| 02:33 Uhr

Die ernste Seite des Karnevals

Cottbus. Die dicke Mappe ist fast schon zu einer Bibel für Jens Kalliske geworden: Der Vizepräsident vom Karneval Verband Lausitz (KVL) kennt sein über hundert Seiten starkes Sicherheitskonzept für den Zug der fröhlichen Leute aus dem Effeff. "Als ich angefangen habe, den Umzug zu organisieren, hatte das Papier acht Seiten. Andrea Hilscher

"Dann aber veränderte sich alles - der Karneval verlor seine Unschuld. Erst die folgenschwere Tragödie auf der Duisburger Loveparade, dann der Unfall 2011 beim Cottbuser Umzug: "Wir mussten völlig umdenken", so Matthias Schulze, Schatzmeister des KVL, einem Dachverband mit 5000 Mitgliedern. Ein ausgeklügeltes Sicherheitskonzept wurde gemeinsam mit Polizei, Feuerwehr, Stadtverwaltung und Sanitätsdiensten erarbeitet und dann ein, wie Kalliske sagt, "mehrjähriger Lernprozess in Gang gesetzt."

Als beim Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember zwölf Menschen ermordet wurden, war klar: In diesem Jahr müssen die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal verschärft werden.

Die Polizei reagierte prompt: Qualität und Quantität der Einsatzkräfte wurden erhöht, Spezialkräfte aus anderen Bundesländern angefordert. Sven Bogacz, Leiter der Polizeidirektion Süd: "Die Besucher des Umzuges werden sehen, dass mehr Uniformierte, zum Teil auch mit MPs, an der Strecke stehen." Zufahrten werden mit Containern gegen mögliche Amokfahrer abgeriegelt, Durchfahrten für Krankenfahrzeuge freigehalten. Bogacz: "Wir haben uns auf alle Formen terroristischer Angriffe eingestellt." Bomben, Schusswaffen, Messerangriffe - alles hätten Terroristen in den vergangenen Monaten in Europa benutzt. "Wir sichern die Strecke bestmöglich", so Bogacz. "Aber Einzeltaten sind nicht auszuschließen." Sollte es zu einem derartigen Angriff kommen, sei die Polizei strategisch so aufgestellt, dass blitzschnell reagiert werden kann.

Polizeisprecher Torsten Wendt: "Um für Besucher schnell ansprechbar zu sein, haben wir, wie im vergangenen Jahr auch, drei mobile Wachen aufgestellt." Diese stehen auf der Karl-Liebknecht-Straße in Höhe des Pit-Stops und von "Hallo Pizza" sowie vor dem "Hotel am Theater".

In enger Abstimmung mit der Polizei hat auch der KVL seine Anstrengungen in Sachen Sicherheit intensiviert.

Jürgen Sens vom Festkomitee des KVL: "Wir tun sehr viel, damit niemand Angst haben muss." Ordnungskräfte wurden gezielt auf die veränderte Sicherheitslage hingewiesen. Erstmals mussten im Vorfeld alle Kraftfahrer des Zuges an die Organisatoren gemeldet werden. Jürgen Sens: "Wir kontrollieren dann vor Abfahrt der Festwagen, ob auch tatsächlich der avisierte Fahrer am Steuer sitzt." Eine 360-Grad-Videoüberwachung soll ebenfalls für optimale Sicherheit sorgen.

Auf Matthias Schulze, Jens Kalliske und Jürgen Sens wartet ein anstrengender Tag. "Wir können erst durchatmen und fröhlich sein, wenn der Umzug friedlich geblieben ist, alle zufrieden sind und wir die Strecke ordentlich an die Stadt zurückgegeben haben.".