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| 17:05 Uhr

Kulturgenuss
Die etwas andere Mittagspause

Kirchenmusiker Peter Wingrich sitzt regelmäßig an der Orgel in der Oberkirche, freut sich dienstags über 40 bis 80 Zuhörer.
Kirchenmusiker Peter Wingrich sitzt regelmäßig an der Orgel in der Oberkirche, freut sich dienstags über 40 bis 80 Zuhörer. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus . In der Nikolaikirche spielen Peter Wingrich und seine Kollegen dienstags pünktlich um 12 Uhr Orgelmusik. Ein Ruhepol. Von Andrea Hilscher

Draußen auf dem Oberkirchplatz regieren Baustellenlärm und Staub, hektisch drängen sich Passanten auf schmalen Behelfswegen an dicken Kirchenmauern vorbei. Zwei Touristen halten plötzlich inne und lauschen: Denn kaum ist das 12-Uhr-Geläut der Turmglocken verhallt, erklingen Orgeltöne aus dem Kircheninneren. Neugierig treten die Touristen näher, freuen sich über die imposante Architektur und das kleine Überraschungskonzert.

Mit ihnen genießen knapp 50 Gäste die Mittagsmusik, die die Oberkirche jeden Dienstag allen spendiert, die Lust aufs Zuhören und auf eine ungewöhnliche Mittagspause haben. Peter Wingrich, seit 2013 Kirchenmusiker in der Oberkirche, tauscht dienstags regelmäßig seine Straßenschuhe gegen spezielles Orgelschuhwerk. „Schließlich muss ich mit den Füßen ebenso spielen können wie mit den Händen“, sagt Wingrich lächelnd.

Heute hat er Preludien und Fugen von Bach ins Programm genommen, nach einer kurzen Andacht des Pfarrers wird er noch ein wenig Vivaldi spielen. Rund 30 Minuten dauert die kleine Mittagsmusik. Gerade genug, um sich zwischen Terminen und Alltagshektik etwas Muße zu gönnen und zur Ruhe zu kommen. „Die Orgel ist ein sehr spezielles Instrument, löst bei den Zuhörern starke Emotionen aus und erinnert sie häufig an besondere Momente oder Stimmungen“, sagt der Musiker.

Er selbst spielt an diesen Dienstagen gerne ältere Werke aus der Renaissance oder dem Frühbarock, manchmal lädt er auch seine Frau Anke Wingrich mit ihrer Geige hinzu, auch Flöten oder Trompete haben die Orgel schon begleitet. Ab und an spielen Gastmusiker aus dem Konservatorium, aus Peitz oder anderen Gemeinden, „denen steht natürlich frei, welche Stücke sie auswählen.“

Die „Worte zum Tag“ – kurze Gedanken oder Psalme – werden von Pfarrer Uwe Weise, Superintendentin Ulrike Menzel oder dem guten Geist der Kirche, von Dorothea Hallmann gesprochen. Heute ist es Uwe Weise, der, ganz passend zur Mittagszeit, über das Bedürfnis nach Ruhe spricht. Über hektische Zeiten, die schlaf- und ruhelos machen. „Schlaf ist eine Sache des Vertrauens“, sagt er, und bei seinen Zuhörern spürt man, dass diese Worte auf offene Ohren treffen – das Bedürfnis, loslassen und abschalten zu können, scheint groß zu sein. „Da sehnt man sich tatsächlich nach Hilfestellung“, geben Ursula und Wolfgang Tamm zu, die beiden Zufallsgäste der Mittagsmusik. Sie genießen die kleine Pause auf ihrem Stadtrundgang, freuen sich über die Musik wie über ein unverhofftes Geschenk.

Neben ihnen sitzen Stammgäste der Mittagsmusik. Mitglieder der Gemeinde und des Chores, Schüler des evangelischen Gymnasiums, einige Rentner, Mitarbeiter der nahen Rathauses und der umliegenden Geschäfte.

Noch bis Oktober bietet die Kirche ihre Mittagsmusik, von Erntedank bis Ostern ist Pause. „Dann wird es kühl und weniger gemütlich in der Kirche, außerdem ist die Vorweihnachtszeit voll mit anderen Terminen“, sagt Peter Wingrich. All jenen, die nur schwer auf ihre ungewöhnliche Mittagspause verzichten können, gibt Uwe Weise ein Ersatzprogramm ans Herz: „Einfach einen kleinen Mittagsschlaf einlegen.“