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| 07:11 Uhr

Schwieriges Zusammenwohnen
Kulturschock im Cottbuser Hochhaus

 In der Heinrich-Mann-Straße in Sachsendorf gibt es öfter Probleme zwischen Flüchtlingen und Alteingesessenen.
In der Heinrich-Mann-Straße in Sachsendorf gibt es öfter Probleme zwischen Flüchtlingen und Alteingesessenen. FOTO: LR / Peggy Kompalla
Cottbus. Die Cottbuser GWC hat mehr als 1000 Flüchtlingen eine Wohnung gegeben. Nicht immer funktioniert das Zusammenleben. In der Stadt gibt es drei Problemschwerpunkte. Einer ist die Heinrich-Mann-Straße. Von Peggy Kompalla

Edelgard Zippel gehört zu den wenigen echten Alteingesessenen der Heinrich-Mann-Straße. Sie erinnert sich noch genau, als sie 1982 in den frisch hochgezogenen Neubaublock in Sachsendorf einzog. Eine Freude sei das gewesen: Fahrstuhl, modernes Bad, Heizung. Kein Vergleich zu den vernachlässigten Altbauten, von denen die Dachziegel auf den Gehweg fielen. Seit 37 Jahren sei sie gern Mieterin in dem Zehngeschosser. Doch neue Nachbarn aus dem Balkan und dem Nahen Osten machten ihr, so erzählt sie es, das Leben auf die alten Tage schwer.

Die Gebäudewirtschaft Cottbus (GWC) hat in den vergangenen Jahren mehr als 1000 Flüchtlingen in ihren Häusern ein neues Zuhause gegeben. Probleme im Zusammenleben gebe es in den großen Wohnblöcken immer wieder – unabhängig von der Nationalität. Das betont Geschäftsführer Torsten Kunze. Die Heinrich-Mann-Straße in Sachsendorf sei einer von drei Problemschwerpunkten.

Protokoll der täglichen Verstöße gegen die Hausordnung

Die Nerven von Edelgard Zippel sind angespannt. Sie ist 80 Jahre alt. Das bedeutet aber nicht, dass sie alles hinnimmt. Sie wolle nur ihre Ruhe haben. Doch die könne sie nicht finden. Schuld daran seien die Nachbarn. Unter ihr lebt eine Familie vom Balkan, über ihr eine aus Syrien. Weder die Nacht- noch die Mittagszeiten würden die Familien einhalten. „Bis um 1 Uhr wird auf dem Balkon gequatscht und geraucht.“ Sie bekomme kaum Schlaf. Die Nachbarin von Gegenüber bestätigt das. Andrea Schultka und Edelgard Zippel sind seit Jahren ein vertrautes Team. Die Frauen unterstützen sich, haben sogar die Schlüssel der jeweils anderen. „Falls mal etwas sein sollte“, sagt Andrea Schultka.

Edelgard Zippel holt einen Stapel Zettel vom Wohnzimmertisch. Es ist ein Protokoll der Verstöße: Lärm, Rauch, Chemiegeruch, Grillen und stinkende Müllbeutel auf dem Balkon. „Ich habe die Nachbarn immer wieder gebeten, Ruhe zu halten und dafür werde ich noch beschimpft“, klagt sie und schiebt aufgebracht hinterher: „Ich verlange Respekt. Das kostet kein Geld.“ Die GWC kennt die Probleme von Edelgard Zippel. Die Seniorin hat mehrfach um Gespräche gebeten, auch das jüngste Protokoll geht an die Geschäftsführung.

Sieben ausländische Familien in einem Aufgang

Seitdem ihre Knie nicht mehr mitmachen, ist sie auf Krücken angewiesen. Die 80-Jährige kommt nur noch selten aus der Wohnung. Die Seniorin zählt auf: „In unserem Aufgang leben mittlerweile sieben ausländische Familien mit 15 Kindern.“ Das sei deutlich mehr als in den anderen Aufgängen des Wohnblocks. Die beiden Frauen befürchten, dass immer mehr Fremde einziehen und auf diese Weise der soziale Zusammenhalt kippt. Edelgard Zippel beschleicht ein Verdacht: „Mir kommt es vor, als ob die Stadt die Flüchtlinge von der Gemeinschaftsunterkunft in der Hegelstraße in die Wohnungen der GWC steckt, und die restlichen Mieter sollen es dann richten und die Leute erziehen.“

Besserung nach einem Jahr des Zusammenlebens

Den Eindruck hat die Gebäudewirtschaft sicherlich auch öfter. Nur dass die Mitarbeiter der Gesellschaft den Mediator spielen müssen. GWC-Chef Kunze sagt frei heraus: „Natürlich gibt es Probleme, wenn Menschen hierherkommen, in einen fremden Kulturkreis, wo sie zwar eine Grundversorgung erhalten, aber keine Arbeit haben. Da verschieben sich ganz schnell die Tagesabläufe. Sie bleiben bis spät in die Nacht auf und sind laut.“ Aber dieses Phänomen gebe es oft genug auch mit deutschen Mietern, betont Torsten Kunze. „Die Erfahrung zeigt, dass in den meisten Fällen nach einem Jahr Ruhe einkehrt.“ Als die Flüchtlinge vom Jugoslawienkrieg nach Cottbus kamen, sei das so gewesen, genauso wie mit den Spätaussiedlern aus Russland Anfang der 1990er.

Aktuell zählen neben der Heinrich-Mann-Straße die Albert-Förster- und die Saarbrücker Straße zu den Problemstandorten der GWC. „Wir geben uns ganz viel Mühe“, versichert Kunze. Es würden immer wieder Gespräche mit den Familien geführt, bei Konflikten werde der Flüchtlingsbeirat der Stadt einbezogen, in Extremfällen müssen die Menschen sogar ausziehen.

Kulturmanager wären nötig zur Vermittlung

Aber oft genug stoße auch die GWC an ihre Grenzen. „Die kulturellen Hürden sind hoch“, betont der Geschäftsführer. Die Hausordnung gibt es inzwischen auf Englisch, Französisch, Kurdisch, Arabisch, Persisch, Dari und Paschtu. Doch das allein reiche nicht. „Es bräuchte Kulturmanager, die überregional im Einsatz sind“, sinniert Torsten Kunze. „Denn die Probleme gibt es nicht nur in Cottbus, sondern genauso in Potsdam und Frankfurt.“ Die Kulturmanager müssten sich mit den regionalen Unterschieden und Traditionen der Flüchtlinge auskennen, deren Sprache sprechen. Denn Syrer sei nicht gleich Syrer, genauso wenig, wie ein Bayer genauso wie ein Lausitzer tickt, obwohl beide Deutsche sind. „Der Bund müsste solch eine Möglichkeit schaffen, denn der Stadt kann man diese Aufgabe nicht noch zusätzlich aufbrummen“, sagt Torsten Kunze.

Zehn Prozent Ausländer in einem Block

Der GWC-Chef widerspricht dem Eindruck von Edelgard Zippel, dass zu viele Ausländer in einzelnen Wohnblöcken unterkommen. „Wir verteilen die Menschen auf die freien Wohnungen. Wir haben einen Flüchtlingsbeauftragten, der das im Blick hat“, erklärt Kunze. Demnach leben beispielsweise in dem Wohnblock an der Heinrich-Mann-Straße zehn Prozent Ausländer. „Das ist kein Ghetto. Das wird es auch nicht werden.“ Zum Vergleich: Die Ausländerquote für ganz Cottbus liegt bei knapp neun Prozent.

Der Geschäftsführer betont: „Ich bin froh, dass es solche Menschen wie Frau Zippel gibt.“ Sie helfen der städtischen Gesellschaft, die Probleme zu erkennen. Die Seniorin hat ihrerseits einen Wunsch: „Es gibt doch Flüchtlingsbeauftragte und Sozialarbeiter, die sich um sie kümmern. Die sollten auch mal bei uns nachfragen.“

In einer früheren Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise von der Thomas-Mann-Straße geschrieben. Tatsächlich handelt es sich um die Heinrich-Mann-Straße in Sachsendorf.