jetzt machen wir uns auf den Weg zu unseren Verwandten. Sie verabschiedeten sich herzlich und gingen zum Bahnhof. Es war der 15. Februar 1945. Eine halbe Stunde später war Fliegeralarm . . . Auf dem Bahnhof richtete ein explodierender Munitionszug verheerende Schäden an. Die Züge, die Bahnhofshalle und alle Gleise wurden zerstört. Und die bei uns einquartierte Mutter mit ihren Kindern - sie waren alle umgekommen."

Der 15. Februar war für die Familie das Signal, die Stadt zu verlassen. Sie kamen bei einer Bauersfrau in Burg unter. "Ich glaube, sie hieß Frau Dahlitz", erinnert sich Hildegard Wenzel vage aber voller Dankbarkeit. Den Anblick, der sich der Familie bei ihrer Rückkehr nach Cottbus bot, hat die 92-Jährige noch klar vor Augen. Es war "ein Bild der Verwüstung und Verzweiflung. Das Haus in der Bautzener Straße 1 war zum Teil zusammengebrochen. Der Laden, die Werkstatt, darüber ein Zimmer im ersten Stock und noch eins im zweiten Stock - alles kaputt."

Zum Thema:
Die NPD plant wiederum, den 15. Februar zu missbrauchen. Um Gesicht gegen Rechts zu zeigen, sind alle Cottbuser zu zwei Abholdemos eingeladen. Die Nordroute startet um 17 Uhr an der BTU, die Südroute am Sportlerdenkmal an der Dresdener Straße. Die Abschlusskundgebung von "Cottbus bekennt Farbe" beginnt 18 Uhr auf dem Schillerplatz. "Cottbus Nazifrei!" lädt 17.30 Uhr zur Bahnhofstraße/ Ecke Stadtring ein.